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Zwillinge als „lebende Suchbildrätsel“

von Mag.a Karin Pultar

Wer findet den Unterschied, und: wie viele Unterscheidungsmerkmale gibt es überhaupt? Es vergeht kaum ein Tag, an dem Zwillingsgeschwister nicht mit der Frage konfrontiert werden: „Ja wer von auch beiden ist denn nun wer?“  
Sobald man einem Zwillingspärchen begegnet, ist man auf der Suche nach Merkmalen – einem Muttermal, einem Grübchen in der Wange, einem Haarwirbel, um sie voneinander unterscheiden zu können und um nicht Gefahr zu laufen, sie mit dem falschen Namen anzusprechen.
Und aus eigener Erfahrung geht diese Suche nach Unterscheidungsmerkmalen sogar so weit, dass eine Haarsträhne  aus der Stirn gestrichen wird, um ein vielleicht dort verstecktes Muttermal  zu entdecken.

„Hier schlagen zwei Herzen – das ist aber schön!“  

Vor mehr als 17 Jahren verließ ich, ausgestattet mit zwei Mutter-Kind-Pässen und beschäftigt mit zahlreichen Fragen und Gedanken, die Ordination meines Gynäkologen und ging  erst einmal ins nächstgelegene Café, um mich wieder zu sammeln. Zu Hause wartete ein mittlerweile 13 Monate altes Mädchen auf mich, sie sollte sobald wie möglich ein Geschwisterchen bekommen, und dieser Wunsch ging nun gleich doppelt in Erfüllung. Es war eine Achterbahn der Gefühle – meine Freude mischte sich mit der Unsicherheit angesichts der neuen Situation, die da auf uns alle zukam:
„Hoffentlich verlaufen Schwangerschaft und Geburt problemlos, wie werde ich die beiden stillen, wird das überhaupt möglich sein? Der Kinderwagen der großen Schwester reichte nun auch nicht aus, ein Zwillingskinderwagen musste her, auch unser Auto war zu klein, das Haus war Gott sei Dank groß genug. Und natürlich beschäftigte meinen Mann und mich, wie wohl unsere Erstgeborene auf das Duo reagieren würde. Immer wieder hörte man ja von Bekannten und Großeltern und las auch in diversen Ratgebern, dass die älteren Geschwister so gut wie immer eifersüchtig sind auf die Neuankömmlinge – wie wird das wohl bei zwei auf einmal sein?
Nach einer komplikationslosen Zwillings-Schwangerschaft waren wir dann schließlich Eltern von drei Mädchen, der Altersunterschied betrug gerade einmal 21 Monate.
Schon alleine die beiden im Arm zu halten, zeigte mir: ich hatte es bereits jetzt mit zwei unterschiedlichen, kleinen  Persönlichkeiten zu tun: jedes Baby spürte sich anders an. Die Tatsache, dass die beiden bereits eine ältere Schwester hatten, bestärkte uns noch mehr, von Beginn an auf eine individuelle, persönlichkeitsfördernde Erziehung zu achten. Wie sich bald herausstellen sollte, war das für uns eine große Aufgabe, denn die Gesellschaft denkt gerne im „Doppelpack“ : treten zwei Personen, die sich äußerlich sehr ähnlich sind, auf, stehen sie sofort im Mittelpunkt, und sie erfahren sehr bald, dass sie etwas Besonderes sind. Es wird versucht, Unterschiede herauszufinden, es werden Wertungen abgegeben – wer spricht früher, läuft früher, wer ist lebhafter   – und  Casting- und Eventagenturen suchen speziell nach Zwillingspaaren, die Werbespots oder Filme drehen bzw. bei  Theateraufführungen mitwirken.
Die „erste Etappe“ schien mir am 2. Geburtstag der beiden geschafft, und ich kann mir vorstellen, dass das viele Zwillingseltern bestätigen werden.
Immer wieder mussten uns auch wir Eltern an der Nase nehmen, die beiden nicht „in einen Topf“ zu werfen. In der „Hitze des Gefechts“ greift man gerne einmal zu Pauschalierungen wie „die Zwillinge“, „die beiden“ oder ähnliches. Großeltern, Verwandte und Freunde schenken gerne gleiche Kleidung oder das gleiche Spielzeug. Lassen Sie das auch zu, vermitteln Sie aber  Ihrer Umgebung, dass  sie es hier mit zwei unterschiedlichen Persönlichkeiten zu tun hat: beide Kinder haben einen eigenen Namen,  ihre individuellen Eigenschaften und können oder sollen deshalb auch verschiedene Kleidung tragen. Kinder entdecken auch bald ihre Lieblingsfarbe und Zwillingsmädchen eine Vorliebe für Kleider oder Hosen. Gleiche Kleidung kann man dann auch unterscheidbar machen, indem man zum Beispiel eine Blume an ein Shirt heftet oder etwa in Hosen verschiedenfarbige Gürtel einzieht. Schon  bald kennzeichnete ich bestimmte Dinge mit den Anfangsbuchstaben der Vornamen und war erstaunt, wie bald die Mädchen diese erkannten.

Kleinkindalter, Kindergartenzeit, Volksschulzeit

„Der Apfel und die Kuh“

Spätestens mit dem Eintritt in den Kindergarten sehen sich die Eltern mit dem Thema „individuelle Erziehung von Zwillingen im Kleinkindalter“ konfrontiert.
„Wie wollen Sie es gern?“ – Das war die erste Frage der Kindergartenleiterin bei unserer Anmeldung im Kindergarten. Damit meinte sie, ob die beiden eine Gruppe besuchen sollten oder wir sie von Beginn an trennen wollten. Wir entschlossen uns, die Mädchen in einer Gruppe zu lassen, vorerst einmal – zugegebenermaßen – auch aus praktischen Gründen. Auch konnten wir keinen Grund erkennen, sie von Beginn an voneinander zu trennen. Am ersten Kindergartentag durfte sich jedes Mädchen ihr eigenes Symbol aussuchen: Den Apfel und die Kuh.  Der Besuch einer Gruppe schloss für uns eine individuelle Entwicklung  nicht aus.

  • Sprechen Sie das Thema der gemeinsamen oder getrennten Gruppen selbst an, sofern diese Frage von der Kindergartenpädagogin nicht ohnehin an Sie gerichtet wird.
  • Bleiben Sie zumindest in der ersten Kindergartenzeit mit den Betreuungs- und Erziehungspersonen im Gespräch.
  • Ermöglichen Sie den Kindern auch außerhalb der Kindergartenzeit, einen je eigenen Freundeskreis aufzubauen: verschiedene Sportarten können ausprobiert werden,  eine Geburtstagsfeier einmal alleine zu besuchen, kann auch eine schöne Erfahrung sein.

Die Volksschulzeit gestaltete sich ähnlich – die Mädchen besuchten dieselbe Klasse, konnten sich aber gut voneinander abgrenzen, eigene Talente und Fähigkeiten entwickeln und einen eigenen Freundeskreis aufbauen.
Die Gestaltung eines „Ich-Wir-Buches“ unterstützte die individuelle Entwicklung: jeweils zu den Geburtstagen der Kinder wurden die Eltern gebeten, ein bis drei Fotos aus dem vergangenen Jahr zur Verfügung zu stellen und dazu eine kleine Geschichte zu verfassen. Diese wurden in ein Heft eingeklebt. Die „Wir-Fotos“ wurden von der Lehrerin zur Verfügung gestellt und ebenfalls –  in einem eigenen Bereich –  eingeklebt. So haben die beiden noch heute eine schöne Erinnerung an die jeweils eigene und an die gemeinsame Schulzeit.
Aus dieser Zeit sind mir die turbulenten Kindergeburtstage in Erinnerung: zwei Kinder, zwei verschiedene Gruppen von Gästen: in einem Fall waren es die Mädchen, im anderen die Burschen. Diese Erfahrung bewog uns dann, die Partys an zwei verschiedene Tage zu legen – der Geburtstag innerhalb der Familie fand ja sowieso an einem Tag für beide gemeinsam statt.
Unsere Zwillingstöchter sind  nun fast 17 Jahre alt und besuchen immer noch dieselbe Klasse und haben sich sogar auf denselben Zweig spezialisiert. Vor der Oberstufe rechneten wir schon damit, dass sich die schulischen Wege nun trennen werden – nein, in der 7. Klasse sind sie immer noch zusammen.
Die Anzahl der Ratgeber und Bücher zum Thema „Zwillinge“ hat sich mit den Jahren verringert.
Als man mich bat, diesen Artikel zu schreiben, war mein erster Weg zum Bücherregal. Erst nach einiger Zeit wurde mir bewusst: ich besitze gar kein Buch mehr, das mich darüber informiert, wie ich mit Zwillingen umzugehen habe. Auch die Zeitschrift, die ich in dieser Zeit abonniert hatte, ist heute nicht mehr wichtig. Bis zum Schuleintritt wollte ich mich wie alle anderen Eltern auch besonders gut informieren, je größer die Kinder werden, desto geringer wird das Bedürfnis und desto weniger wird auch die Literatur. Außerdem sind dem Thema „Zwillinge in der Pubertät und im Teenageralter“ in den einzelnen Büchern nur noch einige wenige Seiten gewidmet.

Verwechselt, verglichen, beneidet

Mit dem  Thema „eineiig“, zweieiig“ haben wir uns nur kurz auseinandergesetzt. Die Information, dass beide eine eigene Eihülle hatten und über eine eigene Plazenta ernährt wurden, war für uns Information genug.
 Obwohl sie unterschiedlich auftreten und modisch unterschiedliche Stile entwickelt haben,  werden sie immer noch gerne verwechselt und verglichen. Der Freundeskreis hat kein Problem, es sind eher die Erwachsenen (Lehrer, Nachbarn, Trainer),   und das wird sich nicht vermeiden lassen.  Denn jeder Fremde, der Zwillingen gegenübersteht, wird erst einmal die Gemeinsamkeiten feststellen. Die starke Ähnlichkeit von Gesichtsform, Haare, Nasen und Ohren leitet unseren Blick und macht die Suche nach Unterschieden zu einem schwierigen Unterfangen.
Die Kleidung betreffend würde es den beiden heute immer noch nicht einfallen, sich gleich anzuziehen. Auch die Freizeitgestaltung sieht bei beiden anders aus, und sie gestalten diese auch weitgehend unabhängig voneinander.
Betreuung und Erziehung in der Schule verlaufen nicht immer konfliktfrei: Die große Anzahl der Schüler und die sehr begrenzte Zeit, in der die Lehrer in engerem Kontakt mit den Schülern stehen, führen unwillkürlich zu Verwechslungen und Vergleichen und hin und wieder auch  zu unangenehmen Situationen: Schlechtere Leistungen wiegen dann oft doppelt schwer; wenn eine Schwester die Hausübung nicht gemacht hat, gehen manche Lehrer automatisch davon aus, dass die zweite sie auch nicht hat.  
Umso wichtiger ist es, dass beide ihre Nischen haben, wo die Zwillingsschwester weniger bekannt ist.
„Verwechselt zu werden nervt“, hat eine der  Zwillingsschwestern erst vor kurzem festgestellt, und: „Warum sehen immer alle nur die Gemeinsamkeiten, wir sind doch so verschieden.“ In solchen Momenten ist es uns Eltern wichtig, den Kindern die Kraft und die Energie wieder bewusst zu machen, die von dieser besonderen Geschwisterbeziehung ausgeht. Sie können diese Kraft, die das gemeinsame Auftreten gibt,  nutzen und sie können es genießen, dass „Einlinge“ Zwillinge mögen.


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