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Das letzte Jahr im Kindergarten

von MAS Brigitte Lackner

Diesen Satz vom „Ernst des Lebens“  hört man relativ häufig, wenn mit Kindern oder über den bevorstehenden Schuleintritt eines Kindes gesprochen wird.  Aber was ist denn eigentlich gemeint mit diesem „Ernst des Lebens“? Soll damit zum Ausdruck gebracht werden, dass im Leben des Kindes ein neuer (vielleicht auch bedeutenderer) Abschnitt beginnt, dass die Familie ab dem Schuleintritt mit anderen (vielleicht auch schwierigeren) Aufgaben konfrontiert wird, dass das Leben plötzlich weniger Spaß und Freude bereit hält und ernster (und vielleicht auch schwerer) werden muss?

Welche Veränderungen ergeben sich mit dem Schuleintritt?

Meistens soll mit diesem Satz zum Ausdruck gebracht werden, dass es mit dem Schuleintritt des Kindes zu ganz natürlichen Veränderungen  kommen wird. Diese Veränderungen zeichnen sich schon im letzten Kindergartenjahr ab und betreffen sowohl das Kind, die Eltern, sowie das ganze  Familiengefüge. Auf alle kommt eine sogenannte Übergangssituation zu. Diese ist in der Literatur auch unter den Begriffen Transition (Übergang) oder Diskontinuität (=Bruch) zu finden. Es werden damit „Komplexe, ineinander übergehende und sich überblendende Handlungsprozesse bezeichnet, wenn Lebenszusammenhänge eine massive Umstrukturierung erfahren.“ (Griebel/Niesel: 2004) Im Gegensatz dazu wird der Wechsel im Betreuungssetting während eines Tages, z.B. ein Wechsel von der Familie zum Kindergarten am Vormittag und zur Großmutter am Nachmittag, als Transfer bezeichnet. Unser Bildungssystem ist geprägt von Übergängen zwischen Familie und Bildungseinrichtungen aber auch von Bildungseinrichtung zu Bildungseinrichtung. Der klassische Weg Familie – Kleinkinderbetreuung (Krippe, Tagesmutter, Kleinkindergruppe) – Kindergarten – Volksschule – Weiterführende Schule – … ist in fast allen Familien gegenwärtig. Und an all diesen Übergängen werden Kindern und Eltern Fähigkeiten abverlangt, die es zu entwickeln gilt, um diese Situation gut meistern zu können.Der Übergang vom Kindergarten in die Schule bringt auf drei Ebenen Veränderungen für das Kind mit sich: Auf der Ebene des Individuums, auf der Ebene der Beziehungen und auf der Ebene der Lebensumwelten. Es handelt sich jeweils um neue Erfahrungen des Kindes, die es integrieren muss. Da dies in relativ kurzer Zeit geleistet werden muss,  und verdichtete Lernprozesse immer auch als Entwicklungsanreize gesehen werden, werden diese Anforderungen auch als Entwicklungsaufgaben bezeichnet.
Auf der individuellen Ebene

  • Veränderung der Identität: Übergang vom Kindergartenkind zum Schulkind
  • Bewältigung starker Emotionen:  Vorfreude, Neugierde, Stolz und Unsicherheit, Angst… und das Hin- und Hergerissensein zwischen diesen Emotionen
  • Kompetenzerwerb: Selbständigkeit, Kulturtechniken, neue Verhaltensweisen,
  • körperliche Veränderungen: Wachstum, Änderung des Körperschemas, Zahnwechsel,…

Auf der Beziehungsebene

  • Aufnahme neuer Beziehungen: Lehrkraft, MitschülerInnen
  • Veränderungen oder Verlust bestehender Beziehungen: KindergartenpädagogInnen, Kindergartenfreunde, Beziehungen in der Familie
  • Rollenzuwachs: zur Rolle des Kindes in der Familie kommt die Rolle des Schulkindes mit Rollenerwartungen hinzu
  • Veränderung der Rolle der Eltern
  • Umgang mit Druck

Auf der Ebene der Lebensumwelten

  • Integration zweier Lebensbereiche: Familie/Schule
  • Neue Strukturen und Inhalte: Lehrplan anstelle von Methoden und Inhalten des Kindergartens
  • eventuell Bewältigung weiterer familiärer Übergänge: z.B. Geburt eines Geschwisterkindes, Aufnahme der Erwerbstätigkeit eines Elternteils
  • Veränderung des Jahresrhythmus: Schulzeit – Ferienzeit

Als Fähigkeiten, die bei der Bewältigung dieser Entwicklungsaufgaben grundsätzlich hilfreich sind, werden folgende beschrieben:

  • Sachkompetenz: Fähigkeit zu kooperieren, Verantwortung und Funktionen zu übernehmen
  • Sozialkompetenz: das Verhältnis des Kindes zu seinen Mitmenschen und seiner Umwelt, die Fähigkeit andere Menschen (Kinder wie Erwachsene) mit ihren Bedürfnissen, Interessen und Erwartungen wahrzunehmen, die Bereitschaft, die Signale der Umwelt im eigenen Verhalten zu berücksichtigen
  • Selbstkompetenz/Ichkompetenz: Erfahrung im Umgang mit sich selbst, sich selbst kennen, sich seiner eigenen Stärken und Schwächen bewusst sein, Selbstwert, Selbstvertrauen

Werden Übergangssituationen im Kindesalter gut gemeistert und als angenehm empfunden, hat das  eine positive Auswirkung auf alle Übergangsituationen, die im Leben eintreffen werden  (z.B.: vom Single zum Paar, vom Paar zur Elternschaft, von der Ausbildung in den Berufsalltag,…). Es entstehen dabei die Grundlagen für den Umgang mit weiteren Transitionen und es werden schon früh Strategien entwickelt, die spätere ähnliche Situationen prägen. Das heißt,  Kompetenzen, die Kinder bei dieser Bewältigung der ersten Übergänge erwerben, sind auch Basis- oder Schlüsselkompetenzen und es können schon in diesen ersten Transitionen Strategien entwickelt werden, die eine gute Basis für die Ausbildung weiterer Kompetenzen bilden, oder eben nicht.

Wie kann dieser Übergang vom Kindergarten in die Schule gut gelingen?

Es hat sich gezeigt, dass der Übergang vom Kindergarten in die Schule von Kindern und Erwachsenen dann gut gemeistert wird, wenn er als Co-Kontruktion verstanden wird. Damit ist ein Zusammenspiel aller beteiligten Parts gemeint. Es haben sowohl KindergartenpädagogInnen und LehrerInnen, als auch die häuslichen Betreuungspersonen für das Kind die sehr prägende Rolle als Identifikationsfigur, die im Alter um das 5. – 6. Lebensjahr einen Wandel erfährt. Das heißt die Erwachsenen sind mit ihren eigenen  Selbst-Sach- und Sozialkompetenzen, für das Kind Vorbild. Je jünger das Kind ist, desto mehr übernimmt es das Verhalten der momentan wichtigsten Identifikationsfigur. Darin liegt zugleich die Chance, aber auch die Gefahr mit dem eigenen Verhalten das Verhalten des Kindes in diesem Lebensabschnitt und in der  Zukunft entscheidend zu beeinflussen. Damit wird auch deutlich, wie wichtig das Miteinander und auch die Abhängigkeit voneinander bei der optimalen Bewältigung dieses Überganges ist.
Ein weiterer wesentlicher Aspekt ist, dass es in dieser Beziehung Eltern – Kind – KindergartenpädagogInnen – LehrerIn zwei Teile gibt, für die sich eine Veränderung ergibt und zwei, die eine Moderatorenrolle einnehmen. Kindergartenkinder werden zu Schulkindern, Eltern von Kindergartenkindern werden zu Schulkindereltern. Für Kindergartenpädagogen/innen und Lehrer/innen ergeben sich keine Veränderungen.

Was kommt auf die Eltern zu?

Genau so wie das Kind gefordert ist, diese Übergangssituation vom Kindergarten in die Schule zu meistern, entsteht auch für die Eltern eine Übergangssituation. Sie werden von Eltern eines Kindergartenkindes zu Eltern eines Schulkindes und damit verbunden entwickeln sich Fragen, Unsicherheiten und auch neue Aufgaben als Eltern. Eine wesentliche Rolle dabei spielen auch die eigenen Erfahrungen, die in Übergangssituationen gemacht wurden (siehe oben) und die nun den Umgang des Erwachsenen damit prägen.
Für Eltern entsteht eine doppelte Herausforderung: Sie müssen Begleiter des Kindes sein, haben aber gleichzeitig selbst eine Übergangssituation zu meistern.
Viele Fragen können auftauchen und verlangen nach Antworten wie z.B.:

  • Wie finde ich die richtige Schule für mein Kind?
  • Wie wird mein Kind während meiner Berufstätigkeit am Nachmittag betreut?
  • Welchen Schulweg kann ich meinem Kind zumuten?
  • Wird mein Kind den Anforderungen in der Schule gerecht?
  • Was wird von meinem Kind erwartet?
  • Habe ich mein Kind gut auf diese Veränderungen vorbereitet?
  • Hat der Kindergarten gute Vorschularbeit geleistet?
  • Wird mein Kind Kontakt zu den anderen Kindern finden?
  • Wird sich mein Kind behaupten können?
  • Wird sich mein Kind von mir trennen können?
  • Wird der/die LehrerIn mein Kind mögen?
  • Wird mein Kind die/den LehrerIn mögen?
  • Werde ich Kontakte zu anderen Eltern finden?
  • Werden wir als Familie mit den zeitlichen Anforderung zurecht kommen?
  • Werden wir unser Familienleben mit dem Schule – Ferien Rhythmus vereinbaren können?
  • Werden wir es schaffen, um 8 Uhr in der Schule zu sein?
  • Werden wir zu Hause mit den Hausübungen klar kommen?
  • Habe ich genug Zeit, mein Kind dabei zu begleiten?
  • Wie kann ich darauf achten, allen meinen Kindern die nötige Aufmerksamkeit zu schenken?
  • Wie kann ich mit meinen Gefühlen (Stolz, Trauer, Freude, Angst,…) umgehen, sodass diese mein Kind nicht belasten?
  • Wer beantwortet mir in der Schule meine Fragen?
  • Kann ich mich vertrauensvoll an die/den LerherIn wenden, oder wirft es ein schlechtes Licht auf mein Kind, wenn ich so viele Fragen habe?
  • Darf ich mir meine Unsicherheit anmerken lassen?
  • Wie gehe ich damit um, wenn der andere Elternteil des Kindes manches anders sieht?
  • und viele andere

Was kann Eltern unterstützen?

Die erste und sehr wichtige Erkenntnis ist die, dass auftauchende Fragen und Unsicherheiten ganz normal sind und ein Beweis dafür, dass das Kind in der Bewältigung seiner Übergangssituation von den Eltern begleitet wird. Fragen und Unsicherheiten ergeben sich nur dann, wenn Eltern ihre Rolle in der oben beschriebenen gemeinsamen Begleitung des Kindes (Co-Konstruktion) aktiv an- und wahrnehmen.
Der zweite wichtige Aspekt ist das Wissen darum, dass wir als Erwachsene für das Kind eine wichtige Identifikationsfigur sind und je mehr Respekt oder vielleicht sogar Angst wir vor dieser Veränderung haben, sich dies auch auf das Kind auswirken kann. Damit wird auch deutlich, dass es darum gehen muss, sich diesen Fragen zu stellen und damit umzugehen und sie nicht vor sich herzuschieben oder zu verdrängen. Denn Kinder haben ein sehr feines Sensorium dafür, wenn wir als Erwachsene versuchen, uns etwas nicht anmerken zu lassen. Und für Kinder kann es auch sehr bestärkend sein zu merken, dass auch Mama und Papa nicht immer sofort auf alle Fragen Antworten parat haben. Außerdem erleben sie  im Moment in Bezug auf den Einstieg in die Schule vielleicht gerade bei sich selbst Unsicherheiten und Fragen. Wichtig dabei ist vor allem, mit dem Kind in Kontakt zu bleiben und sich nötigenfalls gemeinsam auf die Suche nach Antworten oder Lösungen zu machen.
Daher ist der dritte und wesentlichste Aspekt, sich als Mutter oder Vater diesen Fragen zu stellen und sich auf die Suche nach Antwortmöglichkeiten zu machen und damit Sicherheit zu gewinnen. AnsprechpartnerInnen sind KindergartenpädagogInnen und LehrerInnen in ihrer ModeratorInnenrolle. Sie sind meist die ersten, wenn es um konkrete Fragen zum Kind, zur kindlichen Entwicklung und zu Abläufen und organisatorischen Fragen geht. Bei individuell auftauchenden Unsicherheiten, Zweifeln oder Fragen ist der Austausch mit anderen Eltern eine wesentliche Unterstützung. Die Erfahrungen, die andere Familien beim Wechsel von der Kinderbetreuungseinrichtung in die Schule gemacht haben, können sehr hilfreich sein und zeigen vor allem, dass alle auftauchenden Fragestellungen auch viele anderen betreffen oder betroffen haben. Nicht zuletzt sind Elternbildungsveranstaltungen die sich dem Thema „Schuleinstieg“ widmen immer wieder unterstützend. Sie informieren über die Veränderungen, die das Vorschulalter mit sich bringt und bieten in einem geschützten Rahmen die Möglichkeit zum Austausch und zur Entwicklung konkreter Handlungsschritte für die individuelle Familiensituation.


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