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Wenn es nicht mit rechten Dingen zugeht.

von Dr. Elisabeth Ertl

Noch vor 40 Jahren unterstellte man linkshändigen Kindern grundsätzlich einen schlechten Charakter.

Oft wurden solche Kinder von ihren Eltern und Erziehern gefoltert: man schlug die linke Hand mit dem Rohrstock, band sie auf den Rücken oder machte sie durch Verbände unbenutzbar. Die Redewendung „Es geht nicht mit rechten Dingen zu“ deutet an, dass die linke Seite traditionell mit dem Teufel gleichgesetzt wurde.

Wer sich heute für linkshändige Kinder engagiert, stößt zunächst auf Verständnislosigkeit: „Linkshändigkeit ist doch heute kein Problem mehr! Jedes Kind darf mit der linken Hand schreiben, wenn es will.“ Aber Jahrhunderte alte Diskriminierungen verschwinden ja nicht innerhalb weniger Jahrzehnte! Immer noch verbrennen sich linkshändige Kleinkinder an Wasserhähnen mit 2 Ventilen die Finger, verschütten ihre Getränke aus einseitig bemalten Tassen beim Betrachten des Bildes und kommen mit Cowboygürteln nicht zurecht, weil der Colt an der falschen Seite steckt. Sie müssen beim Begrüßen die „schöne Hand“ reichen und das Taschentuch manchmal an der falschen Seite in der Hosentasche unterbringen. Beim Tanzen und bei Bewegungsspielen stoßen sie mit anderen Kindern zusammen und werden dafür gerügt.

Umschulung auf die rechte Seite beginnt also schon lange vor dem Schreibenlernen, wenn auch heute nur noch selten in Form bewusster erzieherischer Gewalt! Die linkshändige Identität eines Kindes bedarf in unserer Rechtshänderwelt eines besonderen Schutzes. Es reicht nicht, darauf zu vertrauen, dass sich die Natur schon durchsetzen wird!

Wichtige Hinweise dazu finden sich auf der Homepage der Linkshänder-Initiative.

Händigkeit zeigt sich meist schon im zweiten Lebensjahr. Handwechsel über das fünften Lebensjahr hinaus ist oft pathologisch. Häufig scheint sich eine schon beim Kleinkind deutlich erkennbare Linkshändigkeit während der Kindergartenzeit noch zu ändern. KindergärtnerInnen stellen das Eltern in Aussicht, ohne angeblich das Kind beeinflussen zu wollen. Dass es sich dabei in der Regel um eine sich selbst erfüllende Prophezeiung handelt, ist ihnen selber nicht bewusst. Der Löffel beispielsweise wird ja nicht neutral in die Mitte des Tellers gelegt, denn das widerspricht der gängigen Etikette.

KindergärtnerInnen sehen sich als SozialisatorInnen und nehmen derlei Regeln meist sehr ernst. Von linkshändigen Kindern erwartet man aber, und zwar unausgesprochen, dass sie den rechts liegenden Löffel trotzdem in die linke Hand nehmen, denn nur Kinder, die von sich aus den Mut dazu haben, gelten heute schon als LinkshänderInnen. Sensible Kinder aber trauen sich das nicht! Gerade intelligente Kinder nehmen normalerweise ihr soziales Umfeld als Modell:

In welcher Hand hält die Tante den Bleistift, die Schere? In welcher Hand halten die anderen Kinder den Ball oder den Eislutscher? Was bedeuten Ausdrücke wie „linkisch“ oder „zwei linke Hände haben“, andererseits „Mach es mir recht!“ oder „Du bist recht brav gewesen!“? Kinder wollen dazu gehören! Nur vitale durchsetzungsstarke linkshändige Kinder behaupten trotz allem ihre dominante Hand bis zum Schulalter!

Die nicht dominante Hand ist trainierbar und kann etwa 90% der Leistungsfähigkeit einer trainierten dominanten Hand erreichen. Ehrgeizige linkshändige Kinder machen sich das zunutze. Die Folgen eines Rollentausches von „Chefhand“ und „Mitarbeiterhand“ fallen in diesem Alter noch kaum auf. Das gesunde linkshändige Kind verfügt zunächst über ausreichende Kompensationsmechanismen, vor allem auch, weil im Kindergarten noch kein Leistungsdruck herrscht. Die unvermeidliche Revolution im Kopf äußert sich vielleicht nur in etwas mehr Impulsivität, oder das Kind ist etwas leichter zu entmutigen als andere. Vielleicht ist es einfach nur mit seinen schemenhaft angedeuteten Zeichnungen rasch fertig. Vielleicht macht es beim Spielen etwas mehr Pausen als andere Kinder. Vielleicht aber zeigt es auch deutlichen Widerstand gegen Basteln und Zeichnen oder arbeitet in auffälliger Weise am liebsten alleine.

Zum ernsthaften Problem wird die erfolgte Umschulung später in der Schule! Das als RechtshänderIn wahrgenommene Kind lernt mit der falschen Hand das Schreiben, und zwar unter Leistungsdruck. Schreiben stellt höchste Anforderungen an das Gehirn. Das Schreiben mit der nicht dominanten Hand erzwingt viele Umwege in den zerebralen Abläufen, die sich in mannigfachen Irritationen äußern können: Man beobachtet Störungen des Sprachflusses bis hin zu Stottern, verkürzte Konzentrationsphasen, Unzuverlässigkeit des Gedächtnisses, legasthenische Symptome wie Buchstaben- und Zahlenverdreher sowie Auslassungen von Buchstaben, unbeherrschbare „Flüchtigkeitsfehler“ trotz oft prinzipiell guter Rechtschreib- und Rechenkenntnisse, schlechte Schrift, Schreibunlust und nicht zuletzt eine generelle motorische Fahrigkeit. Sekundär können sich daraus Minderwertigkeitsgefühle, Verhaltensstörungen oder gar psychosomatische Beschwerden bis hin zu Autoimmunkrankheiten und Allergien entwickeln, welche die betroffenen Menschen unter Umständen ein Leben lang belasten.

Sollte Ihr offenbar rechtshändiges Kind in den ersten beiden Schuljahren unerwartet solche und ähnliche Schwierigkeiten zeigen, und sind andere Ursachen dafür auszuschließen, dann haben Sie die Möglichkeit, Ihr Kind einem Händigkeitstest zu unterziehen. Sollte eine angeborene Linkshändigkeit festgestellt werden, so lohnt in den ersten beiden Schuljahren noch die Rückstellung auf die linke Schreibhand.

Voraussetzung ist eine entsprechende Motivation des Kindes und eine gute Zusammenarbeit von LehrerIn und Eltern. Meist bedarf das Kind für einige Monate einer außerschulischen Begleitung, bis es wieder Anschluss an das Schreibtempo seiner KlassenkameradInnen gefunden hat. Eine solche von ErgotherapeutInnen und LinkshänderberaterInnen durchgeführte Rückschulungsbegleitung dient auch der Einübung einer zweckmäßigen Schreibhaltung.

Spätere Rückschulungen können mit Problemen verbunden sein. In der 3. oder 4. Klasse Volksschule droht eine Entmutigung durch das vorübergehend deutlich reduzierte Schreibtempo. Psychologische Begleitung ist da unbedingt erforderlich. In der Vorpubertät strukturiert sich das Gehirn um. Ab diesem Zeitpunkt kann die Wirkung der Rückschulung nicht mehr vorhergesagt werden. Es kann also auch zu Verschlechterungen des Befindens kommen.

Gerade im Bereich Händigkeit können daher rechtzeitige erzieherische Aufklärung und Prävention durch nichts ersetzt werden! Dazu gehört auch die Verwendung händigkeitsgerechter Gebrauchsgegenstände. Während es in angelsächsischen Ländern schon ganze Supermärkte für Linkshänderartikel gibt, ist man in Österreich noch immer weitgehend auf den Versandhandel angewiesen. Scheren und Füllfedern gibt es wohl auch bei uns bereits überall zu kaufen. Linkshändige Kinder benötigen aber auch händigkeitsneutrales Spielzeug (Achtung auf Sandkastengefäße mit seitlichem Ausguss, Bedienelemente bei mechanischem Spielzeug etc), eigene Spitzer, geschliffene Messer, Kartoffelschäler, Dosenöffner, Armbanduhren, Sportgeräte wie Bogen oder Bumerang und Musikinstrumente.

Während man im Sport Händigkeit bereits weitgehend berücksichtigt, und seitenverkehrte Gitarren und Bässe im Bereich der Unterhaltungsmusik bereits ein gewohnter Anblick sind, herrscht im Bereich der Klassischen Musik leider noch eine ausgeprägte Diskriminierung. Ein linkshändiger Geiger, der in Deutschland ein Orchesteraufnahmespiel hinter dem Vorhang mit einer seitenverkehrten Violine klar vor seinen rechtshändigen Kollegen gewann, durfte die Stelle dennoch nicht antreten. Warum für Linkshänder seitenverkehrte Streich – und Zupfinstrumente nötig sind, ist für den Laien nicht leicht zu verstehen. Das Spiel auf Instrumenten beschäftigt ja beide Hände zur gleichen Zeit und oft mit vergleichbaren feinmotorischen Anforderungen. Händigkeit meint aber nicht primär unterschiedliche Leistungsfähigkeit oder Trainierbarkeit der Hände, sondern eine Hierarchie der Seiten. Welche Hand führt und delegiert, und welche Hand übernimmt delegierte Tätigkeiten? So führt die dominante Hand den Bogen oder bringt die Saiten der Gitarre zum Klingen. Die Greifhand stellt die benötigten Tonhöhen zur Verfügung. Werden diese Rollen vertauscht, so fühlt sich der Musiker in seinem Körper nicht wohl. Seitenverkehrte Gitarren und Streichinstrumente werden bereits serienmäßig produziert, sind aber leider teurer als Rechtshänderinstrumente. Linkshändigen Kindern muss das Schlagzeug seitenverkehrt aufgestellt werden, und die Abfolge der Hände beim Spielen der einzelnen Rhythmen ist umgekehrt zu jener von RechtshänderInnen. Für die Verwendung seitenverkehrter Blockflöten gibt es keine überzeugenden Argumente, für eine seitenverkehrte Querflöte oder ein Fagott hingegen schon. Leider sind solche Instrumente derzeit noch unerschwinglich. Ein seitenverkehrtes Tasteninstrument wäre wünschenswert, ist aber vorerst nicht realistisch, weil das Kind dann auf sein eigenes Instrument fixiert wäre. Genauere Informationen sind zu finden auf der Homepage der Linkshänder-Initiative.

Dr. Johanna Barbara Sattler prägt in einem ihrer Bücher die visionäre Metapher vom linksfüßigen und vom rechtsfüßigen Soldaten, welche gemeinsam den geraden Weg durch die Wüste finden, während einer allein dort hoffnungslos im Kreis geht. Wer weiß, ob nicht LinkshänderInnen mit ihren etwas anderen Begabungstendenzen (Mathematik, Architektur, Graphik, Kunst, Gesang) die Gesellschaft aus so manchen Teufelskreisen befreien könnten, wenn sie ihre Fähigkeiten frei entfalten dürften.


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