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Religiös begründeter Extremismus: Was macht dschihaditistische Ideologien für Jugendliche attraktiv? Was können Eltern tun?

von Mag Verena Fabris

Extremistische Ideologien greifen Bedürfnisse der Adoleszenz nach Anerkennung, Orientierung, Identität und Protest auf. Wenn Eltern einen Radikalisierungsprozess vermuten, ist es zentral, dass sie nicht in Panik verfallen, wenn provoziert wird, sondern, dass sie versuchen, ihre Kinder zu verstehen und den Kontakt mit ihnen aufrechtzuerhalten.
Die Geschichten von Samra und Sabrina, Firas und Oliver sind als „Bräute Allahs“ und „Austro-Dschihadisten“ durch die Medien gegangen. Sie stehen für das Phänomen, dass Dschihadmismus viele Jugendliche fasziniert und manche dazu treibt, sich dschihadistischen Bewegungen anzuschließen oder sich gar an Kriegshandlungen oder terroristischen Anschlägen zu beteiligen.
Die Verunsicherung bei den Eltern ist oft groß. Wie sollen sie reagieren, wenn sie mit extremistischen Tendenzen konfrontiert sind? Wann handelt es sich um jugendliche Provokation, wann kann es gefährlich werden?
Gleich vorweg: Es gibt keine einfachen Antworten, keine einfachen Rezepte. Religiös begründete Radikalisierung ist ein mehrschichtiges Problem. Keineswegs sind ausschließlich Menschen mit Migrationshintergrund oder aus schwierigen sozialen Verhältnissen betroffen. Die Ursachen sind vielfältig: Die Jugendlichen sind mit sich selbst unzufrieden, frustriert oder unglücklich. Es gibt Probleme in der Familie oder in der Schule. Sie haben keine stabilen sozialen Kontakte und suchen nach Zugehörigkeit. Die bisherigen Erfahrungen aus der Beratungspraxis der „Beratungsstelle Extremismus“ zeigen, dass familiäre Probleme und Belastungen oft auslösende Momente für die Hinwendung zu extremistischen Gruppen sein können. Insbesondere bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund kommen Diskriminierungserfahrungen hinzu. Auch prekäre soziale Verhältnisse und mangelnde Perspektiven können einen Nährboden für Radikalisierung darstellen.

Was ist religiös begründeter Extremismus?

Bei religiös begründetem Extremismus handelt es sich um Bewegungen, die einer Anschauung oder Auslegung der Religion folgen, die keine andere neben sich toleriert. Islamistischer Extremismus ist eine Form von religiösem Extremismus. Islamistische Bewegungen berufen sich auf den Islam und streben die Errichtung einer allein religiös legitimierten Gesellschafts- und Staatsordnung an. Nicht alle islamistischen Ideologien rechtfertigen den Einsatz von Gewalt zur Erreichung ihrer Ziele. Zu den Gruppen, die einen islamischen Gottesstaat unter Anwendung von Waffengewalt durchsetzen wollen, gehören die „Dschihadistischen Salafisten“. Sie verstehen den Dschihad als einen mit Gewalt zu führenden Kampf für die Sache Gottes. Die Ideologie des Dschihadismus ist von der Ablehnung vermeintlicher Abweichungen vom „wahren und ursprünglichen“ Islam geprägt. DschihadistInnen bekämpfen nicht nur alle Nicht-MuslimInnen, sondern auch MuslimInnen, die einem anderen Islamverständnis als dem ihrem folgen. Sie erklären sie zu Ungläubigen – dies wird als takfir bezeichnet (kufr= Unglaube).

Was bringt Jugendliche dazu, sich einer dschihadistischen Gruppierung anzuschließen?

Zentral ist das Angebot von Identität und Gemeinschaft. Jugendliche, die Ausgrenzungserfahrungen gemacht und erfahren haben, dass sie nichts wert sind, bekommen in der Gruppe Anerkennung und Aufwertung. Plötzlich sind sie Teil einer „solidarischen“ Gemeinschaft. Die vermeintliche moralische Überlegenheit stärkt das Selbstwertgefühl. Anerkennung und Zuspruch binden Jugendliche an islamistische Gruppierungen, die so zu einer Art Ersatzfamilie werden. Neben der Anerkennung wird die Bindung zur Gruppe durch unterschiedliche Beziehungsangebote intensiviert.
Jugendliche sind auf der Suche nach Wahrheit und einer Orientierung, die ihnen Sinn gibt. Das dichotome Weltbild dschihadistischer Ideologien, das streng in Gut und Böse, Richtig und Falsch, einteilt, vermittelt Jugendlichen diese Orientierung und gibt ihnen das Gefühl, ihr Leben in die Hand nehmen zu können. Die Gewissheit, der richtigen Gruppe zuzugehören sowie den richtigen Weg eingeschlagen zu haben, kann auf Jugendliche mit schwierigen Lebensgeschichten und mangelndem Selbstbewusstsein stabilisierend wirken.
Es sind Jugendliche mit und ohne Migrationshintergrund, die konvertieren sowie Kinder muslimischer Eltern. In der dschihadistischen Gemeinschaft finden sie eine eindeutige und absolute Identität als „Muslim/Muslimin“. Der Islam spielt dabei oft keine große spirituelle Rolle.
Für Jugendliche ist es eine Entwicklungsaufgabe, sich von ihren Eltern abzugrenzen. Protest gegen die Elterngeneration ist dabei ein wesentliches Element. Die Attraktivität einer Jugendkultur zeichnet sich auch dadurch aus, wie Jugendliche sich durch Bekleidung, Musik, Sprache und Freizeitverhalten klar von der Erwachsenenwelt und der Gesellschaft abheben können. Dschihadistische Jugendkulturen bieten hier ein größtmögliches Provokationspotential an.

Wie können Eltern Veränderungen bei Ihren Kindern bemerken?

Es gibt keinen Katalog an Veränderungen, die eindeutig auf eine religiöse Radikalisierung schließen lassen. Dennoch gibt es Verhaltensweisen, die auf den Prozess der Radikalisierung hinweisen:

  • Er/sie ändert seine Lebensweise (z.B. Ess- und Schlafgewohnheiten, Hobbys) deutlich und stellt seine/ihre bisherige Lebensweise als verwerflich dar).
  • Er/sie hört keine Popmusik mehr; er/sie hängt im Zimmer alle Bilder und Poster ab, auf denen Menschen zu sehen sind.
  • Er/sie weigert sich an Familienfesten wie Weihnachten oder Geburtstagsfeier teilzunehmen.
  • Er/sie schränkt den Kontakt mit bisherigen FreundInnen ein oder zieht sich ganz von seinem/ihrem bisherigen Umfeld zurück.
  • Er/sie besucht häufig einschlägige Seiten und Foren im Internet.
  • Er/sie wird zunehmend aggressiv, wenn es um die eigene Religion geht und lässt keine Kritik zu. Alle, die nicht seiner/ihrer Überzeugung sind haben Unrecht oder sind „Ungläubige“.

Was können Eltern tun?

Das wichtigste ist es, in Beziehung zu bleiben und zu versuchen, den Kontakt mit dem Kind aufrecht zu erhalten. Auch wenn die Jugendlichen das Leben der Eltern abwerten und alles in Frage stellen, müssen Eltern sich bemühen, „cool“ zu bleiben, nicht gleich in Panik zu verfallen, nicht zurück zu weichen, wenn provoziert wird, sondern zu versuchen über Empathie in ein vertrauensvolles Gespräch zu kommen. Die Eltern sollten Interesse an den Meinungen und Erlebnissen ihrer Kinder zeigen, offene Fragen stellen und mit ihren Kindern über ihre Überzeugungen sprechen. Die Ablehnung extremistischer Sichtweisen kann sehr wohl klar zum Ausdruck gebracht werden, sich jedoch auf religiöse Debatten einzulassen, ist selten sinnvoll. Die Eltern sollten sich ernsthaft darum bemühen, die Veränderungen zu verstehen und zwar aus der Perspektive der Tochter oder des Sohnes. Strafen oder Verbote sind meistens kontraproduktiv und führen eher dazu, dass sich die Jugendlichen immer weiter entfernen.
Eltern sollten auch nicht davor zurück scheuen, sich Hilfe zu holen. Eine erste Anlaufstelle ist hier die Beratungsstelle Extremismus. In der Beratung werden die Eltern unterstützt, ihre Situation besser einschätzen und bewältigen zu können. Sie werden darin bestärkt, die Beziehung zu den Jugendlichen aufrecht zu erhalten. Die BeraterInnen unterstützen direkt und indirekt dabei, dass die Jugendlichen wieder Vertrauen finden und ihnen Perspektiven und Alternativen eröffnet werden. Im persönlichen Beratungssetting geht es schließlich auch darum, hinter dem Radikalisierungsprozess liegende Bedürfnisse und Problemlagen zu erkennen und zu bearbeiten.


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