Expertenstimme zum Thema Reden beginnt mit Hören

Wie entwickelt sich das Gehör

von SOL Gerorg BergerZu den Kommentaren (0) »

Bereits in der Embryonalentwicklung werden die Anlagen von Mittel- und Innenohr sehr früh ausgebildet. Diese Strukturen sind bei der Geburt des „normalen“ Kindes bereits funktionstüchtig. Das Innenohr mit seinen Sinneszellen, den für das Hören wichtigen Haarzellen, ist bereits in der 16.-23. Schwangerschaftswoche in voller Größe angelegt. Auch die Nervenzellteilung in der zentralen Hörbahn ist bereits vor der Geburt beendet. Die Reifung der Hörbahn ist beim Neugeborenen noch nicht abgeschlossen. Schon im Mutterleib beginnt der Fetus seine Umgebung akustisch über den Körperschall seiner Mutter wahrzunehmen.

Wie funktioniert eigentlich das Hören?

Schall (wie Alltagsgeräusche, Musik, Sprache, ...) versetzt die Luft in Schwingung. Das äußere Ohr (Ohrmuschel) sammelt die Schallwellen und transportiert sie durch den Gehörgang zum Trommelfell. Dieses nimmt die Schwingung auf und überträgt sie ins Mittelohr mit den kleinsten Knöchelchen des menschlichen Körpers: Hammer, Amboss und Steigbügel. Während der nun folgenden Übertragung der Vibrationen auf die Flüssigkeit des Innenohrs wandelt das Mittelohr die  Luftschwingungen in Flüssigkeitsbewegungen um. Im Innenohr, der so genannten Hörschnecke (Cochlear), versetzt die Flüssigkeit die Basilarmembran in Schwingung. In ihr sitzt das eigentliche Hörorgan, auch Cortisches Organ genannt. In dessen ca. 20.000 Hörzellen entstehen nun elektrische Impulse, die über die Hörnerven an den Hirnstamm weitergegeben werden. Hier erfolgt die Zuordnung zu den entsprechenden »Verarbeitungszentren« des Gehirns.

Hört das Kind gut?

Der Hörvorgang jedes Menschen gliedert sich in zwei gut unterscheidbare Abschnitte. Als „peripheres Hören“ bezeichnet man die Fähigkeit, Töne, Klänge, Geräusche und Sprache überhaupt wahrzunehmen. Als peripheres Hörn wird die gewissermaßen „am Rande liegende“ reine Umsetzung von Schall durch das Ohr in Nervenimpulse bezeichnet.

Schallleitungsschwerhörigkeit = leiseres Hören (betroffen: Äußeres Ohr und Mittelohr)
Schallempfindungsschwerhörigkeit = Innenohr

Satzbeispiel einer Hochtonschwerhörigkeit (IO): Die Sprache wird „verfälscht“, wenn die Sprachlaute hoher Frequenzen wie die Mitlaute p, k, f, h oder z.B. alle t-, alle s- und alle sch-Laute einfach verschwinden:

„rage un An wor in die eiler der ommuni aion“ - hier sind die hohen Laute nur herausgestrichen

bzw.„EID PIDISTER HART SIG TSU EIDER FIKDIGEN KOVELENZ IN EIDER ROOSSCHNATT AUF“

Zentrale Hörverarbeitung (= vom Hörnerv bis zum primären Hörzentrum. Der akustische Reiz wird über verschiedene Kernregionen in den akustischen Kortex weitergeleitet):

Doch erst in der „zentralen Hörverarbeitung“ unseres Gehirns werden die vom peripheren Hören gelieferten Signale in sinnvolle Informationen umgesetzt.

Anhaltspunkte für Eltern, die kontrollieren möchten, ob ihr Kind richtig „peripher“ hören kann:

 

  • vierte bis sechste Lebenswoche: Säuglinge sollten bei plötzlichen lauten Geräuschen erschrecken und sich bei Zuwendung beruhigen.
  • drittes bis viertes Lebensmonat: Säuglinge sollten stimmhaft lachen und plappern. Sie sollten ihre Augen in die Richtung einer Schallquelle bewegen.
  • siebtes bis achtes Lebensmonat: Säuglinge sollten auf Musik lauschen und unterschiedliche Stimmlagen und Laute ausprobieren, sollten erste zweisilbige Wörter von sich geben und auf Musik lauschen.
  • Im ersten Lebenshalbjahr plappern alle Kinder. Säuglinge, die nichts hören, verstummen dann.
  • zehntes bis zwölftes Monat: Säuglinge sollten reagieren, wenn sie in normaler Lautstärke aus etwa 1 m Entfernung angesprochen werden, sollten Verbote verstehen (z.B. „Nein“, „Lass das!“)
  • zweiter Geburtstag: Kinder beginnen Zweiwort-Sätze zu sprechen (z.B. "Mama da" oder "Ball haben"). Sie sollten jetzt Anweisungen befolgen können, die ihnen ins Ohr geflüstert werden.

Welche Auswirkungen können Schwerhörigkeit auf die Entwicklung des Kindes haben?

Ist das Gehör geschädigt, so ist oft auch die Entwicklung des Hörgehirns geschädigt.
Die sensible Phase, in der sich das Hörgehirn besonders intensiv entwickelt, ist in den ersten Lebensjahren. Dabei gilt: Je früher, desto intensiver.

Im Kindesalter werden Hörvorstellungen erst entwickelt. Erwachsene, die später schwerhörig werden haben bereits Hörvorstellungen entwickelt, die Schwerhörigkeit, kann dann je nach Art durch Hörhilfen mehr oder weniger ausgeglichen werden. Bei Kindern ist die Hörvorstellung jedoch noch nicht entwickelt. Diese Entwicklungsvorgänge muss man immer vor Augen haben, wenn man die kindliche Schwerhörigkeit verstehen will.
Für die Sprachentwicklung ist ein intaktes Gehirn, ein intaktes Ohr und genügend Anregung von Seiten der Umwelt notwendig. Fehlt eine dieser Komponenten, führt dies meistens zu Sprachentwicklungsverzögerungen.

Zentrale Hörverarbeitung: Eine auditive Wahrnehmungsstörung kann vermutet werden, wenn Kinder in ihrem Verhalten durch folgende Symptome auffallen:

  • verminderte Merkfähigkeit akustisch vermittelter Informationen (Sätze, Reime, Lieder)
  • häufiges Verwechseln klangähnlicher Laute (laut- und schriftsprachlich; ähnlich klingende Laute können nicht differenziert werden)
  • übermäßige Lautempfindlichkeit bei üblichem Umgebungslärm
  • reduziertes Sprachverständnis bei üblichem Umgebungslärm (Kindergarten, Klassenzimmer)
  • reduzierte Aufmerksamkeit bei üblichem Umgebungslärm
  • mangelnde Lokalisation einer Schallquelle
  • das Unterscheiden unterschiedlicher Tonhöhen
  • das Erkennen eines bestimmten Rhythmus gelingt nicht
  • deutlich eingeschränktes akustisches Kurzzeitgedächtnis
  • mangelhafte phonematische Diskrimination (m/n; k/t; o/u ..)
  • Tempo (je schneller und komplexer – desto größer die Schwierigkeiten)
  • dichotisches Hören stark mangelhaft
  • Homo-Laterale-Arm-Bein-Bewegungen
  • der Muskeltonus beim Händedruck scheint eher recht niedrig zu sein,...


Für nähere Auskünfte bzw. für Seminare, Referate, Elternabende, usw:

SOL Georg Berger (Leitungs-Team des SPZ für Hörbeeinträchtigte in Kärnten)
E-Mail: ohr.gberger@gailtal.at
Homepage: www.hoeren.ksn.at

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