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Pubertät als Schatzkiste

von Mag. Ines Berger

Elternbildung
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Die Pubertät hat ihren schlechten Ruf meiner Meinung nach völlig zu Unrecht. Denn sie ist lediglich eine wichtige zweite Autonomiephase – neben der sogenannten „Trotzphase“ – im Leben eines jungen Menschen.

In dieser herausfordernden Lebensphase werden wichtige Weichen dahingehend gestellt, mit welchen Erfahrungen, Gefühlen und welchem Ausmaß von Selbstvertrauen, Selbstwert und Selbstwirksamkeit ein junger Mensch ins Erwachsenenalter startet. Und da spielen Sie als Mama oder Papa eine sehr wichtige Rolle, auch wenn sich das für Sie manchmal vielleicht nicht so anfühlen mag.

Heute möchte ich Sie daher zu einem Perspektivenwechsel einladen, damit die Pubertät Ihres Kindes auch für Sie und Ihre Familie zur „Schatzkiste“ werden kann, die es Ihnen ermöglichen wird, mit Ihrem Kind eine neue Eltern-(erwachsenen) Kind-Beziehung auf Augenhöhe zu führen.

Vielleicht haben Sie gerade einen Teenager zu Hause,

  •  … der Sie auf die Palme bringt, weil er nur „chillt“, ständig an einem „Kastl“ hängt und keine Lust auf irgendwas, und ganz besonders nicht auf Schule hat.
  • … der es schafft, dass Sie sich manchmal ohnmächtig und ausgeliefert fühlen.
  • … zu dem Sie Sachen sagen, die Sie NIE sagen wollten.
  • … der Ihnen ab und an das Gefühl gibt, eine schlechte Mutter/ein schlechter Vater zu sein und sowieso alles falsch zu machen.

Ich möchte Sie beruhigen. Damit sind Sie in guter Gesellschaft mit vielen anderen Eltern.
Denn die wenigsten Eltern beschäftigen sich schon im Vorhinein mit dieser spannenden und herausfordernden Abnabelungsphase – auch Adoleszenz genannt – ihrer Kinder, solange die noch klein sind.

Sie überlegen sich daher nicht, wie es sich anfühlen wird,

  • … wenn ihr Kind kaum mehr kuscheln will und sie plötzlich als peinlich erlebt werden.
  • … wenn ihr Kind die liebevoll gemeinten „Ratschläge“ nicht umsetzt, sondern GENAU das Gegenteil macht und damit auch manchmal „auf die Nase fällt“.
  • … wenn sie als Bezugspersonen aufs Abstellgleis geschoben werden und die gleichaltrigen Freund*innen wichtiger und deren Einfluss gefühlt größer ist als der eigene.

Niemand konnte Eltern auf all diese Gefühle vorbereiten, die ihr Teenager in ihnen auslösen würde.
Mütter und Väter haben selten „gelernt“, wie man „richtig“ reagiert oder mit den eigenen Gefühlen konstruktiv umgeht, wenn sich das Kind beispielsweise immer mehr zurückzieht und kaum mehr Kontakt oder ein konfliktfreies Gespräch möglich scheint.

Die wenigsten Eltern haben in ihrer eigenen Kindheit vorgelebt bekommen, wie man wertschätzend und respektvoll seine eigenen Grenzen setzt, die das Gegenüber nicht verletzen oder Verantwortung für die eigenen Gefühle übernimmt, ohne die Schuld dafür dem anderen „umzuhängen“.

Daher möchte ich Sie hier ermutigen, im ersten Schritt vor allem liebevoll und freundlich auf sich selbst und Ihre vermeintlichen „Fehler“ zu schauen. Denn woher sollten Sie denn wissen, wie Sie „richtig“ mit Ihrem pubertierenden Kind agieren, wenn sein Verhalten ein Gefühl von Ohnmacht, Wut, Trauer, … in Ihnen auslöst?

Sie sind das erste Mal in dieser Situation mit Ihrem jugendlichen Kind. Sie haben wahrscheinlich noch keine Erfahrungen, wie Sie Ihr bockiges Kind zum Lernen motivieren können, es vom „Kastl“ wegbringen, es Stück für Stück „loslassen“ und in die Eigenverantwortung entlassen.

Übrigens fehlen diese Erfahrungen auch Ihrem jugendlichen Kind. Auch Ihr Teenager ist zum ersten Mal in der Pubertät und lernt daher auch gerade sehr viel Neues und manchmal auch Überforderndes. Denn oft haben Erwachsene Erwartungen an Jugendliche, die diese noch gar nicht erfüllen können. Einfach weil sie es noch nicht gelernt haben.

Ich möchte Sie daher auf eine Gedankenreise mitnehmen, die Ihnen verdeutlichen soll, wie es Ihrem Kind in dieser herausfordernden Lebensphase wahrscheinlich gerade geht.

Die Pubertät fühlt sich für viele Jugendliche ähnlich einem Kokon eines Schmetterlings an.
Sie befinden sich in einer Art Zwischenstadium. Sie sind keine Kinder mehr, aber auch noch keine Erwachsenen. Sie sind von Ihnen als Erwachsenen (aber auch von Lehrer*innen, …) abhängig und können noch nicht wie ein Schmetterling frei fliegen.

In diesem Kokon ist es manchmal sehr dunkel und das Ende des Tunnels ist noch nicht sichtbar. So ist z.B. das Gehirn komplett im Umbau und die Hormone sorgen für scheinbar unkontrollierbare Gefühlsschwankungen. Das erzeugt in vielen Jugendlichen ein Gefühl von Ohnmacht und Hilflosigkeit. Viele haben das Gefühl, dass mit ihnen etwas nicht stimmt.

Ich habe in über 30 Jahren so viele junge Menschen kennenlernen dürfen, die oft wirklich verzweifelt waren, weil Dinge, die sie noch vor ein paar Monaten problemlos konnten, plötzlich nicht mehr funktionierten. Sie verstanden sich selbst nicht mehr und waren zutiefst verunsichert. Sie konnten z.B. nicht mehr einschlafen, obwohl sie müde waren und kamen in der Früh nicht aus den Federn, weil Melatonin während der Pubertät um zwei Stunden später ausgeschüttet bzw. abgebaut wird.
Sie hatten viele Fragen, auf die sie noch keine Antworten gefunden hatten. Für sie war das teilweise wirklich beängstigend.

Daher lassen Sie uns noch kurz in einige typische Ängste von Teenagern eintauchen!

Sie machen sich z.B. Sorgen,

  • ob sie am nächsten Tag noch zu ihrer Clique gehören werden, wenn sie am Nachmittag Hausarrest hatten oder ihnen das Handy weggenommen wurde.
  • ob und wie die Eltern sie bestrafen würden, wenn sie sich nicht an „Vereinbarungen“ hielten, die sie aber als Befehle empfunden hatten.
  • welche geschlechtliche Orientierung sie haben.
  • dass es ihre Schuld ist, wenn sich ihre Eltern streiten oder sogar trennen.
  • ob ihr Körper zu groß, zu klein, zu dick, zu dünn, … werden würden.
  • ob ihr Penis/ihre Brüste groß und „schön“ genug wäre(n).
  • ob sie all die Herausforderungen, die auf sie zukommen, besonders in den Bereichen Schule, Beruf und Beziehungen, meistern werden.

Diese Liste ließe sich noch lange fortsetzen. Oft hilft es, wenn wir uns als Erwachsene an unsere eigene Jugend und unsere damaligen Sorgen zurückerinnern.

Jugendliche sind immer in einem Spagat zwischen Kooperation mit den Erwachsenen (Eltern und Lehrer*innen) und dem Achten ihrer eigenen Integrität, was SIE wollen, was IHNEN guttut, was IHNEN wichtig ist.
Jugendliche müssen unzählige neue Erfahrungen machen und dabei sollten sie auch Fehler machen dürfen. Denn – wie oben schon betont – sie sind das erste Mal in der Pubertät!

Im zweiten Schritt möchte ich Sie deshalb einladen, dass Sie auch liebevoll und freundlich auf die „Fehler“ Ihres Kindes schauen. Wenn Sie nämlich verstehen, welche Auswirkungen der Umbau des jugendlichen Gehirns auf das Verhalten Ihres Teenagers hat, wenn Sie sich ein wenig mit (Entwicklungs)psychologie, Lernforschung, Glücks- und Resilienzforschung beschäftigen, dann wird es Ihnen wesentlich leichter fallen, in dieser Zeit viel Geduld, Gelassenheit und vor allem Humor aufzubringen, damit eine neue, respektvolle Eltern-Kind-Beziehung entstehen kann.

Und jetzt komme ich endlich zur eigentlichen „Schatzkiste“ für uns Erwachsene.

Viele Eltern erziehen ihre Kinder leider noch immer nach dem Motto „Mein Kind muss spuren, damit ich nicht spüren muss!“ (dabei handelt es sich um ein Zitat meiner wunderbaren Kollegin Kira Liebmann). Gemeint ist damit, dass Eltern es gerne hätten, dass sich ihre Kinder so benehmen, wie sich das die Erwachsenen vorstellen, dass Kinder „folgen“ und „funktionieren“, und das besonders in der Schule.

Doch alle Gefühle, die die vermeintlichen „Fehler“ bzw. das Fehlverhalten unserer Kinder (z.B. Respektlosigkeiten, Schulversagen, falsche Freund*innen, Liebeskummer, zu viel Medienkonsum, keine Mithilfe im Haushalt, Chaos im Kinderzimmer, Lügen, …) in uns auslösen, sind UNSERE Gefühle. Für UNSERE Gefühle sind unsere Kinder jedoch nicht verantwortlich. Denn UNSERE Gefühle sind UNSERE Gefühle. Und um UNSERE Gefühle dürfen WIR uns kümmern.

Ich möchte aber auch betonen, dass ich damit nicht meine, dass Sie sich alles gefallen lassen sollten oder Sie alles erlauben müssen, was sich Ihr Kind gerade wünscht. Sie dürfen sich auch unbeliebt machen. Denn Kinder brauchen auch Eltern, die für Ihre Grenzen einstehen.

Doch wenn Ihr Kind, wenn Sie etwas verboten haben, traurig oder wütend ist oder sich respektlos verhält, weil es z.B. einen Wunsch nicht erfüllt bekommt, und Sie sich dann vielleicht schuldig, traurig oder wütend fühlen, dann sind SIE dafür zuständig, sich um Ihr Schuldgefühl, Ihre Trauer oder um Ihre Wut zu kümmern.

Wenn Ihr Kind schlechte Noten schreibt oder in der Schule „verhaltensauffällig“ ist und Sie eine Einladung der Schule zu deinem Gespräch bekommen, nach dem Sie sich vielleicht ärgern oder als ein „schlechter“ Elternteil fühlen, dann ist das auch IHR Gefühl.

Unsere Kinder sind auch nicht dafür verantwortlich, wenn wir uns Sorgen machen oder Angst haben.
Wir dürfen uns darum kümmern, wie wir mit diesen Gefühlen umgehen (lernen). Oft lösen unsere Kinder nämlich Gefühle in uns aus, die wir schon aus unserer eigenen Kindheit kennen. Sie sind also nur der Überbringer der Nachricht, dass es in uns noch nicht verheilte „Wunden“ gibt, die versorgt und geheilt werden wollen.

Wenn ich mir dessen als Mama/Papa bewusst bin, dann lerne ich die Verantwortung dafür zu übernehmen und die Schuld nicht meinem Kind zu geben. Und damit bin ich auch ein großes Vorbild für mein Kind.

Ein weiterer Schatz, den wir in der Pubertät unserer Kinder bergen können, ist die Beschäftigung mit unserem eigenen Leben, unseren Werten und Glaubenssätzen. Denn unsere Kinder stellen diese unweigerlich in Frage, wenn sie partout nicht das tun, was uns doch so wichtig erscheint. Diese zu hinterfragen, eventuell zu korrigieren oder unser eigenes Leben vielleicht sogar nochmals neu auszurichten oder sogar zu verändern, das ist Teil der Schatzkiste. Denn oft schleppen wir Glaubenssätze und Werte mit uns, die wir bis dahin nie hinterfragt haben, ob sie überhaupt (noch) zu unserem Leben passen. Oder wir führen ein Leben, mit dem wir uns nicht wohlfühlen, doch was wir noch nicht zu verändern wagten.

Wie auch immer diese Schatzkiste für Sie und Ihre Familie ausschauen mag, sie ist meiner Meinung nach, auf jeden Fall wert, ausgegraben zu werden, damit wir uns mit unseren Kindern auf das nächste Level einer Eltern-Kind-Beziehung begeben können.

Denn eines der größten Geschenke, das Eltern ihren Kindern machen können, ist ihre Bereitschaft, sich gemeinsam mit ihnen weiterzuentwickeln und zu wachsen. Und dann ist die Chance groß, dass Ihr erwachsenes Kind Sie freiwillig und gerne besuchen wird, weil es Sie als empathischen und respektvollen Menschen schätzen gelernt hat, und nicht, weil es sich verpflichtet fühlt.

 


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