Expertenstimme zum Thema Schulwahl - Eine Entscheidung fürs Leben

Schulwechsel – Herausforderung für Kinder und Eltern

von Andrea FrauendorferZu den Kommentaren (0) »

In Österreich sind viele Bildungswege möglich, das österreichische Schulsystem ist ein offenes und durchlässiges System, das Schulwechsel von einem Schultyp zum anderen bzw. von einer Schule zur anderen prinzipiell ermöglicht. Trotzdem sollte der Bildungsweg eines Kindes gut überlegt werden – besonders nach den ersten vier Klassen Volksschule, da sich bereits hier die Bildungswege in den des Gymnasiums und den der Hauptschule aufspalten. Da das Bildungsbewusstsein der Eltern gestiegen ist, ist auch Trend zum Gymnasium nach der Volksschule ungebrochen, vor allem im städtischen Bereich. Ebenso hält der Trend zu berufsbildenden mittleren und höheren Schulen an, was die Oberstufen der Gymnasien dazu angeregt hat, verstärkt interessante Schwerpunkte anzubieten, die weit über die Vermittlung von Allgemeinbildung und Studierfähigkeit hinausgehen. Auch hier ist es wichtig, die Informationen über Schwerpunktbildungen der einzelnen Schulen einzuholen, um mit dem Kind gemeinsam die richtige Schullaufbahnentscheidung zu treffen.

Was sollten Eltern beachten, wenn ein Schulwechsel bevorsteht?

Zunächst einmal zum Schulwechsel von der Volksschule zur Hauptschule bzw. zum Gymnasium: Hier werden Kindern vor unterschiedlichste Herausforderungen gestellt:

  • Die Schulwege sind meist länger, die Schule komplizierter erreichbar. Ihr Kind muss daher fähig sein, selbstständig und sicher den Schulweg zu bewältigen und längere Warte- und Fahrtzeiten in Kauf zu nehmen. Dies gilt vor allem für Kinder, die oftmals von kleinen ländlichen Volksschulen in größere Städte pendeln und plötzlich völlig auf sich gestellt sind. Als Eltern können Sie Ihre Kinder unterstützen, indem Sie den Schulweg in den Ferien oder/und zu Schulbeginn abfahren und mit dem Kind besprechen.
  • Zunächst muss sich das Kind auf ein neues soziales Gefüge, sprich auf neue MitschülerInnen einstellen und neue soziale Kontakte aufbauen. Kontaktfreudigen Kindern wird dies nicht schwer fallen. Kinder, die längere Anlaufszeiten für das Knüpfen neuer Freundschaften brauchen, benötigen dabei manchmal die aktive Unterstützung der Eltern. Die neuen SchulkollegInnen nach Hause einzuladen ist eine mögliche Form der Unterstützung, damit sich das eigene Kind rasch in der neuen Klasse wohl fühlt.
  • Kinder, die von einer Volksschule in die Sekundarstufe I (also HS oder Gymnasium) kommen, werden oftmals mit einem vorerst für sie unübersichtlichen Gebäude, mit vielen neuen Gesichtern, mit neuen Hausregeln und oftmals auch mit neuen sozialen Regeln konfrontiert, die die Gleichaltrigen bzw. älteren Kinder festsetzen, mit denen die neuen Kinder im Schulhaus, Schulhof oder im Bus konfrontiert werden. Auch hier gilt es, dass Eltern Unterstützung anbieten, indem sie die Kinder selber, durch größere Geschwister bzw. Freunde in den ersten Tagen zur Schule begleiten und die neuen Situationen mit dem Kind durchbesprechen. Natürlich bieten die LehrerInnen Unterstützung an, sodass sich die Kinder in der ersten Klasse gut einleben können. Auch hier gilt: Je selbstständiger ein Kind bisher war, umso leichter wird es die Umstellung auf die neue Schule bewältigen.
  • Die vielleicht schwierigste Herausforderung ist für Kinder einer ersten Klasse einer HS oder eines Gymnasiums, sich auf die vielen neuen LehrerInnen und die stündlich wechselnden Gegenstände umzustellen. War in der Volksschule der Unterricht noch eher in Form eines Gesamtunterrichtes und damit ganzheitlicher aufgebaut, gibt es hier eine klare Trennung zwischen Gegenständen und den jeweiligen LehrerInnen, die diese unterrichten. Das mag eine vorläufige Überforderung für manche Kinder sein, da sie sich an den Unterrichts- und Kommunikationsstil der/des jeweiligen Lehrers/In anpassen müssen. Eine zusätzliche Herausforderung kann sein, dass Kinder, die von der Volksschule her sehr offene Lernformen gewöhnt waren und in der neuen Schule vermehrt mit Frontalunterricht konfrontiert werden, sich umorientieren müssen. Erfahrungsgemäß zeigt sich, dass SchülerInnen, die selbstständiges und eigenverantwortliches Lernen und Arbeiten gewöhnt sind, sich vor allem im Gymnasium auf den Unterrichtsstil des/der Lehrers/In gut einstellen können.

Generell wichtig ist für Eltern, deren Kind eine neue/andere Schule besucht, das Gespräch und den Kontakt mit anderen Eltern und mit den LehrerInnen zu suchen. Das Klassenforum bzw. die angebotenen Elternabende sollten auf jeden Fall genützt werden, um Informationen und Erfahrungen über die Schwerpunkte und Besonderheiten der Schule, der Unterrichtsformen und der Zusammensetzung der Klasse zu erfahren und auszutauschen. Eine gute Gesprächsbasis mit den LehrerInnen ist auf jeden Fall wichtig, um das Kind in der neuen Lern- und Schulsituation begleiten und unterstützen zu können.

Was noch zu beachten ist

Wechselt Ihr Kind mit der Schule auch den Schulsprengel, so sind Anträge an die jeweilige Schule zu stellen (Umsprengelung). Die Regelungen mit den Schulsprengeln werden von Bundesland zu Bundesland und von Sprengel zu Sprengel unterschiedlich streng gehandhabt – die jeweilige Schulbehörde gibt Auskunft.

Mit einem Schulwechsel, beispielsweise von der AHS-Unterstufe in die Hauptschule, können sich SchülerInnen unter Umständen die Wiederholung einer Schulstufe ersparen.

AHS-SchülerInnen, die in die Hauptschule übertreten, sind in Bezug auf die Einstufung in Leistungsgruppen so zu behandeln, als wären sie bisher in der jeweils höchsten Leistungsgruppe eingestuft gewesen. Das heißt für den/die betroffenen SchülerIn: Bei einem Übertritt in die Hauptschule ist er/sie trotz "Nicht genügend" in Deutsch, Mathematik bzw. Lebender Fremdsprache zum Aufsteigen berechtigt und wird in die zweite Leistungsgruppe eingestuft. (§ 29 Abs. 2 SchUG). Ein "Nicht genügend" in Latein zählt beim Übertritt in die Hauptschule nicht, da Latein an dieser Schulart lehrplanmäßig nicht vorgesehen ist (§ 29 Abs. 2 SchUG).

Was tun nach den ersten acht Schuljahren?

Diese Frage stellen sich viele SchülerInnen und Eltern und sehen sich einer wachsenden Anzahl von Schwerpunktschulen gegenüber, die allesamt interessante Profile ausgebildet haben.

Zunächst muss man sich entscheiden: Soll das Kind eine gymnasiale Oberstufe besuchen (oder weiterhin die Langform des Gymnasiums), soll es in eine berufsbildende mittlere oder höhere Schule oder ins Polytechnikum gehen und später einen Lehrberuf erlernen?

Hier ist zu beachten, dass zunächst einmal der Wunsch und die Fähigkeiten und Interessen des Kindes beachtet werden (und erst viel später die Wünsche der Eltern nach einer bestimmten Bildungslaufbahn). Ist das Kind musisch, naturwissenschaftlich, handwerklich, sportlich oder sonst in irgendeiner Hinsicht begabt? Hat der/die Jugendliche irgendwelche Interessen, Vorlieben, vielleicht sogar schon Berufswünsche?

Aber auch: Welche Schule wäre denn überhaupt günstig zu erreichen? Manche Sekundarstufen II (Landwirtschafts-, Tourismus- oder Modeschulen) sind nur zu besuchen, indem der/die Jugendliche auswärts oder im Internat wohnt. Will das der/die Jugendliche, ist das auch im Sinne der Eltern?

Auch die entstehenden Kosten sind zu berücksichtigen, bevor endgültig die gemeinsame Entscheidung für eine bestimmte Schule bzw. für einen bestimmten Schultyp gefällt wird.

Der Überstieg von der Sekundarstufe I (also der Schule der 10-14jährigen) zur Sekundarstufe II (die Schule der 14-19jährigen) fällt meist vom sozialen Umfeld her leichter als der erste Umstieg mit 10 Jahren. Was die Leistungsanforderungen betreffen, kommt es darauf an, welche Anforderungen in der vorhergehenden Schule gestellt wurden und wie sehr auf SchülerInnen, die von der Hauptschule kommen, z.B. im Gymnasium oder in einer Handelsakademie eingegangen wird. Auch hier sollte noch das Gespräch mit den LehrerInnen und den anderen Eltern gesucht werden, um eventuell auftretenden Anpassungsproblemen vorzubeugen bzw. sich rechtzeitig informieren und austauschen zu können. Ansonsten sollte jede/r Jugendliche in diesem Alter fähig sein, die eigenen Lernprozesse so zu steuern, dass die Schule schaffbar ist – vorausgesetzt, der Schultyp wurde in Absprache mit dem/der Heranwachsenden und unter Berücksichtigung der Lern- und Leistungsfähigkeit des/der Jugendlichen richtig gewählt.

Was ist zu beachten, wenn ein Schulwechsel unfreiwillig erfolgt?

Zunächst einmal ist der Grund für einen Schulwechsel wesentlich für das, was beachtet werden muss. Ist der Schulwechsel aufgrund eines Wohnungswechsels erforderlich, wird sich die richtige Schule durch die Information beim zuständigen Landes- bzw. Stadtschulrat finden lassen. Wird die Schule gewechselt, da die Klasse nicht positiv abgeschlossen wurde und ein Neustart in einer anderen Schule geplant ist, sollte vor allem auf folgendes geachtet werden: Sind die Lehrpläne und Schwerpunktsetzungen der Schule kompatibel, d.h. vertragen sie sich so, dass nichts an Prüfungen nachgeholt werden muss? Das ist im Fremdsprachenbereich wichtig, da die Schulen aufgrund der zunehmenden Autonomie inzwischen sehr unterschiedliche Angebote setzen.

So kann ein Schulwechsel von einer AHS-Langform, in der der/die SchülerIn bereits Lateinunterricht bekam, in einer AHS-Oberstufe, wo mit Latein in der 6. Klasse begonnen wird, von Vor- oder Nachteil sein (je nachdem, ob der/die SchülerIn erfolgreich in Latein war). Die Wahlmöglichkeiten bei den Schultypen sind inzwischen sehr angewachsen und eigentlich nur durch Aufnahmezahlen und Erreichbarkeit beschränkt.

Grundsätzlich gilt für jeden Schulwechsel: Je jünger das Kind ist, umso mehr Unterstützung braucht es dabei von Seiten der Eltern (oder auch älterer Geschwister). Je älter, umso mehr können Sie als Eltern dem/der Jugendlichen vertrauen, sich an die neue Situation schnell zu gewöhnen und erfolgreich im neuen Schultyp bzw. in der neuen Schule zu sein.

Wichtig ist auf jeden Fall, die Bedürfnisse und Begabungen des/der Jugendlichen als wichtiges Entscheidungskriterium herzunehmen – und dann einfach zu vertrauen, dass der/die Jugendliche den eigenen Weg findet. Ihre Aufgabe als Eltern liegt im Begleiten Ihrer Kinder – und irgendwann im Loslassen.

Andrea Frauendorfer, Jg. 1967, ist geprüfte Hauptschullehrerin, Mutter von 2 schulpflichtigen Kindern und leitet seit 2001 das Schulkompetenzzentrum der Kinderfreunde. Derzeit Studium der Pädagogik an der Universität Salzburg. Mitherausgeberin des Buches „Schule neu gedacht – ExpertInnenbeiträge zur Zukunft der (österreichischen) Schule“.
Kontakt: schulkompetenzzentrum@kinderfreunde.cc 

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