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„Helikopter-Eltern“ – Kindheit zwischen Förderwahn und Verwöhnung!

von Josef Kraus

Zwei „Typen“ von Eltern müssen uns Sorgen machen: Die einen sind diejenigen, die sich null-komma-nix um ihre Kinder kümmern. Die anderen sind diejenigen, die sich um alles kümmern. Es sei die Einschätzung gewagt, dass beide Gruppen – bei Unterschieden je nach Wohngegend – jeweils ein Sechstel der Elternschaft ausmachen. Im Umkehrschluss heißt das: Die große Mehrheit der Eltern erzieht bodenständig und verantwortungsbewusst.
Gewiss sind die an Erziehung völlig desinteressierten Eltern die gewichtigere Sorgenklientel. In wachsender Stärke macht aber eine Gruppe Sorgen, die das Gegenstück darstellt: Eltern, die entschlossen sind, alles und noch mehr für ihr Kind zu tun. Das sind Eltern, die sich über die Zahl der Vokabeln, über die Sitzordnung in der Klasse, über das Gewicht des Schulranzens, über den fehlenden Wasserspender im Klassenzimmer beschweren. Das sind Mütter, die sich nicht vorstellen können, dass ihre Töchter im Französischen eine Fünf eingefahren haben, wo die Töchter am Vorabend der Prüfung zu Hause alle Vokabeln aufsagen konnten. Das ist der Vater, der es nicht akzeptieren will, dass sein verhaltensauffälliger Sohn in der Schule gerügt wurde, und der auf drei Seiten ausführt, dass die Schule doch gefälligst kreative Menschen und keine Duckmäuser heranziehen solle. Und nicht zuletzt sind es manch übersensible oder auch trickreiche Eltern, die ständig auf der Jagd nach Gutachten sind, in denen ihrem Kind ADS, ADHS, Legasthenie, Dyskalkulie oder unentdeckte Hochbegabung attestiert wird. 
Solche Beispiele veranschaulichen das aus den USA kommende Bild von den Helikoptereltern – von Eltern, die ständig wie Beobachtungsdrohnen über den Kindern schweben und sie – möglichst mit GPS-Ortung – an der elektronischen Nabelschnur des Mobiltelefons durchs Leben geleiten. Oder um im Bild zu bleiben: Es sind dies Transport-Hubschrauber von Eltern (Marke „Taxi Mama“), Rettungs-Hubschrauber von Eltern und Kampf-Hubschrauber von Eltern (in den USA „black-hawk-parents“ genannt). 
Die andere Seite der Helikopter-Erziehung ist ein um sich greifender Förderwahn. Dieser Wahn geht nicht selten einher mit Visionen von einem maßgeschneiderten Premium-Kind. Das kommerzielle Angebot schafft die entsprechende Nachfrage und die Ratgeberindustrie boomt. Dabei ist letztere oft das Problem, als dessen Lösung sie sich ausgibt. Und so prasseln auf Eltern Angebote über Angebote herunter: Little-giants-Kindergärten; „Babytuning“ für die VIBs (Very Important Babies); „FasTracKids“-Kitas (fast track = Überholspur); Frühenglisch für Kinder im Buggy; Portfolios und Potenzialanalysen für Dreijährige. Peter Sloterdijks boshafter Begriff der „Fötagogik“ liegt gar nicht zu weit daneben. 
Eine unrühmliche Rolle inmitten dieser Förderwahns spielen manche Vertreter der Hirnforschung. Erkennbar ist deren Selbstüberschätzung allein schon daran, dass die Phraseologie der Hirnforschung metastatisch auch die Schule erfasst: Neurodidaktik, Neuroergonomie, Neurogermanistik, Neurohistorik, Neuropädagogik … Deutschlands Hirnforscher sind zum Teil nicht unschuldig an einer mitunter unseriösen Debatte um «Neuro». Freilich gibt es unter den Hirnforschern solche und solche: Kategorie eins sind die seriösen und streng wissenschaftlichen. Zu ihnen gehören in Deutschland zum Beispiel Gerhard Roth und Wolf Singer. Diese renommierten Fachleute wissen, dass die Hirnforschung weit davon entfernt ist, die Pädagogik zu revolutionieren. 
Die „Neuro“-Heilsbotschaften, mithilfe der Hirnforschung ein Bildungssystem zu ungeahnten Höhen führen zu können, sind allerdings Aber- und Wunderglaube zugleich. Die Lernforscherin Elsbeth Stern, eine der renommiertesten Lernforscherinnen im deutschsprachigen Raum, vergleicht die größenwahnsinnig angehauchten schulpädagogischen Schlussfolgerungen unseriöser Hirnforscher mit dem Plan, mittels einer physiologischen Beschreibung von Hunger die Unterernährung in der Welt bekämpfen zu wollen.
Man kann Kleinkindern jedenfalls noch so viel „neuro“-mäßig programmiertes Vorschullernen vorsetzen, es hat keinen Zweck. Ein normales anregendes Elternhaus reicht. Oder einfacher: „Sperren Sie Ihr Kind nicht in den Schrank, lassen Sie es nicht verhungern und schlagen Sie ihm nicht mit der Bratpfanne auf den Kopf.“ So hat der US-Neurowissenschaftler Steve Petersen die einzig unstrittigen Erkenntnisse der pädagogisch relevanten Neuroforschung zusammengefasst.
So manche öffentliche Debatte ist nicht unschuldig an einer solchen Psychodynamik, indem sie die Bildungsdebatte zu einer Abitur/Matura-Vollkasko-Propaganda verkommen hat lassen und suggeriert, unterhalb eines Masterabschlusses „geht“ heute nichts mehr. Zugleich verwöhnen die Schulen mit guten Noten und niedrigen Quoten an Sitzenbleibern, in manchen deutschen Ländern gar mit der Abschaffung des Sitzenbleibens und der Noten.
Was sind die Folgen einer solchen Erziehung? Solchermaßen erzogene Kinder können keine Eigeninitiative und Eigenverantwortung entwickeln, weil sie Hilflosigkeit gepaart mit hohen Ansprüchen erlernt haben. Solche Kinder werden nie mündig, weil es immer jemanden gibt, der für sie alles regelt. Solchen Kindern wird es später an Unternehmergeist fehlen.
Was ist dagegenzusetzen? Erziehung braucht bei aller Ernsthaftigkeit schlicht und einfach Leichtigkeit und Humor. Vor allem könnte der Mensch durch seine Fähigkeit zum Humor ein gütiges, zugleich lebensbejahendes Hinsehen auf die Unvollkommenheit der Welt, seiner selbst und seiner Zöglinge leben und erleben. Humor hat zu tun mit Souveränität, Selbstironie und Distanz zu sich selbst. Humor gerade in der Erziehung hat mit Liebe, mit Wohlwollen, mit Wärme, mit Güte, mit Wertschätzung des Zöglings zu tun. Das baut Stress und Ängste ab, ist Ausdruck von Kreativität, erhöht die Frustrationstoleranz, relativiert Probleme, signalisiert Friedfertigkeit und macht beliebt. Manche sagen auch: Humor ist eine sehr gutes Mittel der Kontingenzbewältigung, also des Umgangs mit Unwägbarkeiten. Jedenfalls erreicht man mit Humor in Elternhaus und Schule oft mehr als mit bierernster Erziehungsdebatte oder mit rezeptologischem Förderwahn. 


Kommentare

Gudrun

Danke für den Artikel! Am besten gefällt mir die Humor-Empfehlung: sehr wahr und wichtig. Es geht um ein gutes Miteinander leben (lernen). In der Familie, in der Schule und der Gesellschaft. Hier kann jeder von jedem etwas lernen, und wenn es nur die Erkenntnis ist, etwas anders als das Gegenüber machen zu wollen. Humor nimmt in allen Situationen die Strenge und hält das Herz und den Geist offen.


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