Ei-Rahmen für Bilder

Reine Geschmackssache: Wie Kinder sich in die Welt hineinschmecken – und wie wir sie dabei begleiten können

von Veronika Klinger

Wir Erwachsene haben im Laufe unseres Lebens viel Erfahrung mit den Lebensmitteln gesammelt, die uns täglich begegnen. Wir wissen, wie wir damit umgehen, und können den Geschmack eines Gemüseauflaufs oder eines Kräutertopfens meist schon erahnen, bevor wir den ersten Bissen nehmen. Über die Jahre hat sich so unser persönliches „Essprofil“ entwickelt – geprägt von unserer Esskultur, unseren Vorlieben und Abneigungen. Und dieses Profil verändert sich ein Leben lang weiter.

Doch wie erleben Babys diese Welt der Gerüche, Geschmäcker und Sinneseindrücke, in die sie hineingeboren werden? Wie entsteht ihr eigenes Geschmacksprofil? An unsere ersten Erfahrungen können wir uns nicht erinnern, obwohl gerade diese Zeit unser späteres Essverhalten nachhaltig beeinflusst.

Versuchen wir also, in die Geschmackswelt von Babys und Kindern einzutauchen. Wie könnten die verschiedenen Entwicklungsphasen aussehen – und wie entdecken die Kleinsten Schritt für Schritt die kulinarische Welt?

  1. Im Bauch der Mutter: Ich schmecke die Welt, bevor ich sie sehe.

    „Ich schwimme im warmen Fruchtwasser. Es schmeckt jeden Tag ein bisschen anders. Manchmal süßlicher, manchmal würziger. Ich weiß nicht warum, aber der Geschmack verändert sich immer wieder. Und das ist normal.“
    Schon ab der 8.-15. Schwangerschaftswoche nimmt ein Baby Aromen im Fruchtwasser wahr. Diese frühen Eindrücke prägen schon jetzt, was später vertraut wirkt. Wenn die Mutter zum Beispiel gerne Knoblauch, Vanille oder Karotten isst, „schmeckt“ das Baby mit.
    Eine „gesunde Ernährung“ des Babys wird bereits jetzt durch eine möglichst abwechslungsreiche Lebensmittelauswahl der werdenden Mutter sichergestellt. Besonders die ersten 1000 Tage – die Zeit von der Empfängnis bis zum zweiten Geburtstag – legen den Grundstein für eine stabile Gesundheit des Babys. Was in dieser Zeit gut gemacht wird, wirkt sich besonders positiv aus.

  2. Nach der Geburt: Jetzt muss ich Hunger und Sättigung erst verstehen.

    „Plötzlich spüre ich ein Gefühl, das es vorher nie gab – Hunger. Das ist ein sehr unangenehmer Zustand. Ich muss die Nahrung jetzt selbst einfordern, und sie mir mit viel Anstrengung holen. Aber die Milch schmeckt vertraut und süß – das mag ich gerne. Sie erinnert mich an das, was ich schon kenne. Ich muss jetzt selbst erkennen, wann ich genug getrunken habe, weil ich satt bin.“
    Mit der Geburt endet die Rund-um-die-Uhr Versorgung über die Nabelschnur. Das Baby muss Hunger und Sättigung im Wechsel richtig einordnen. Muttermilch schmeckt von Natur aus süß und enthält Aromen aus den Lebensmitteln, die von der Mutter gegessen wurden. Die Geschmacksvorliebe für Süß begleitet uns Menschen von Geburt an ein ganzes Leben. Wie viel „Süß“ man für ein Wohlgefühl braucht, ist aber anerzogen und kann verändert werden. Die persönliche Süßbedarf-Schwelle soll möglichst niedrig gehalten werden.

  3. Erste Beikost: Was ist das? Fremd, neu, spannend – aber auch ein bisschen viel.

    „Da kommt etwas auf einem Löffel: hart, kalt, warm, anders. Es berührt meinen Mund – meine Grenze. Ich muss erst entscheiden, ob ich das überhaupt zulassen will.“
    Erste Mahlzeiten abseits von Muttermilch (oder Säuglingsanfangsnahrung), bedeuten für Babys eine Flut an fremden Eindrücken. Neue Konsistenzen, neue Temperaturen, neue Geschmäcker und Aromen beindrucken die Geschmacksknospen, die bei Babys und kleinen Kindern viel empfindlicher sind als bei uns Erwachsenen. Der Mund ist ein sehr intimer Bereich, der auch beim Füttern respektiert werden sollte. Ein Ablehnen von Speisen ist kein „Nein“, sondern oft ein „Ich bin noch nicht so weit – versuchen wir es morgen noch einmal.“

  4. Im zweiten Lebensjahr: Ich brauche Vertrautes, um Neues zu wagen.

    „Ich esse gerne das, was ich kenne. Neues macht mir manchmal Angst. Aber wenn du es isst, dann probiere ich vielleicht auch.“
    In diesem Alter wirken biologische Schutzprogramme besonders stark. Die Natur setzt auf Vorsicht und schützt Kleinkinder damit vor dem unbedachten Griff zu möglicherweise giftigen oder unverträglichen Lebensmitteln. Süß ist bereits als sicher und wohlschmeckend anerkannt. Bitter? – das ist auf jeden Fall unsicher und muss zuerst auf mögliche Giftigkeit geprüft werden. Diese Vorsicht könnte ein Grund sein, dass viele Kinder lange Zeit besonders das grüne Gemüse ablehnen. Grüne Gemüse enthalten häufig bittere Geschmacksnuancen. Neues? – das ist potenziell gefährlich, der Beweis auf Genusstauglichkeit muss erst erbracht werden.
    Kinder checken Lebensmittel blitzschnell über Farbe und Geruch, ob es sich lohnt dieses Lebensmittel im wahrsten Sinne des Wortes „über die Lippen“ kommen zu lassen. Grün ist oft „verdächtig“. Beige und Braun dagegen wirken eher „sicher“. In diesem Alter brauchen Kinder viel Sicherheit – und die können Erwachsene ihnen als „Vorkoster“ geben. Essen Sie selbst jene Lebensmittel, die Sie sich auch für Ihr Kind wünschen. Setzen Sie Ihr Kind beim gemeinsamen Essen ruhig auf Ihren Schoß. Lassen Sie es auf Ihren Teller zugreifen und die Speisen erkunden. Wenn Ihr Kind Ihnen ein Stück anbietet, nehmen Sie es an. So zeigen Sie ihm: Das Essen ist sicher, ich esse es auch, und es schmeckt mir. Diese Erfahrung stärkt das Vertrauen des Kindes und erleichtert ihm, neue Lebensmittel anzunehmen.

  5. Rund um den zweiten Geburtstag: Ich entscheide jetzt selbst!

    „Ich will allein bestimmen, was ich esse. Und wie viel. Und wann. Nicht, weil ich schwierig bin, sondern weil ich gerade lerne, wer ich bin und was ich mag.“
    Autonomie und Selbstbestimmung werden jetzt erprobt. Die Mahlzeiten sind ein wichtiger Bereich, in dem Kinder Selbstwirksamkeit erleben. Das dürfen sie. Was jetzt alles normal sein kann:
    -Lebensmittel werden plötzlich abgelehnt, obwohl sie gestern noch beliebt waren.
    -Kinder möchten den Überblick bewahren. Sie wollen oft keine Aufläufe oder Eintöpfe, in denen viele Lebensmittel miteinander vermischt sind. Sie wollen trennen, sortieren, frei auswählen.

    Unterstützen Sie Ihr Kind, indem Sie Mahlzeiten anbieten, bei denen die einzelnen Bestandteile getrennt serviert werden, und es selbst auswählen kann. Eine Kombination aus separat gegarten Kartoffeln, Hühnerfleisch und Gemüse ist für viele Kinder leichter zugänglich als ein gemischtes Hühnergeschnetzeltes aus den gleichen Zutaten, aber „unzertrennlich“ vermischt in einem Topf. (Tipp: Anleitung zum „Ich-kann-Tellerchen“ siehe unten)

  6. Im Kindergartenalter: Ich lerne viele verschiedene Esszimmer kennen.

    „Zu Hause schmeckt es so. Im Kindergarten anders. Bei Oma wieder anders. Ich muss erst herausfinden, welche Regeln wo gelten. Das ist gar nicht so einfach zu durchschauen.“
    Kinder essen jetzt in verschiedenen Kontexten: Zu Hause, bei den Großeltern, im Kindergarten, im Urlaub oder Restaurant. Jedes „Esszimmer“ hat eigene Regeln. Das ist spannend, aber auch herausfordernd. Kinder brauchen Zeit, um sich in jedem Esszimmer zurechtzufinden. Vertraute Lebensmittel helfen, Sicherheit zu geben. Wenn das „Esszimmer“ noch neu ist, ist es völlig normal, wenn Kinder erst mal lieber nichts essen wollen. Geben Sie dem Kind die Zeit, die es zur Eingewöhnung braucht.

  7. Bis etwa 10 Jahre: Ich esse nach Gefühl – und das funktioniert gut!

    „Nur ich selbst weiß, wann ich Hunger habe, wie groß der Hunger ist und wann ich satt bin. Ich brauche niemanden, der mir sagt, wie viel ich essen soll!“
    Bis etwa zum 10. Lebensjahr herum essen Kinder intuitiv. Sie spüren sehr genau, was und wie viel sie brauchen. Erst später greifen Vernunftargumente wie „gesund“ oder „nährstoffreich“. Für Kinder fühlt sich Essen in dieser Zeit wohl so an: Hunger – ist ein klares Signal zum Essen, er ist nicht jeden Tag gleich groß. Deshalb essen Kinder manchmal mehr oder weniger als wir Erwachsene vielleicht erwarten. Sättigung ist eindeutig und kann von Außenstehenden nicht beurteilt werden. Jede Mahlzeit erweitert den persönlichen Erfahrungsschatz der Kinder und ist keine „Leistung“, für die sie gelobt oder getadelt werden müssen. Wenn Erwachsene die inneren Signale der Kinder respektieren, können Kinder ihr persönliches intuitives Essverhalten gut festigen.

  8. Geschmacksentwicklung über die Jahre: Ich lerne immer weiter und bin offen für Neues!

    „Heute mag ich etwas nicht. Morgen vielleicht schon. Geschmack verändert sich – so wie ich mich verändere.“
    Geschmack ist kein fester Zustand, sondern ein lebenslanger Lernprozess. Kinder brauchen wiederholte Begegnungen mit Lebensmitteln und Speisen, Zeit zum Kennenlernen, Freiwilligkeit in der Auswahl und gute Vorbilder, die für ein gesundes Lebensmittelangebot und eine entspannte Essumgebung sorgen.

So können Kinder ihr persönliches Geschmacksprofil und einen sicheren Griff zu „gesunden“ Lebensmitteln lernen – nicht durch Druck, sondern durch Erfahrung in einem sicheren, wohlwollenden Rahmen.

Tipp – Anleitung zum „Ich-kann-Tellerchen“ für kleine Kinder:

Das „Ich‑kann‑Tellerchen“ ist ein kleiner Extrateller, auf den das Kind Lebensmittel selbst legen darf, ohne sie essen zu müssen. Es ist ein unverbindliches Angebot, das Sicherheit schafft und Kindern ermöglicht, neue Speisen in ihrem eigenen Tempo kennenzulernen. 

  1. Einen kleinen Teller bereitstellen
    Stellen Sie neben den normalen Teller Ihres Kindes einen kleinen zusätzlichen Teller – das „Ich‑kann‑Tellerchen“.
  2. Lebensmittel unverbindlich anbieten
    Bieten Sie ein oder zwei neue oder ungewohnte Lebensmittel (abgekühlt auf Esstemperatur) in Reichweite des Kindes an. Wichtig: Nichts direkt auf den Teller des Kindes legen. Das Kind entscheidet selbst, ob es etwas auf das Ich‑kann‑Tellerchen legt. Das Kind darf die gewählten Lebensmittel selbst herausnehmen (mit der Hand oder dem Besteck) oder mit Unterstützung.
  3. Das Kind darf „erkunden“
    Erklären Sie Ihrem Kind: „Hier kannst du Dinge hinlegen, die du anschauen, angreifen, riechen oder hören möchtest. Du musst nichts davon essen – du kannst, wenn du möchtest.“Damit wird klar: Der Mund ist intim, der Teller ist privat, der kleine Teller ist ein Erfahrungsraum.
  4. Sinnliches Erforschen ist ausdrücklich erlaubt
    Kinder dürfen anfassen, riechen, drücken, lauschen („knackt das?“), schauen. Alles ist erlaubt – außer Spielen aus Langeweile. Es geht um sinnliches Kennenlernen, nicht um Beschäftigung.
  5. Kein Probierdruck, kein „Nur ein Bissen“
    Das Ich‑kann‑Tellerchen funktioniert nur, wenn es wirklich freiwillig bleibt. Kein „Probier doch mal“, kein „Nur ein kleines Stück“. Das Kind entscheidet selbst, ob und wann es etwas in den Mund nimmt.
  6. Wiederholung statt Erwartung
    Bieten Sie das Lebensmittel immer wieder an – ohne Kommentar. Kinder brauchen oft viele Begegnungen, bevor sie bereit sind, etwas zu probieren. Das Tellerchen schafft dafür einen sicheren Rahmen.

 

Viel Freude beim gemeinsamen Erkunden der spannenden Welt der Speisen!

Mehr alltagstaugliche Tipps und wissenschaftlich fundierte Informationen rund um Ernährung in Schwangerschaft, Stillzeit sowie im Baby- und Kleinkindalter erhalten Sie in den kostenlosen Workshops der Österreichischen Gesundheitskasse. Die Teilnahme ist online oder vor Ort in ihrer Nähe möglich. Schauen Sie ins Programm unter: www.gesundheitskasse.at/revan

 

Zum Inhalt Zum Menü