Zum Inhalt Zum Menü
Farbiger Bogen Farbiger Bogen Ei Schwerpunktthemen Zahnrad Lupe Share on Twitter Twitter Logo Share on Facebook Facebook Logo Share via E-Mail E-Mail Pfeil lang Pfeil nach unten Pfeil nach links Pfeil nach rechts Karte mit Marker Newsletter Links Bestellservice Literaturtipps Studien Elternbildung Login/Logout Hand Schließen Marker mit Hand YouTube Ei-Rahmen für Bilder info forum head helpdesk home info list logout message student task upload add burger burger_close courses delete download edit check link media preview preferences-elearning image share play-store-icon app-store-icon
Zum Inhalt Zum Menü

Gefühle erzählen

von Mag. Franz Lettner

Elternbildung
Elternbildung
Elternbildung

Literatur für Kinder erzählt fast immer über Gefühle. Weil sie über kindliche Lebensrealität erzählt, die durchflutet ist von den verschiedensten Gefühlen. Das gilt umso mehr, je jünger die Protagonist*innen und Leser*innen sind.

Und das ist schön und gut und normal.

Bilderbücher: eine Bühne für Gefühle.Elternbildung

In den Büchern wie im Leben gibt es Gefühle, die als gänzlich unproblematisch empfunden werden: Liebe, Freude, Glück oder Verbundenheit. Von diesen Gefühlsregungen kann niemand genug bekommen. An der Äußerung eines überbordenden Glücksgefühls bei Kindern oder an ihrer ungebremsen Zuneigung für Mütter und Väter stört sich kaum jemand. Erwachsene dagegen dürfen sich in der Realität selbst positiven Gefühlen nicht immer haltlos hingeben, in vielen Situationen ist eine Regulierung der Gefühlsäußerung entsprechend der gesellschaftlichen Konventionen geboten.

Mit Emotionen, die als negativ empfunden werden, Wut und Ekel etwa, haben es auch Kinder schwerer. Meist werden sie früh angehalten, diese Gefühläußerungen zu kontrollieren. Auch Angst gilt als schwierig. Zum einen macht kindliche Angst häufig auch den beteiligten Erwachsenen Angst. Zum anderen ist schwer einschätz- oder vorhersehbar, was Kindern Angst machen kann oder wird – was im Grunde für viele Gefühle gilt.

Bilderbücher bieten all diesen Gefühlen, den angenehmen wie den unangenehmen, eine Bühne. Und sie tun das – zugespitzt formuliert – in zwei unterschiedlichen Formen. Zum einen erzählen sie Geschichten, realistische wie phantastische, komische wie traurige, in denen Gefühle als Ausgangspunkt dienen, als Begleiterscheinung auftauchen oder am dramaturgischen Endpunkt stehen, zum anderen sind die Gefühle selbst das Thema des Bilderbuchs.

Zum Beispiel LangeweileElternbildung

Langeweile etwa bringt in Philip Waechters „Ein Tag mit Freunden“ (Beltz & Gelberg 2021) die Handlung in Gang: „Das ist Waschbär. Waschbär hat Langeweile.“ Das entsprechende Bild auf der ersten Doppelseite zeigt in hellen und warmen Farben einen Waschbären, der in der Kleidung und Haltung eines Menschen auf einem Schemel in seinem Haus sitzt und die Lesenden aus dem Bild heraus anschaut. Sein Versuch, etwas gegen die Langeweile zu tun, führt in der Folge dazu, dass er zusammen mit Freunden den ganzen Tag lang viel unternimmt: gemeinsam spazieren, Dinge reparieren, einen Kuchen backen, zusammensitzen und plaudern. Das Bilderbuch ist eine Feier der Gemeinschaft und des Lebens. Am Anfang aber steht die Langeweile.

Langeweile sollte man im Übrigen nicht unterschätzen, sie „ist immer eine Herausforderung für Kinder. (…) Langeweile ist im Grunde ein Gefühl von Verlassenheit. Das Kind fühlt sich allein in seiner Zeit und mit der Leere seiner Zeit.“ (Helge-Ulrike Hyams: Das Alphabet der Kindheit, Berenberg Verlag 2017). Oft aber ist sie zugleich – so wie in „Ein Tag mit Freunden“ – Auslöser für Aktivitäten, die als erfüllend empfunden werden. Am Ende steht Zufriedenheit, ein Glücksgefühl, bei den Protagonisten der Geschichte wie – sehr wahrscheinlich – auch bei den Leser*innen.

Zum Beispiel SchamElternbildung

In „Ich bin wie der Fluss“ von Jordan Scott und Sydney Smith (Aladin im Thienemann Verlag 2021) wird von einem Jungen erzählt, der stottert. Die Störung seines Redeflusses führt zu einer ganz eigenen Weltwahrnehmung. Das zeigt die Bildserie, mit der das Buch startet: Zu sehen sind zuerst ein paar Dinge in seinem Zimmer, so wie er sie kurz nach dem Aufwachen wahrnimmt. Dann der Junge, wie er aus seinem Fenster in den Garten hinaussieht; und schließlich das Gesicht von außen durch das Fenster, in dem sich zugleich auch die Außenwelt spiegelt. „Ich wache am Morgen auf / und in meinem Mund / stecken die Wörter fest. // Ich bleibe stumm / wie ein Stein.“ Das Stottern des Jungen lässt ihn verstummen, das wiederum macht ihn einsam. Traurigkeit und Scham sind zwei Gefühle, die im Text wie in den Bildern eindrucksvoll zum Ausdruck gebracht werden, aber sie stehen nicht im Mittelpunkt. Da ist vielmehr ein Junge, der mit seinem Sprechen kämpft und am Ende – liebevoll unterstützt von seinem Vater – zur Selbstermächtigung findet.

So wie in diesen beiden Büchern spielen Gefühle in fast allen Bilderbüchern eine Rolle. Im Laufe einer Geschichte werden Figuren mit unterschiedlichen Emotionen konfrontiert, den eigenen oder denen anderer Menschen. Im Medium Bilderbuch gibt es die Möglichkeit, Emotionen nicht (nur) auf der Sprachebene zu benennen, auch auf der Bildebene können sie unmittelbar anschaulich gemacht werden. Über Gestik, Mimik und Haltung der Figuren, aber auch über Bildgestaltungsmittel wie Perspektive und gewählten Ausschnitt,  Figurenposition, mittels Farbgebung und Licht sowie Mal- oder Zeichenstil (ein Aquarell wirkt anders als eine Collage, eine feinstrichige Zeichnung anders als ein malerischer Auftrag …). All dies macht Bilderbücher auf verschiedensten Ebenen lesbar und damit zum wichtigsten Erzählmedium für kleine Kinder.

Zum Beispiel KummerElternbildung

Der genannten Erzählstrategien auf der Bildebene bedienen sich auch jene Bilderbücher, in denen ein Gefühl ganz im Mittelpunkt steht, also das eigentliche Thema der erzählten Geschichte ist. Diese dient  zuerst einmal nur dazu, Kindern ein bestimmtes Gefühl zu erklären. In „Conni hat Kummer“ von Liane Schneider und Janina Görrissen (Carlsen 2021) wird die titelgebende Figur einen Tag lang durch alle möglichen Situationen geschickt, die in ihr unterschiedliche Arten von Kummer auslösen: Nach dem Frühstück lässt Conni unabsichtlich Papas Lieblingstasse fallen, auf dem Weg in den Kindergarten findet sie einen toten Vogel, im Kindergarten ist ihre beste Freundin nicht da, der sie das alles erzählen wollte, während des Heimwegs ist Connis Mama ganz auf ihr Handy konzentriert usw. Immer wird die Situation er- und geklärt, aufgelöst. Jede einzelne Szene dieser Geschichte ist einer möglichen Variante des Kummers gewidmet, die Summe aller Szenen ergibt allerdings keinen narrativen Mehrwert.

Die Illustrationen in „Conni hat Kummer“ sind einfach gehalten, auch hier dominieren helle Farben, gezeigt wird immer exakt das, was auch auf der Textebene erzählt wird. Bei „Conni“ gibt es keine Überraschungen, im Mittelpunkt steht ein ordentlicher und geordneter, fast normativer Kinderalltag. Das vermittelt Sicherheit, den Eltern und vor allem den Kindern. Und sorgt bei manchen Leser*innen für Langeweile. (Die Protagonistin mehrerer Buchreihen feiert 2022 ein Jubiläum: 1992 erschien mit „Conni kommt in den Kindergarten“ der erste Band, seitdem wurden über 100 Geschichten über das Mädchen mit dem gestreiften Pullover und der roten Haarschleife in einer Gesamtauflage von etwa 50 Mill. publiziert, dazu zahlreiche Hörspiele und Zeichentrickfilme.)

Gefühle kommen und gehenElternbildung

Nicht nur über ein Gefühl, sondern über all die Gefühle, mit denen Kinder sich Tag für Tag konfrontiert sehen, erzählt Katharina Grossmann-Hensel in „Ich hab da so ein Gefühl. Ein Buch übers Kichern, Weinen, Wüten, Freuen (Annette Betz im G&G Verlag 2021). „„Es gibt keine guten oder schlechten Gefühle“, sagt mein Papa. Na ja, es gibt aber angenehme und unangenehme Gefühle. Am liebsten hätte ich nur die angenehmen. „Die gibt es nicht ohne die anderen“, sagt meine Mama. Gehört alles zusammen. Kann man nix machen.“

Auch in diesem Bilderbuch werden kleine Szenen durchgespielt, die ihren Sitz im Alltag von Kindern haben, in der Familie oder im Kindergarten, im Supermarkt oder auf der Straße. Für zentrale Gefühle wie Wut und Trotz, Angst und Trauer, Glück und Freude werden Bilder und Worte gefunden sowie Strategien gezeigt, wie Kinder mit ihnen umgehen können. Eine wichtige Erfahrung, die hier (und auch in den anderen Büchern) gemacht wird: Gefühle kommen. Und sie gehen wieder.

Sowohl die Bild- wie auch die Textgestaltung – Strich und Farbgebung, Entwicklung der Erzähllinie – ist im Vergleich zu „Conni hat Kummer“ freier und wilder, das entspricht der Beschreibung und Darstellung der benannten Gefühlen, denen hier weniger Eindeutigkeit und mehr Ambivalenz zugestanden werden. Damit müssen und können Leser*innen – Erwachsene wie Kinder – umgehen.

Beide Formen des Erzählens über Gefühle, die beiläufige wie die themenzentrierte haben ihren Platz im Kinderalltag. Im Grunde ist es egal, ob man zufällig auf die schöne Geschichte über einen Jungen stößt, der ein Geburtstagsgeschenk, das für einen Freund bestimmt ist, plötzlich selbst haben möchte. Oder ob man Emma Adbages „Die rote Burg“ (Antje Kunstmann 2021) einem Kind vorliest, weil es von Missgunst geplagt wird. So oder so kann die Lektüre dieses Bilderbuchs unterhaltsam sein und darüber hinaus klar machen, dass Neid zwar kein angenehmes, aber ein weit verbreitetes Gefühl ist. Beim Lesen werden die Erfahrungen der Protagonisten  durchgespielt, mitgefühlt. Literatur ist eine Probebühne des Lebens, das gilt schon für kleine Kinder, die in diesem Rahmen lernen, mit Gefühlen umzugehen, auch, weil sie zur Sprache kommen, sichtbar werden.

Vorlesen mit GefühlElternbildung

Und immer passiert die literarische Auseinandersetzung in einer geschützten Umgebung der (auch körperlichen) Nähe und Geborgenheit: beim Vorlesen. Es sorgt in der Regel beim Kind für ein gutes Gefühl. Bedeutet es doch zuerst und  ganz unmittelbar: Mutter/Vater/nahe Erwachsene verbringen mit ihren Kindern Zeit. In der Vorlesesituation und durch sie fühlen Kinder sich angenommen und sicher.

Das ist viel.

(Richtet man den Blick weitergehend auf literarische Sozialisation, bedeutet Vorlesen auch, dass mit dem Buch an sich, mit Geschichten, Gedichten, Erzählungen im besten Fall ein positives Gefühl verbunden wird. Kein schlechter Ausgangspunkt für eine gelingende Lesebiografie.)

Es ist zwar nicht unerheblich, was vorgelesen wird, aber allein dass vorgelesen wird, ist schon wirkungsvoll.

Die Frage der Buchauswahl bleibt aber doch eine wichtige. Nicht nur können Bilderbücher bei der Gefühlsbildung helfen, sie sind auch eine Schule des Sehens. Da es fast unmöglich ist, sich auf dem unübersichtlichen Buchmarkt zurechtzufinden (pro Jahr erscheinen allein mehr als 1500 Bilderbücher in deutscher Sprache), sollte man sich eine Auskunftsstelle suchen, der man vertraut. Im besten Fall ist das ein*e kompetente*r Buchhändler*in oder Bibliothekar*in, aber auch im Web gibt es Anlaufstellen, die bei der Orientierung unterstützen.

Gerade wenn es um Gefühle geht, gilt aber: Man weiß nie, wie jemand auf eine Geschichte reagiert (egal ob auf Text- oder Bildebene). Ob etwas anrührt oder nicht, weiß man immer erst, wenn jemand angerührt ist. Oder nicht. Das gilt für für Vorlesende wie für Zuhörende, für Kinder, aber auch für Erwachsene.

So oder so: Will man sich zusammen mit Kindern mit Gefühlen auseinandersetzen, gibt es kaum einen besseren Rahmen als die Vorlesesituation. Wenn dabei ein paar grundsätzliche Dinge beachtet werden, wird es gelingen, das gemeinsame Lesen von Anfang an und nachhaltig zu einem glückenden und beglückenden Teil des Alltags mit Kindern werden zu lassen

Tipps für das Vorlesen/gemeinsames LesenElternbildung

  • Es ist jedenfalls eine gute Idee, Kindern Bücher vorzulesen, die man selbst mag. Nicht nur, weil man manche von ihnen möglicherweise wochenlang immer wieder vorlesen soll und muss, sondern auch, weil Unlust kaum zu verbergen ist.
  • Auch deshalb ist es klug, hin und wieder die eigene Haltung zu Büchern zu reflektieren. Was gefällt mir warum oder warum nicht? Hat es mit dem Text zu tun oder mit den Illustrationen, liegt die Ursache auf der ästhetischen, der ideologischen oder der pädagogischen Ebene, stimmt man mit dem zugrunde liegenden Kindheitsbild (ggf. unbewusst) nicht überein … Das kann auch zu einer vielfältigeren Auswahl führen.
  • Daraus resultiert auch: Erwachsene sollten die Bücher kennen, die sie ihren Kindern vorlesen, also vorher für sich gelesen haben. Für Bücher mit starken Emotionen gilt das umso mehr. Man wird sich der Gefühle bewusst sein, die eine Geschichte auslösen kann und nicht unbedacht reagieren. Es immer auch gut zu wissen, wie eine Geschichte endet. Auf mögliche Gefühle, Reaktionen und Fragen wird man dann jedenfalls gefasst sein.
  • Man muss für Emotionen Platz schaffen. Ihnen Zeit geben. Um am Ende zu einem guten Gefühl zu kommen.
  • Jederzeit soll man bereit sein, das Buch zuzuklappen, wenn es das Kind fordert.

Linktipps:

Buchtipps des Institut für Jugendliteratur:  https://www.jugendliteratur.at/buchtipps

1001 Buch. Das Magazin für Kinder- und Jugendliteraturhttps://www.1001buch.at/

Buchtipps der STUBE – Studien- und Beratungsstelle für Kinder- und Jugendliteratur der Erzdiözese Wien: http://www.stube.at/buchtipps/index.html


KommentareElternbildung


Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Name

*

Email
Kommentar