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Mein Kind isst nichts – was hinter „Picky Eating“ steckt und wie Eltern gelassen damit umgehen können

von Lena Gießwein

Wenn „Nein, das mag ich nicht!“ auf „Na komm, nur ein Bissen!“ trifft, ist der Frust am Esstisch vorprogrammiert. Dabei wünschen sich die meisten Eltern nur eines: Essen ohne viel Tamtam – auch mit Kindern, die wenig oder sehr wählerisch essen. Viele Kleinkinder essen plötzlich nur noch eine kleine Auswahl an Lebensmitteln, was phasenweise auch ein ganz unbedenklicher Teil der Entwicklung sein kann. Was steckt hinter wählerischem Essverhalten und wie können Eltern Familienmahlzeiten wieder entspannter gestalten?

Der Begriff „Picky Eating“ wird häufig verwendet, wenn Kinder beim Essen besonders wählerisch sind. Wichtig zu wissen: Dabei handelt es sich nicht um eine medizinische Diagnose, sondern um die umgangssprachliche Beschreibung für wählerisches Essverhalten. Davon zu unterscheiden ist stark selektives Essverhalten, das sich negativ auf die körperliche Entwicklung und/oder die psychische Gesundheit auswirkt. In solchen Fällen kann eine Essstörung vorliegen, die als Avoidant/Restrictive Food Intake Disorder (ARFID) bezeichnet wird und von Psychologinnen oder Psychiaterinnen diagnostiziert werden kann.

„Mein Kind isst nichts!“ – dieser Gedanke beschäftigt viele Eltern von Kleinkindern. Ist es nur eine vorübergehende Phase, steckt Unsicherheit oder Angst dahinter oder gibt es körperliche Ursachen? Die Verunsicherung ist oft groß. Dabei wird leicht übersehen: Häufig fehlt Kindern nicht der Wille, sondern die Fähigkeit, sich auf neue Lebensmittel einzulassen.

Gleichzeitig stehen Eltern heute unter erheblichem Druck, ihre Kinder „richtig“ zu ernähren. Wird die Lebensmittelauswahl über längere Zeit stark eingeschränkt, führt das schnell zu Frust und Anspannung im Familienalltag. Gut gemeinte Kommentare aus dem Umfeld wie „Du musst essen, damit du groß wirst!“ oder „Man kann doch nicht immer nur Nudeln essen!“ verstärken diesen Druck zusätzlich. Wenn all das mit an den Esstisch kommt, ist an gemeinsamen Genuss nicht zu denken.

Wählerisches Essverhalten ist jedoch weit verbreitet und in gewissem Ausmaß Teil der kindlichen Entwicklung. Ruhe bewahren und abwarten ist es meist dann gefragt, wenn das Kind insgesamt ausreichend isst, sich Vorlieben im Laufe der Zeit verändern oder es an anderen Orten, wie etwa im Kindergarten, oder zu Gast bei anderen Familien, mehr akzeptiert als zu Hause.

Anders sieht es aus, wenn sich die eingeschränkte Ernährung auf die körperliche Entwicklung oder die soziale Teilhabe auswirkt. In solchen Fällen ist es sinnvoll, medizinische Abklärung und fachliche Begleitung in Anspruch zu nehmen. Die Devise „Ein Kind wird schon essen, wenn es hungrig ist.“ greift hier zu kurz. Mit ist auch wichtig, zu erwähnen, dass es nie vorteilhaft für eine gesunde Beziehung zum Thema Ernährung und Familienmahlzeiten ist, wenn Kinder zum Aufessen gezwungen werden, oder Hunger als „Strafe“ eingesetzt wird.

Ein zentraler Ansatz im Umgang mit wählerischem Essverhalten ist die geteilte Verantwortlichkeit: Erwachsene sorgen für ein verlässliches Angebot und eine klare Struktur bei den Mahlzeiten. Das Kind entscheidet hingegen, ob, was und wie viel es davon isst. Diese Aufgabenteilung entlastet beide Seiten und schafft eine wichtige Grundlage für entspannte gemeinsame Mahlzeiten.

Das oberste Ziel bei Familien, die an selektivem Essverhalten zu kämpfen haben ist es, Mahlzeiten wieder als angenehme gemeinsame Zeit zu gestalten. Das Essverhalten des Kindes sollte dabei nicht kommentiert werden. Stattdessen können Gespräche über den Tag oder andere positive Themen den Tisch zu einem verbindenden Ort machen.

Für skeptische kleine Esser*innen ist es oft hilfreich, Speisen anzubieten, bei denen Gemüse, Beilage und Proteinquelle nebeneinander und nicht vermischt in Saucen oder Eintöpfen zubereitet wurden. Bei getrennten Komponenten hat das Kind einen besseren Überblick über bekannte und unbekannte Lebensmittel und kann selbst entscheiden, was es auf den eigenen Teller geben und probieren möchte. Gleichzeitig hat das Kind die Möglichkeit, andere Lebensmittel immer wieder zu sehen, zu riechen und sich schrittweise damit vertraut zu machen, wenn Töpfe, Schüsseln und Pfannen während der Mahlzeit für alle Familienmitglieder am Esstisch stehen.

Neue Lebensmittel kennenzulernen passiert im Idealfall nicht erst beim Essen. Gerade außerhalb der Mahlzeiten entstehen oft die entspanntesten Lernmomente: beim Einkaufen, beim Einräumen in der Küche oder beim gemeinsamen Betrachten von Bilderbüchern. Ohne Erwartungsdruck können Kinder hier Neugier entwickeln und sich spielerisch an eine bunte Lebensmittelvielfalt annähern.

Statt Lebensmittel in „gesund“ und „ungesund“ einzuteilen, empfehle ich als Diätologin, mit Kindern über den eigenen Körper zu sprechen: Nahrung liefert Energie und Nährstoffe, die wir zum Wachsen, Spielen und Lernen brauchen. Der Körper zeigt uns, wann wir hungrig oder satt sind – auf diese Signale zu hören, ist eine wichtige Fähigkeit, die Kinder meist intuitiv haben. Intuitives Essen fällt umso schwerer, je mehr Einfluss von Außen auf das eigene Essverhalten einwirkt.

Eine einfache Orientierung für ausgewogene Mahlzeiten kann dabei unterstützen. Wichtige Bausteine für Hauptmahlzeiten sind:

  • eine sättigende Beilage, idealerweise ballaststoffreiche Getreideprodukte
  • eine Eiweißquelle als Baustein für den Körper
  • Gemüse oder Obst für eine Vielfalt an Vitaminen, die uns gesund halten
  • ausreichend Wasser über den Tag verteilt

Wie immer gilt: Vielfalt entsteht nicht durch Druck, sondern durch Erfahrung.

Der wichtigste Leitsatz lautet daher: Essen erleben – ohne Druck.
Kinder dürfen Lebensmittel in ihrem eigenen Tempo entdecken. Eltern begleiten diesen Prozess, indem sie verlässliche Strukturen schaffen, Geduld mitbringen und Vertrauen in die Entwicklung ihres Kindes haben.

So kann anstelle der Sorge „Isst er/sie diesmal etwas Neues?“ Schritt für Schritt wieder mehr Gelassenheit, Neugierde und Freude am Familientisch entstehen. Eine professionelle Einschätzung der persönlichen Ess-Situation durch spezialisierte Diätolog*innen entlastet Eltern und gib ihnen Orientierung für kleine Änderungen im Alltag – Schritt für Schritt.

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