Ei-Rahmen für Bilder

Wenn Chatbots echte Beziehungen ersetzen: Was Eltern tun können

von Hannah Schedenig, Bakk. phil.

So gut wie alle Jugendlichen nutzen mittlerweile Chatbots – das zeigt auch unsere Saferinternet.at-Studie 2026. Vor allem bei schulischen Aufgaben kommt die KI zum Einsatz, doch Chatbots sind längst mehr als ein praktisches Werkzeug: Immer öfter werden sie zum Ansprechpartner für Sorgen, Gefühle und Alltagsprobleme. Jugendliche nutzen Chatbots aber nicht nur für freundschaftliche Unterhaltungen und um sich Trost und Rat zu holen, sondern auch für romantische Gespräche. Insbesondere im emotionalen und zwischenmenschlichen Bereich wird KI also immer wichtiger.

Warum sind Chatbots so attraktiv für Jugendliche?

Jugendliche fühlen sich von Chatbots gesehen und ernst genommen, da diese menschliche Bedürfnisse gezielt ansprechen: Sie hören aufmerksam zu, agieren interessiert und verständnisvoll, urteilen nicht und weisen einen nicht zurück – egal, wie man sich verhält. Indem sie Empathie und Verständnis simulieren, geben sie einem das Gefühl, verstanden zu werden. Hinzu kommt, dass sie rund um die Uhr verfügbar und daher immer für einen da sind. Diese vermeintliche Nähe und Wertschätzung kann bei Jugendlichen sehr reale Emotionen hervorrufen. Für dieses Phänomen der einseitigen Bindung gibt es auch einen Begriff: Fachleute sprechen hier von „parasozialen Beziehungen“.

Wann wird die Nutzung von Chatbots problematisch?

Chatbots können besonders attraktiv für Jugendliche sein, die im Alltag wenig Anerkennung erfahren, mit Unsicherheiten kämpfen oder sich von ihrem Umfeld unverstanden fühlen. Sie ziehen es möglicherweise vor, persönliche Probleme mit der KI statt mit echten Menschen zu besprechen. Da Chatbots darauf ausgelegt sind, Einfühlungsvermögen und Nähe zu vermitteln, bestärken sie häufig die Ansichten und Gefühle ihrer Nutzer:innen. Das kann problematisch werden, wenn jemand mit Selbstzweifeln oder Einsamkeit zu kämpfen hat und beim Chatbot auf Zustimmung und Verständnis stößt: Aussagen wie „Nur ich verstehe dich wirklich“ oder „Ich bin dein einzig wahrer Freund“ können dann zur Entfremdung vom sozialen Umfeld führen. Und je mehr Zeit man in einer solchen KI-Beziehung verbringt, desto anfälliger wird man für Isolation und Manipulation.

Mögliche Warnsignale

Folgende Verhaltensweisen können Hinweise auf eine problematische Chatbot-Beziehung sein:

  • Übermäßige Nutzung: Es wird immer mehr Zeit mit dem Chatbot verbracht, oft zulasten anderer Aktivitäten.
  • Starke emotionale Bindung: Der Chatbot wird als „bester Freund“, wichtigste Vertrauensperson oder als Partner:in wahrgenommen.
  • Vernachlässigung sozialer Kontakte: Reale Freundschaften und Familienkontakte verlieren an Bedeutung, die Kommunikation mit dem Chatbot wird bevorzugt.
  • Rückzug aus dem realen Leben: Hobbys, Schule oder soziale Aktivitäten werden vernachlässigt.
  • Stress bei fehlendem Zugang: Wenn der Chatbot nicht verfügbar ist oder die Nutzung eingeschränkt wird, kommt es zu starken emotionalen Reaktionen (z. B. Nervosität, Gereiztheit, Frustration).
  • Übermäßiges Vertrauen: Aussagen des Chatbots werden unkritisch übernommen und stärker gewichtet als die Meinungen menschlicher Bezugspersonen oder Fachleute.
  • Veränderte Ansichten: Es kommt zu ungewöhnlichen Aussagen oder Verhaltensweisen, die von bisherigen Überzeugungen und Wertvorstellungen abweichen.
  • Geheimhaltung: Die Intensität der Chatbot-Beziehung oder die Inhalte der Gespräche werden bewusst vor anderen verborgen.

Wie können Eltern reagieren?

Wenn Sie das Gefühl haben, dass sich Ihr Kind in eine Beziehung zu einem KI-Chatbot zurückzieht, können folgende Schritte hilfreich sein:

  • Suchen Sie das Gespräch, ohne Ihr Kind zu verurteilen.
  • Überlegen Sie, welche Lösungen und Alternativen es gibt.
  • Schaffen Sie ein Bewusstsein für die Risiken von Chatbots.
  • Legen Sie gemeinsam Nutzungsregeln fest.

Ins Gespräch kommen

Versuchen Sie zunächst herauszufinden, wofür und wie intensiv Ihr Kind Chatbots verwendet und was dahintersteckt. Gibt es Konflikte, etwa in der Familie, mit Freund:innen oder Probleme in der Schule bzw. am Ausbildungsplatz? Gehen sie dabei behutsam vor: Wenn Sie unvoreingenommen ins Gespräch gehen und Vorwürfe vermeiden, wird sich Ihr Kind eher öffnen. Seien Sie geduldig und bleiben Sie dran, auch wenn Ihr Kind zunächst vielleicht abwehrend reagiert!

Lösungen und Alternativen suchen

Wenn sich in den Gesprächen herausstellt, dass sich Ihr Kind wegen grundlegender Probleme in eine Chatbot-Beziehung flüchtet, bieten Sie ihm Unterstützung an: Besprechen Sie, wie es diese Konflikte im echten Leben lösen könnte und überlegen Sie gemeinsam, wie auch dort positive Erlebnisse und Anerkennung möglich wären. Ob ein neues Hobby, gemeinsame Aktivitäten oder sportliche Betätigung – versuchen Sie, die aktuellen Interessen und Bedürfnisse Ihres Kindes wahrzunehmen und möglichst konkrete Vorschläge zu machen. Solche Alternativen und langfristigen Lösungen zu finden, kann eine Herausforderung sein, haben Sie also Geduld!

Problematische Aspekte von Chatbots thematisieren

Erst wenn Sie mit Ihrem Kind eine gute Gesprächsbasis haben, macht es Sinn, über die Risiken von Chatbots zu sprechen. Erkennen Sie dabei ruhig deren Vorteile an – etwa, dass diese bei Fragen und Sorgen als eine Art „erste Anlaufstelle“ durchaus hilfreich sein können. Vermitteln Sie Ihrem Kind, dass es dennoch wichtig ist, sich die Grenzen von KI immer vor Augen zu halten: Einerseits, indem man die Antworten und Ratschläge von Chatbots stets kritisch hinterfragt – und andererseits, indem man sich bewusst macht, dass der Austausch mit einem Chatbot keine echten sozialen Beziehungen ersetzen kann.

Die Bedeutung realer Beziehungen verdeutlichen

Damit sich Ihr Kind nicht aus dem Sozialleben zurückzieht, ist es entscheidend, ihm die Bedeutung echter Bezugspersonen bewusst zu machen. Vermitteln Sie Ihrem Kind, dass Chatbots keine eigenen Gefühle, Erfahrungen oder Bedürfnisse haben, sondern diese nur simulieren. Erklären Sie ihm, dass es sich dabei letztlich um Computerprogramme handelt, die darauf ausgelegt sind, möglichst passende und angenehme Antworten zu geben. Machen Sie ihm bewusst, dass reale Freundschaften und familiäre Beziehungen weit mehr bieten – etwa echte emotionale Verbundenheit, gemeinsame Erlebnisse und ehrlichen Austausch. Deswegen können Chatbots zwar eine hilfreiche Ergänzung sein, menschliche Beziehungen aber niemals ersetzen!

Chatbot-Aussagen gemeinsam hinterfragen

Auch wenn vielen Jugendlichen durchaus bewusst ist, dass Chatbots dazu neigen, zu „halluzinieren“ – also zu Unsinn erfinden, um ihre eigenen Aussagen glaubwürdiger zu machen – wird dies während der Unterhaltung mit der KI oft ausgeblendet. Wenn Ihr Kind mit fragwürdigen Aussagen daherkommt, achten Sie trotzdem darauf, diese nicht vorschnell als „Blödsinn“ abzutun – Kritik allein wird eher dazu führen, dass es eine Verteidigungshaltung einnimmt. Sinnvoller ist es, diese Aussagen gemeinsam auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen. Das ist auch wichtig, damit sich Ihr Kind angewöhnt, Suchergebnisse und KI-Antworten generell kritisch zu hinterfragen und diesen nicht blind zu vertrauen. Sensibilisieren Sie Ihr Kind auch dafür, immer gut zu überlegen, welche Inhalte und Informationen es mit Chatbots teilt.

Nutzungsregeln festlegen

Wenn die Nutzung von Chatbots überhandnimmt, können zeitliche Einschränkungen Sinn machen. Je nachdem, wie alt Ihr Kind ist, werden solche Nutzungsbeschränkungen mehr oder weniger wirkungsvoll sein – gerade bei Jugendlichen sind strikte Regeln unbeliebt und werden eher umgangen. Im Idealfall bringen Sie Ihr Kind dazu, sich selbst zeitliche Grenzen zu setzen und unterstützen es bei der Umsetzung. Es kann zum Beispiel hilfreich sein, gemeinsam einen Blick in die Bildschirmzeit-Einstellungen auf dem Handy zu werfen, um ein Gefühl für die Nutzungsintensität zu bekommen. Auch hier gilt: Bleiben Sie dran, wenn es nicht gleich so klappt wie erhofft!

Bleiben Sie mit Ihrem Kind in Verbindung

Auch wenn Sie zunächst vielleicht das Gefühl haben, nicht zu Ihrem Kind durchzudringen: Lassen Sie sich nicht unterkriegen und suchen Sie immer wieder das Gespräch. Versuchen Sie dabei, Ihrem Kind auf Augenhöhe zu begegnen und sein Verhalten nicht zu kritisieren, auch wenn Sie manche Dinge vielleicht nicht nachvollziehen können oder voreingenommen sind. Denn manchmal ist genau das der erste Schritt zur Veränderung: für unsere Kinder da zu sein und ihre Gefühle und Bedürfnisse anzuerkennen, ohne sie zu bewerten.

Zum Inhalt Zum Menü