Expertenstimme zum Thema Stillen – Ein guter Start ins Leben

Der Umgang mit Medikamenten in der Stillzeit

Es gibt immer wieder große Unsicherheiten in Bezug auf Medikamenteneinnahme während der Stillzeit. Warnhinweise auf Beipackzetteln vermitteln den Eindruck, dass die Einnahme der meisten Arzneimittel für den gestillten Säugling riskant sind und nicht verwendet werden dürfen. Häufig liegt das aber daran, dass bis dato lediglich bei etwa 30 Prozent aller am Markt erhältlichen Medikamente die Auswirkungen auf den gestillten Säugling erforscht und bewertet wurden. Leider kommt es dadurch immer wieder zu unnötigem Abstillen oder zu Therapieabbrüchen bei der Mutter.

Stillen trotz Krankheit?

Meiner Meinung nach haben gesündere Mütter auch gesündere Babys. Daher ist es wichtig, dass Frauen bessere und genauere Informationen erhalten, um sowohl ihre eigenen Gesundheitsprobleme zu behandeln, als auch ihr Baby weiterhin sicher und erfolgreich zu stillen. Es gibt heutzutage eine Vielzahl nicht rezeptpflichtiger Medikamente, auf die während der Stillzeit bedenkenlos zurückgegriffen werden kann. Ich empfehle aber allen stillenden Müttern sich immer mit ihrem Arzt oder ihrer Ärztin vor der Anwendung eines Medikaments zu beraten.

Wenn Sie krank sind, dürfen Sie generell ohne Bedenken stillen. Entscheidend sind meist die Medikamentenauswahl sowie das Alter des Säuglings (bei Frühgeborenen besteht z.B. ein höheres Risiko, als bei älteren Babys). Es gibt nur einige wenige Erkrankungen der Mutter, die eine Stillpause oder ein Abstillen erfordern wie z.B. eine HIV Infektion.

Erkältung

Eine Erkältung, Halsschmerzen (auch Angina), ein grippaler Infekt oder Bronchitis stellen kein Problem für das Stillen dar, denn das Kind ist den Erregern schon ausgesetzt bevor die Mutter überhaut merkt, dass sie krank ist. Das Kind bekommt über die Muttermilch sogar wertvolle Antikörper, die es vor einer Ansteckung schützen.

Fieber

Bei Fieber empfehle ich stillenden Frauen Acetaminophin und Ibuprofen, denn das sind zurzeit die sichersten Medikamente am Markt. Beide haben nur sehr kurze Halbwertszeiten und werden in der Muttermilch schnell wieder abgebaut (1-3 Stunden Acetaminophin; 2,5 Stunden Ibuprofen).

Migräne

Für stillende Mütter, die an Migräne leiden, gibt es einige erfolgreiche Behandlungsmöglichkeiten. Sumatriptan beispielsweise lagert sich nur in geringsten Mengen in der Muttermilch ab und ist für den Säugling unbedenklich. Auch einige Betablocker, wie etwa Metroprolol können zur sicheren Therapie eingesetzt werden. Ibuprofen, Ketorolac und Paracetamol dürfen von stillenden Frauen bei Migräne ebenfalls bedenkenlos eingenommen werden.

Depressionen

Im Fall von Depressionen bei der Mutter hat eine Nichtbehandlung eine weitaus schlimmere Auswirkung auf das Baby, als die Einnahme von Medikamenten. Säuglinge mit einer depressiven Mutter weisen eine Vielzahl von neurologisch bedingten Komplikationen auf. Durch eine allgemein schlechtere Entwicklung kommt es auch meist zu einer deutlichen Verzögerung der Sprech und Sprachentwicklung. Ich empfehle routinemäßig allen an Depressionen leidenden Frauen, ihre Antidepressiva weiterhin zu nehmen. Probleme während der Stillzeit treten so gut wie gar nicht auf.

Hepatitis

Bei Hepatitis A und C können Sie bedenkenlos stillen, es gibt keinerlei Auswirkungen auf Ihr Baby. Sollten Sie an Hepatitis B leiden und Ihr Kind nicht dagegen geimpft sein, dann sollten Sie die Impfung auf jeden Fall durchführen lassen bevor Sie zu stillen beginnen.

Arzneimittel, die stillende Frauen meiden sollten

Es gibt einige Medikamente, die stillende Frauen nicht einnehmen sollten. Man findet jedoch fast immer ein Produkt aus derselben Medikamentenfamilie, das stattdessen angewendet werden kann.

Meiden Sie Präparate mit folgenden Inhaltsstoffen:

  • Acebutolol: Beim Säugling kann der Betablocker Acebutolol gravierende Hypotonie (niedriger Blutdruck) auslösen. Der Betablocker Metoprolol hingegen dringt viel schlechter in die Muttermilch ein und ist daher zu bevorzugen.
  • Pseudoephedrin: Auf Medikamente mit dem Inhaltsstoff Pseudoephedrin sollten Sie während der Stillzeit verzichten, da sie meist die Milchproduktion unterdrücken. Hier empfehle ich auf sedierende Antihistaminika, wie etwa Cetirizin, Loratadin oder Fexofenadin zurückzugreifen.
  • Östrogene: Eine stillende Frau darf zur Empfängnisverhütung zwar die Pille nehmen, sollte sich aber lediglich eine Gestagen-haltige Minipille verschreiben lassen und Produkte die Östrogene beinhalten meiden.
  • Zytostatika: Krebsmedikamente wie Zytostatika sind für stillende Frauen tabu, da sie hochgiftig sind und sich in der Muttermilch ablagern können.
  • Ergot-Alkaloide: Medikamente aus der Familie der Ergot-Alkaloide (Mutterkornalkaloide), Ergotamin, Cabergolin oder Bromocriptin wirken sich sehr nachteilig auf die Muttermilchproduktion aus und sollten daher von allen Müttern gemieden werden, wenn sie weiter stillen möchten.

Das Antibiotikum Metronidazol ist für den gestillten Säugling zwar unbedenklich, verleiht aber der Muttermilch einen unguten und metallischen Geschmack, den die meisten Babys abstoßend finden.

Naturheilmittel – eine Alternative für stillende Frauen?

Bei pflanzlichen und alternativen Mitteln sollten Sie äußerst vorsichtig sein. Einige davon sind unbedenklich und andere wiederum nicht. Das Problem ist, dass es kaum wissenschaftliche Daten in punkto Wirksamkeit von Naturheilmittel gibt. 

  • Generell rate ich allen Schwangeren und stillenden Frauen dringend davon ab Naturheilmittel oder alternativmedizinische Präparate anzuwenden! Setzen Sie Ihr Kind keinem unnötigen Risiko aus!

Die meisten Naturheilmittel verfügen über dutzende pflanzliche Inhaltsstoffe und das macht die Einschätzung sehr komplex. Nach der Einnahme von Frauenwurzel, Salbei und Kava Kava etwa können bei gestillten Babys sehr schwerwiegende  Nebeneffekte auftreten.
Andererseits werden manche pflanzlichen Heilmittel schon seit Jahrhunderten bei stillenden Frauen eingesetzt und es scheint, dass diese unbedenklich sind. Zum Beispiel wurde Bockshornklee bei Millionen von stillenden Müttern angewendet und es gibt so gut wie keine dokumentierten Fälle über besondere Komplikationen. In der Zwischenzeit verfügen wir jedoch über Forschungsergebnisse, die vermuten lassen, dass Bockshornklee keine besonders fördernde Wirkung auf die Muttermilchproduktion hat.

Dr. Tom Hale
Professor für Pädiatrie und Assistant Dean of Research an der Texas Tech University School of Medicine.
Dr. Hale besitzt ein Diplom in Pharmazie sowie einen Doktortitel in Pharmakologie und Toxikologie. Seine große Erfahrung betrifft insbesondere die Fachgebiete Pädiatrie und das Stillen. Er hat unter anderem das weltweit meist verkaufte Arzneimittel-Nachschlagewerk „Medications and Mothers´ Milk“ verfasst. Zu seinen weiteren Bücher zählen: „Textbook of Human Lactation“, „Clinical Therapy in Breastfeeding Women“, und „Drug Therapy and Breastfeeding“. www.ibreastfeeding.com, www.infantrisk.com

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