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Geschmacksschule

von Mag. Hanni Rützler

Wie entwickelt sich bei Kindern der Geschmack, wie lernen Kinder, was Ihnen schmeckt und was nicht? Und wie können Eltern diese Entwicklung positiv beeinflussen?
Kinder sind von Geburt an Genießer, aber zum Feinschmecker müssen sie erst heranwachsen. Denn die Fähigkeit zur differenzierten Geschmackswahrnehmung ist uns nicht angeboren, sie muss erlernt und geübt werden. Die Basis dafür wird in den ersten Lebensjahren gelegt.
Im seligen Ausdruck eines an der Mutterbrust saugenden Babys spiegelt sich unsere Vorstellung von Genuss. Er vereint Nahrung und Nähe, ein körperliches und emotionales Wohlbefinden, die Befriedigung physischer und psychischer Bedürfnisse. Neugeborene finden damit ihr Auslangen. Aber mit zunehmendem Alter wird das Angebot an Nahrung vielfältiger, von der ersten Beikost im Fläschchen bis zum gemeinsamen Essen mit Eltern und Geschwistern. Und damit wächst auch die Bedeutung der Geschmackswahrnehmung
Die wenigsten Geschmacksvorlieben sind angeboren, auch wenn genetische Faktoren mit darüber entscheiden, wie intensiv wir bestimmte Geschmäcker wahrnehmen. Da gibt es große individuelle Unterschiede. Die verschiedenen Grundgeschmacksrichtungen machen ernährungsphysiologisch Sinn: Ein saurer Geschmack kann vor unreifen und verdorbenen Speisen warnen, süß verweist auf energiereiche & sichere Nahrung, hingegen bitter auf Giftiges und während salzig ein Indiz für Lebensmittel ist, die wichtige Mineralstoffe enthalten. Der fünfte Grundgeschmack, umami, schließlich weist auf eine gute Eiweißquelle hin und ist hauptsächlich bei tierischen Lebensmitteln zu finden. Was jahrtausendelang durchaus Sinn machte und uns den Weg zu einer einigermaßen sicheren, sowie energie-, mineralstoff- und eiweißreichen Nahrung gewiesen hat, schlägt heute im Lebensmittelüberfluss oft ins Gegenteil um. Um uns ausgewogen und nicht zu energiereich zu ernähren, um die ganze kulinarische Vielfalt, die uns heute zur Verfügung steht, wirklich genießen zu können, müssen wir bewusst auch die Lust an anderen Geschmäckern entwickeln, Nuancen wahrnehmen und Konsistenzen unterscheiden können. Erst das zeichnet einen wirklichen Feinschmecker aus. Der Weg dorthin ist mitunter gar nicht so leicht, vor allem wenn Eltern den zarten Geschmacksvorlieben der Kleinen widerstandslos nachgeben. Denn die natürlichen Präferenzen werden durch wiederholte Geschmackserfahrungen verstärkt. Das heißt: Wir lernen vor allem solche Speisen und Lebensmittel zu lieben, die wir regelmäßig essen und an deren Geschmack wir uns mehr und mehr gewöhnen. Je öfter Kinder süße Speisen zu essen bekommen, desto mehr lernen sie den süßen Geschmack zu lieben.
Der „Mere-Exposure-Effekt“, so nennt man in der Fachsprache den Ursache-Wirkungs-Zusammenhang zwischen häufiger Erfahrung eines Geschmacks und der Vorliebe dafür, gilt aber prinzipiell auch für andere Geschmacksrichtungen. Eltern, die das wissen und bei der Ernährung ihrer Kleinkinder berücksichtigen, wählen die Lebensmittel daher nicht nach den Gesichtspunkt aus, wie viel ein Kind davon isst (und von süßer Nahrung essen sie zunächst immer mehr), sondern geben ihnen die Chance, von nicht süßen Speisen öfter und länger kosten zu dürfen, bis sie auch diese gerne essen. Der Erfolg stellt sich dabei nicht sofort ein und da die Geschmacksempfindungen einzelner Kinder sehr unterschiedlich sind –  manche brauchen einfach länger um einen neuen Geschmack zu akzeptieren – müssen Eltern dabei Geduld aufbringen. Je früher sie jedoch damit anfangen, desto besser: Im Alter zwischen 4-6 Monaten, wenn in der Regel die Zufütterung von festen Speisen erfolgt, sind die meisten Kinder für Neues noch deutlich aufgeschlossener als später. Im Alter von 18 bis 24 Monaten zeigt sich die sogenannte „Neophobie“ – die Angst vor Neuem –  ausgeprägter als in den Monaten zuvor. In diesem Alter beginnen Kinder zu Laufen und eine höhere Eigenständigkeit bei der Nahrungsmittelauswahl zu entwickeln. Eine Akzeptanz von neuen Geschmäckern stellt sich bei Kindern bis zum 5. Lebensjahr dann häufig erst nach fünf- bis zehnmaligen Kosten ein. Es lohnt sich also, bei anfänglicher Ablehnung bestimmter Lebensmittel und Speisen nicht gleich zu resignieren, sondern sie immer wieder zum Verkosten anzubieten. Hier spielt auch die Rolle von Vorbildern eine große Rolle. Das können Eltern, Geschwister, Freunde oder auch Helden aus Geschichten sein. Ist ein Geschmack erstmal akzeptiert, kann sich das auch positiv auf die Vorliebe für neue Geschmacksarten auswirken. D.h. neue Lebensmittel in Kombination mit bereits bekannten werden leichter akzeptiert. Und damit ist die Tür zur Feinschmeckerei weit geöffnet – und zugleich auch für ein abwechslungsreiches, gesünderes Ernährungsverhalten.

Die wichtigsten Entwicklungsstufen in der Geschmacksentwicklung

Die Sinnesorgane Augen, Ohren, Nase, Gaumen und Zunge entwickeln sich sehr früh, die Prägung von Präferenzen für bestimmte Geschmäcker beginnt bereits im Mutterleib. So konnten amerikanische Forscher nachweisen, dass Kleinkinder, deren Mütter während der Schwangerschaft Karottensaft tranken, mit Karottenaroma versetzte Getreideflocken lieber essen als Kinder, deren Mütter keinen Karottensaft getrunken hatten.

  • ab 8. Schwangerschaftswoche (SSW) – Entwicklung erster Geschmacksknospen
  • ab 12. SSW – Fötus beginnt zu schlucken, erster Speichelfluss und Zungenbewegungen
  • ab 26. SSW – Erste Mimik als Reaktion auf die Reizung der Geschmacksknospen
  • ab 32. SSW – Fötus reagiert auf den veränderten Geschmack des Fruchtwassers mit der Veränderung der Trinkmenge
  • Nach der Geburt – Säugling reagiert positiv auf süßen Geschmack, neutral bis ablehnend auf sauren Geschmack, ablehnend auf bitteren Geschmack
  • im Alter von 4-6 Monaten – Säuglinge reagieren positiv auf salzigen Geschmack und zeigen wenig Angst vor neuen Geschmäckern
  • im Alter von 18 bis 24 Monaten – verstärkte Neigung neue Geschmäcker abzulehnen
  • im Alter bis zu 5 Jahren – die Akzeptanz für neue Geschmäcker stellt sich häufig erst nach den 5. bis 10. Verkostung ein

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