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Zwischen Verwöhnen und Grenzen setzen

von Mag. Evelyn Stelzl

Erziehung zwischen übermäßigem Verwöhnen und striktem Grenzensetzen ist eine Kunst, die eine gute Eltern-Kind-Beziehung und eine ermutigende, wohlwollende  Haltung des Erziehenden dem Kind gegenüber braucht.

Wer lässt sich nicht gerne verwöhnen?

Mit einem guten Essen, das jemand gekocht hat, an einem Verwöhn-Wochenende in der Therme mit einer Verwöhn-Massage oder einem Bad mit Verwöhn-Aroma. Auch mit einem Gefallen, den jemand mir zuliebe tut. Das alles verschönert das Leben ungemein.
Verwöhnte Kinder hingegen mag niemand! Schon die Eltern von gerade erst geborenen Babys hören Sätze wie: „Also, das Baby mit ins eigene Bett nehmen – das hätte ich ja nie gemacht!“ oder „Du darfst nicht immer gleich rennen! Sonst verwöhnst du das Baby ja.“
Demnach gibt es also unterschiedliche Bedeutungen für ein und dasselbe Wort.
In den zuerst beschriebenen Situationen ist gemeint, dass sich jemand nach einer bewussten Entscheidung etwas Gutes tun lässt oder sich etwas Besonderes gönnt, was zu Genuss und Erholung führt. Das ist im Allgemeinen eine akzeptierte und positive Verwöhnung.
Im zweiten Fall, wenn das Wort auf Kinder angewendet wird, verstehen wir darunter, dass Kinder „verzogen“ sind, d. h. dass sie egoistisch, unselbständig, bequem und in einer fordernden Wunschhaltung geblieben sind.
Wer ein Kind in diesem Sinne verwöhnt, nimmt ihm in einem oder mehreren Bereichen des Lebens Dinge ab, die es eigentlich schon selber kann. Somit fördert Verwöhnung immer Unselbständigkeit und hält den Betroffenen in Abhängigkeit. Dadurch bleiben Eltern unverzichtbar für das Kind. Die subtile Botschaft an das Kind lautet: „Ich traue es dir nicht zu. Du bist dafür zu schwach, zu klein. Ich mache es für dich. Ich bin groß. Ich kann es.“
Im Grunde meinen Erziehende es ja gut. Sie wollen, dass es das Kind besser hat, aber unbewusst dient Verwöhnung egoistischen Zielen und befriedigt nicht die wirklichen Bedürfnisse des Kindes.
Verwöhnung kann unterschiedliche Bereiche betreffen. Zum einen geht es um eine „innere Verwöhnung“, wie sie Eva Maria Waibel beschreibt. Dabei wird dem Kind alles abgenommen, was es anstrengen könnte. Eltern räumen Schwierigkeiten des Alltags schnell aus dem Weg, um dem Kind Frustration oder Scheitern zu ersparen. Oft geht auch die Bewunderung für das Kind soweit, dass es in allem, was es tut, bedingungslos angenommen wird, auch in ausufernden Fehlhandlungen, was meist zu grenzenloser Selbstüberschätzung des Kindes führt. Das Kind wird übermäßig behütet und es wird ihm wenig zugetraut.
Zum anderen gibt es auch die „äußere Verwöhnung“, wobei das Kind mit Materiellem (Geschenke, Spielsachen,…) und Immateriellem (Zärtlichkeiten, Versprechen,…) überhäuft wird, was zu einer großen Anspruchshaltung führen kann. In beiden Dimensionen fehlen Grenzen und Kinder können keinen realistischen, stabilen Selbstwert aufbauen.
Jürg Frick beschreibt verwöhnte Menschen als solche, „die lernen nur zu wünschen, zu bekommen und zu haben, aber es fehlt ihnen weitgehend die Perspektive des Schenkens, Einfühlens und Großzügigseins mit anderen. Verwöhnte Kinder übergehen die Bedürfnisse von Mitmenschen, sie wollen alles sofort. Warten ist ihnen fremd.“ Kinder erleben dadurch eine irreale Welt und haben es dann besonders schwer, wenn sie aus der überbehütenden Umgebung heraus in neue Welten wie Kindergarten, Schule oder Ausbildung kommen. Auch in Freundschaften und späteren Beziehungen kann es dadurch zu Schwierigkeiten kommen. 
Eine durchgängig verwöhnende Erziehung schwächt Kinder. Die Folgen und Auswirkungen  können gravierend sein und dem Kind wird ein eigenständiges und selbstverantwortetes Leben verunmöglicht.
Es gibt typische Situationen, in denen häufiger verwöhnt wird, wie z.B. nach akuten Krankheiten oder Unfällen, wenn Eltern unter Zeitdruck stehen oder wenn sie ein schlechtes Gewissen haben.
Auch große Ängste um das Kind oder Verunsicherung in der Erziehung können Gründe für übermäßiges Verwöhnen sein.

Statt Verwöhnen

Unterschieden werden muss die Verwöhnung im negativen Sinne jedoch klar von einer situations- und alters-angepassten Zuwendung und Unterstützung, die echte emotionale Zuwendung und empathisches Eingehen auf das Kind meint. Dem Kind den nötigen emotionalen Rückhalt und Beistand geben, stärkt es in der Auseinandersetzung mit den Aufgaben des Lebens. 
Diese Unterscheidung ist nicht immer einfach und sie erfordert die durch genaues Hinschauen erworbene Kenntnis des Entwicklungsstandes des Kindes und eine enge Beziehung zu ihm.
Sich einlassen auf das jeweilige Kind und ganz präsent in der Situation da sein, die gerade stattfindet, um die biologischen und emotionalen Bedürfnisse zu befriedigen, ist sehr wirkungsvoll. Das Kind, das ja wirklich noch abhängig von der Hilfe der Erwachsenen ist, lernt dadurch vertrauen, dass die Welt freundlich zu ihm ist. Julia Dibbern beschreibt eindrücklich, dass es vor allem im ersten Lebensjahr besonders wichtig ist, dass existenzielle Grundbedürfnisse prompt und umfassend erfüllt werden. Die Entwicklungspsychologie hat gezeigt, dass diese anfänglich rundum gut versorgten Babys später zu besonders selbstsicheren, verantwortungsvollen und eigenständigen Erwachsenen werden.
Wie kann also Erziehen ohne Verwöhnen gelingen?

  • Wahrnehmen der Person des Kindes und deren Individualität sehen
  • Annehmen des Kindes als Gegenüber in einer gleichwertigen Beziehung
  • sich informieren, was aus biologischer und entwicklungspsychologischer Sicht in welchem Alter für das Kind möglich ist
  • sich Zeit nehmen und sich dem Kind zuwenden
  • Einfühlen in das Kind und Äußerungen des Kindes ernst nehmen
  • Verstehen seiner Situation, seiner Bedürfnisse
  • Kinder selber antworten lassen, wenn sie gefragt sind
  • Zutrauen in seine Fähigkeiten
  • Vertrauen in die Möglichkeiten des Kindes
  • Kinder ermutigen und unterstützen, selber Herausforderungen zu bewältigen
  • zum Durchhalten bei Anstrengungen motivieren
  • Ich-stärkende Erfahrungen ermöglichen
  • das Kind erleben lassen, dass sich Bemühen und etwas selbständig schaffen gut anfühlt
  • kleine Verantwortungsbereiche je nach Alter individuell übernehmen lassen
  • Gewähren von Freiräumen und Selbständigkeit
  • kleine Hilfestellungen geben – unnötige Hilfe vermeiden
  • Rückhalt geben
  • an frühere Erfolge erinnern
  • Glaube an positive Veränderungen beim Kind
  • dem Kind flexibel und angepasst Grenzen setzen
  • Frustration aushalten, die beim Einhaltenmüssen von Regeln und Beschränkungen auftreten

Wenn Erziehung zum Ziel hat, Kinder zu einem selbständigen und eigenverantwortlichen Leben in der Gesellschaft zu führen, dann sind Anregungen und ermutigende Hilfe durch Eltern und andere Erwachsene die Bestrebungen, auf die Erziehende ihr Augenmerk legen können.
Ermutigung ist eine Kunst und gilt in der Pädagogik als unterstützende Erziehungsmaßnahme. Rudolf Dreikurs und Vicky Soltz bezeichnen sie als das „wichtigste Element in der Erziehung von Kindern“.
Was Kinder am Ende ihrer Erziehung brauchen, um selbständig und eigenverantwortlich in die Welt zu gehen, sind die Fähigkeiten, sich selber wahrzunehmen, sich ernst zu nehmen, sich selber zu verstehen und sich als selbst wirksam und kompetent für Handlungen zu erleben.
Die Botschaften, die Kinder verinnerlichen sollten, sind also: „Ich kann es. Ich schaffe etwas. Ich bin kompetent und kann etwas bewirken.“ Dafür brauchen Kinder viele Übungsmöglichkeiten von klein auf unter den liebevollen und schützenden Blicken von Erwachsenen, die mit ihnen in guten und sicheren Beziehungen stehen.
Über ermutigende Qualitäten des Menschen schreibt Jürg Frick weiter „sie beinhalten ein echtes Interesse für andere, aufmerksames Zuhören, echtes Engagement, Geduld, Freundlichkeit in Stimme und Blick, die Versuche und Fortschritte des anderen anzuerkennen sowie die Bereitschaft, im anderen das Gute entdecken zu wollen.“ 

Ja und was ist jetzt mit den Grenzen?

Begrenzungen und Regeln sind wichtig für das Leben. Sie geben uns Halt und Schutz. Sie erleichtern uns das Zusammenleben in der Gemeinschaft und bieten uns Orientierung für alltägliche Abläufe. Kinder testen ihre Spielräume soweit wie möglich aus und das Ende des Spielraums ist erst an der Grenze erfahrbar. Meist wissen sie erst, wo die Grenze war, wenn sie überschritten ist.
Es ist eine große Herausforderung für Eltern, ihren Kindern altersgemäße Grenzen zu setzen, „Stopp“ zu sagen und dann auch noch den Protest der Kinder auszuhalten. Aber ich finde, eine noch schönere Aufgabe ist es, öfter JA zu sagen zu den Spielräumen und Möglichkeiten, die sich einem Kind auf dieser Welt bieten. 
Wenn sich Erwachsene in dieser bejahenden, wohlwollenden Haltung Kindern zuwenden, dann bekommen diese Mut und Auftrieb für ihr Leben. Dann werden aus ihnen Menschen, die geben und nehmen können. Dann werden aus ihnen junge Erwachsene, die klar für sich eintreten können, aber auch einmal auf etwas verzichten können. Dann werden sie zu Menschen, mit denen man sich gerne persönlich auseinandersetzt, aber sicher keine im negativen Sinne „verwöhnten“ Zeitgenossen, die permanent Grenzen sprengen müssen. 
Liebe Eltern! Bitte entscheidet Euch ausreichend oft für bewusste Eigen-Verwöhnung, gönnt Euch genügend liebevolle Zuwendung zu Euch selbst und sorgt dafür, dass Ihr genug Kraft und Energie habt, um Eure Kinder in ein selbständiges, eigenverantwortliches Leben begleiten zu können.


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