Euer zweites Kind ist unterwegs – aus dreien werden plötzlich vier, aus eurem ersten Kind wird plötzlich ein „großes“ Geschwisterchen und ihr werdet Eltern von Geschwistern. Viele Familien spüren in dieser Phase Freude und Dankbarkeit, aber auch Verunsicherung: Wie wird das werden? Werden wir das schaffen?
Diese Unsicherheiten sind vollkommen normal, denn mit dem zweiten Kind entsteht eine neue Familie. Und egal wie sehr wir uns vorbereiten (oder auch nicht) – manche dieser Veränderung bleiben ein Überraschungspaket, wir können sie vor vorab nicht einschätzen, organisieren oder planen. Vielleicht geht es dir gerade ähnlich und du hast genau deshalb diesen Artikel geöffnet. Dann gehen wir jetzt Schritt für Schritt durch, was in dieser Zeit wichtig ist und wie ihr diese Veränderung gut begleiten könnt, damit die Weichen gestellt sind für einen guten Start in euer Leben zu viert.
Warum das erste Kind jetzt besonders wichtig ist
Wenn ein Baby kommt, richtet sich fast alles automatisch auf das Neugeborene aus. Es braucht rund um die Uhr Zuwendung und Nähe. Wir sind meist glücklich, aber auch müde, erschöpft und manchmal selbst überfordert (und das ist okay!). Gleichzeitig erlebt euer erstes Kind etwas sehr Großes: Es verliert seine bisherige Sonderstellung. Für viele Kinder ist das tatsächlich die erste echte Krise ihres Lebens. Zeit, Aufmerksamkeit und Energie der Eltern müssen plötzlich geteilt werden. Für das Kind fühlt es sich an, als würde ein Teil der bisherigen Sicherheit wegbrechen. Dahinter steckt oft die große innere Frage: Bin ich noch genauso wichtig, wie vorher? Lieben mich meine Eltern noch genauso? Und oft auch: Wie wird das alles werden?
Mit einem Schlag ist die Exklusivität der Beziehung weg, denn da gibt es jemanden, den meine Eltern genauso lieben wie mich. Stellt euch mal vor, der Mensch, den ihr am meisten liebt, bringt plötzlich eine zweite Person mit nach Hause, die er genauso liebt wie euch. Diese Person braucht noch dazu viel mehr Aufmerksamkeit, weil sie ja „neu in der Familie“ ist. Sie bekommt eure Kleidung, darf im gemeinsamen Bett schlafen und euer geliebter Mensch sieht die Person mit strahlenden Augen an – so, wie er oder sie euch bisher angesehen hat.
Bei diesem Gedankenexperiment wird vielleicht der Schmerz spür- oder erahnbar, den ein Geschwisterchen – bei aller Freude – mit sich bringt. Und dieses Verstehen ist so wichtig, denn es ist der Schlüssel dafür, euer erstes Kind in dieser Zeit gut begleiten zu können, Verständnis zu haben und seine Sorgen, Ängste oder sein Verhalten nicht persönlich zu nehmen, sondern als Ausdruck seines inneren Erlebens und dieser ersten Krise. – Die wir begleiten können. Diese Krise kann übrigens auch erst einige Monate nach der Geburt auftreten. Anfangs ist oft alles neu und aufregend und erst nach einigen Monaten, wenn das Baby noch dazu mobiler wird, die ersten Türme umstößt und mehr Aufmerksamkeit fordert, wird den Kindern bewusst, dass das jetzt so bleibt…
Beziehungspflege beginnt vor der Geburt
Die Beziehung zum ersten Kind ist eine der wichtigsten Weichenstellungen für einen guten Start in die Geschwisterbeziehung – denn wenn ich erfüllt bin und mich sicher und geliebt fühle, kann ich in der Regel leichter teilen (bin aber auch das Kind, das eher zeigt, wenn mich etwas stört).
Viele Kinder spüren schon während der Schwangerschaft die bevorstehende Veränderung, die sie gleichsam nicht richtig greifen können. Sie werden anhänglicher, weinerlicher oder brauchen plötzlich wieder mehr Nähe und Zuwendung. Ihr dürft euer Kind jetzt mit allem nähren, was es braucht. Macht euch keine Sorgen – Kinder kann man dahingehend nicht „verwöhnen“. Im Gegenteil: Jetzt ist die Zeit, Beziehung bewusst zu stärken, ganz viel Nähe und Sicherheit zu geben. Babyfotos anschauen, erzählen wie klein das Kind selbst einmal war, Exklusivzeit einplanen oder gerne auch – ganz sanft – die Beziehung zu weiteren Bezugspersonen wie Oma,, Opa, Freund:innen … stärken. All das vermittelt Sicherheit und Zugehörigkeit und bereitet ein „Dorf“ vor, das nach der Geburt für das Kind da sein wird.
Verbindung zum Baby stärken – bereits vor der Geburt
Schon während der Schwangerschaft kann euer erstes Kind Teil der gemeinsamen Geschichte werden. Ihr könnt gemeinsam den Bauch streicheln und Bewegungen spüren, über das Baby sprechen, Geschwisterbücher lesen, das Kind zu Vorsorgeterminen mitnehmen, Kleidung oder Spielzeug gemeinsam aussuchen und es vielleicht sogar in die Namenssuche einbeziehen.
Wichtig ist dabei eine Sprache der Vorfreude. Statt zukünftige Herausforderungen zu betonen („Wenn das Baby da ist, darfst du aber nicht mehr so laut sein“), hilft es, gemeinsame schöne Momente in den Mittelpunkt zu stellen („… werden wir ganz viel kuscheln“).
Die erste Zeit nach der Geburt – entscheidend für die Geschwisterbeziehung
Die ersten Monate nach der Geburt sind eine besonders wichtige Phase. Das ältere Kind braucht jetzt vor allem die Erfahrung, dass weiterhin Liebe, Zeit und Platz für es da ist. In unserem Beispiel bleibend: Wenn wir jetzt die Erfahrung machen, dass uns unser geliebter Mensch immer noch strahlend ansieht, gerne Exklusivzeit mit uns verbringt und uns das Gefühl gibt, so, so wichtig zu sein, dann ist das eine gute Grundlage!
Dabei ist aber ganz wichtig: Auch „negative“ Gefühle dürfen dabei sein. Eifersucht, Wut, Rückschritte („wieder babyhafter werden“) oder herausforderndes Verhalten sind meist natürlicher Ausdruck von Unsicherheit. Häufig sind vermehrte und heftige Wutanfälle, in denen sich die Spannung und Unsicherheit entlädt, oder auch Aussagen wie „blöde Mama!“.
Wenn wir hier schimpfen oder enttäuscht reagieren, würden wir diese Unsicherheit noch weiter verstärken und noch mehr Druck ins System bringen. Denn wer fühlt sich schon liebgehabt und angenommen, wenn mit ihm geschimpft wird? Oder erwartet wird, dass er oder sie sich ganz doll über das neue Baby freuen muss?
Hier brauchen wir Einfühlung und das oben erwähnte Verständnis! Manchmal braucht ein Kind einfach eine zusätzliche Umarmung und die Zusicherung: „Wir haben dich lieb! Und durch nichts in der Welt kannst du diese Liebe verlieren.“
Das große Kind weiterhin sehen
Gerade nach der Geburt helfen kleine Dinge mit großer Wirkung. Das große Kind darf weiterhin auch einmal dran sein und „das Baby muss kurz warten“ (wenn es z.B. gerade im Kinderwagen schläft, nicht, wenn es gerade weint). Exklusivzeiten sind ganz wichtig und helfen ebenso wie eine Still- oder Einschlafkiste mit ruhigem Spielzeug. Positive Sprache unterstützt zusätzlich. Das große Kind darf in den Alltag einbezogen werden und Windeln wechseln, baden, Kleidung raussuchen…
Diese Erfahrungen schaffen Sicherheit und Verbindung und eine neue Form der Exklusivität: ICH darf mit der Mama / dem Papa die Kleidung für… raussuchen – alles wunderbare Grundlagen für eine gute Geschwisterbeziehung.
Auch wir Eltern erleben eine Veränderung
Was oft unterschätzt wird: Auch für Eltern ist diese Zeit emotional. Viele erleben Trennungsschmerz, weil sich die einzigartige Beziehung zum ersten Kind verändert. Gleichzeitig kommen Müdigkeit, Überforderung und körperliche Belastung dazu. Diese Gefühle sind normal und zeigen, dass auch ihr gerade in eine neue Familienrolle hineinwachst. Schaut in dieser Phase gut auf euch, denn all das Wissen, wie wir unsere „Großen“ gut begleiten, nützt nichts, wenn es uns nicht gut geht – denn dann können wir es nicht abrufen.
Auf uns kommt es an
Kinder brauchen die Sicherheit nicht im Gesagten, sondern im Erlebten. Das Um und Auf ist es, dass unser Kind in der neuen Situation im täglichen Miteinander Nähe, Verbindung und Sicherheit erlebt, und das geht nur authentisch, wenn es uns tatsächlich (meistens) gut geht. Scheut euch daher bitte nicht, euch Unterstützung zu holen. Ich und andere Elternberater:innen sind gerne für euch da! Die ersten Monate in der neuen Konstellation sind so wichtig für eine gute Geschwisterbeziehung.
Denn wenn euer erstes Kind weiterhin Liebe, Annahme, Verständnis und echte Verbindung erlebt, sind alle Weichen gut gestellt für euer neues Leben zu viert und für ganz viele wunderschöne neue Familienmomente!
Franziska Ebner-Ptok
Dipl.-Elementarpädagogin, Psychosoziale Beraterin, SAFE- und Familienmentorin, Pikler® Pädagogin i.A., Referentin in der Eltern- und Fachpersonenweiterbildung (online wie offline), Gründerin des SandSpielRaumes nach Ute Strub und Emmi Pikler in Feldkirchen in Kärnten.
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