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Sehschwächen als Ursachen für Lernprobleme

von Dr. Hildegard Gruber

Wenn schulische Leistungen nachlassen oder Kinder die Lerninhalte verzögert erfassen, denken Eltern meist nicht an Sehprobleme, denn die geschilderten Symptome sind vielfältig.

Wie erkennen Eltern die kindliche Fehlsichtigkeit?
Das kindliche Gehirn kann Fehlsichtigkeiten teilweise ausgleichen. Sind sie aber zu hoch, dann ermüden die Kinder. Kinder können ihr eingeschränktes Sehvermögen nicht als solches erkennen und angeben. Kinder, die in der Schule die Buchstaben an der Tafel schlecht wahrnehmen, klagen zu Hause mitunter über ganz andere Symptome, etwa über Bauchschmerzen. Bei längeren Arbeiten ermüden die Augen und auch die Kinder. Das Sehen wird schlechter, Kopfschmerzen, Konzentrationsstörungen und ein Nachlassen der schulischen Leistung sind die Folge.

Jede Legasthenie muss auch augenärztlich abgeklärt werden, da hinter den Lernproblemen zusätzlich Augenerkrankungen oder Sehschwächen vorliegen können. Eine Brille erleichtert die visuelle Wahrnehmung, verbessert aber nicht die Legasthenie.

Gutes Sehen wird gerade in der Welt der neuen Medien immer wichtiger. Deshalb müssen Eltern auf die Augengesundheit ihrer Kinder achten und regelmäßige Untersuchungen, bereits ab den Mutter-Kind-Pass-Untersuchungen sind von großer Bedeutung. 

Mögliche Ursachen für augenbedingte Lesestörungen:

  • Fehlsichtigkeiten

Kleinere Fehlsichtigkeiten sind normal und müssen nicht immer mit Brille korrigiert werden. Eine geringe Weitsichtigkeit bei Schulbeginn ist normal und kann vom Kind in der Regel ausgeglichen werden. Auch geringe Hornhautverkrümmungen stören die optische Abbildung kaum. Sind die Augen kurzsichtig, dann besteht ohne Brille gutes Sehen in der Nähe aber verschwommenes Sehen in der Ferne. Für die Kinder ist dieses Sehen „normal“, sie kennen kein anderes. Nur mit der augenärztlichen Untersuchung im eingetropften Zustand kann die Fehlsichtigkeit exakt bestimmt und bei Bedarf mit Brille ausgeglichen werden.

  • Naheinstellungsschwäche (Akkommodationsschwäche) 

Um in unterschiedlichen Entfernungen – Tafel/Lehrperson und Heft/Buch – gut zu sehen, müssen die Augen die Scharfstellung ständig ändern. Wie der Autofokus in einer Kamera zoomt = akkommodiert unsere Augenlinse völlig unbewusst. Diese Akkommodationsfähigkeit kann im Kindesalter geschwächt sein. Um halbwegs scharf zu sehen, müssen sich die Kinder übermäßig anstrengen, halten diese verstärkte Akkommodation aber nicht stundenlang durch, werden müde, unkonzentriert, machen Fehler und klagen über verschiedene Beschwerden. Die Kinder kennen kein entspanntes, müheloses Sehen in der Nähe – sie vermeiden Naharbeit. Wird eine Akkommodationsschwäche diagnostiziert, wird sie mit einer Bifokalbrille oder Gleitsichtbrille ausgeglichen.

  • Latentes, verborgenes Schielen (Winkelfehlsichtigkeit)  

Anders als beim Fotoapparat, wo nur ein Objektiv bei der Naheinstellung zoomen muss, müssen wir für das Sehen in der Nähe zwei Augen akkommodieren und soweit zusammenführen = konvergieren, dass sich die optischen Linien in dem Fixationspunkt (ein Buchstabe, ein Wort, ein Bild) treffen. Akkommodation und Konvergenz sind im Normalfall perfekt gekoppelte Vorgänge unserer Naheinstellungsreaktion. Ist die Konvergenz zu schwach oder zu stark, entsteht Außen- oder Innenschielen und das fixierte Objekt wird doppelt gesehen. Auch dies ist in einem geringen Ausmaß normal und wird von unserem Gehirn und den Augenmuskeln „eingestellt“. Größere latente Schielabweichungen – sie sind kosmetisch nicht erkennbar – führen zu verschwommenem Sehen und zu Doppelbildern. Die Kinder können sich nicht mehr konzentrieren und vermeiden Naharbeit.

Schielen ist eine Krankheit und muss augenärztlich-orthoptisch mit einer Prismenbrille oder einer Schieloperation behandelt werden. Die Abgabe von Prismenbrillen durch gewerbliche Berufsgruppen ist aus augenärztlicher Sicht strikt abzulehnen. 

  • Voranschreitende Kurzsichtigkeit (Progrediente Myopie)

Kurzsichtige sehen in der Nähe scharf und in der Ferne unscharf. Bis 2050 wird nach Modellrechnungen die Hälfte der Weltbevölkerung kurzsichtig sein. Hauptursachen für die Kurzsichtigkeit sind zu viel Naharbeit (z.B. durch häufige Nutzung von Handys und Tablets) bzw. Lichtmangel in der Kindheit oder Jugend. Es wird daher empfohlen, dass sich Kinder so viel wie möglich im Freien aufhalten (zwei Stunden pro Tag) und gleichzeitig die Zeiten der Naharbeit (Lesen, Arbeiten am Handy, PC, Laptop, Tablet) reduzieren.

Mit geeigneten Brillen das Leben erleichtern
Mit geeigneten Brillen können die Eltern ihren Kindern entscheidend das Leben erleichtern. Wenngleich die Teilleistungsstörung keine augenärztliche, sondern eine neuropsychologische Diagnose ist, so erzielt man dennoch mit der Korrektur von Fehlsichtigkeiten eine Verbesserung der visuellen Wahrnehmung.

Brillen bei Kindern mit Lernschwierigkeiten nur nach augenärztlicher Untersuchung!

Voraussetzung jeder Brillenverordnung im Kindesalter ist die Untersuchung im eingetropften Zustand (Ausschaltung der Zoomfunktion). Nur so wird die Weitsichtigkeit voll ermittelt und mit Brille korrigiert. Optiker oder Optometristen dürfen keine Augentropfen anwenden und daher besteht das Risiko einer „Unterkorrektur“ von Fehlsichtigkeiten. Latentes Schielen, von Optikern häufig Winkelfehlsichtigkeit genannt, darf ohne augenärztlicher Verordnung nicht mit einer Prismenbrille versorgt werden.

Weiterführende Diagnostik – Zusammenarbeit der Berufsgruppen
Um die Kinder optimal zu betreuen, ist die Aufmerksamkeit der Eltern und eine gute Zusammenarbeit aller relevanten Berufsgruppen notwendig. Oft spielt der Schularzt eine Schlüsselrolle, der bei der jährlichen Reihenuntersuchung Sehschwächen entdecken kann. Bei Auftreten von Kopfschmerzen soll der Augenarzt auch einen Facharzt für Neurologie oder Kinderheilkunde hinzuziehen. Bei Problemen der Zusammenarbeit der Augen oder Schielen ist die Berufsgruppe oder Orthoptisten gefragt. Im Fall von Teilleistungsstörungen oder Lernverzögerungen sind klinische Psychologen gefordert.


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