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„ Sei nicht so lästig!“

von Michaela Harrer

Eine kleine Geschichte aus dem Alltag am Anfang:
Eine Frau steigt mit einem ca. 4-jährigen Kind in die U Bahn ein. Das Kind  stürmt herein hält sich an der Haltestange an und beginnt sich wild im Kreis zu drehen. Die Frau läuft atemlos hinterher, sie versucht auf das Kind einzuwirken, indem sie es zur Ruhe mahnt, ständig Fragen stellt und  gleichzeitig selbst die Antworten darauf dem Kind eindringlich mit lauter Stimme und hektisch zuruft.
Das Kind setzt sich auf einen frei werdenden Sitzplatz, wetzt herum, stößt mit den Beinen  an den vis a vis Sitzenden. Die Mutter ist total genervt, redet und ermahnt das Kind. Sie selbst bleibt stehen und versucht das Kind immer wieder „richtig“ hinzusetzen indem sie an der Kleidung des Kindes zerrt. Ein kurzer Moment der Entspannung in dem das Kind interessiert aus dem Fenster schauen möchte, endet jäh! Viel zu spät erkennt die Mutter, dass sie schon bei der  letzten  Station  aussteigen wollten. „Das ist jetzt alles deine Schuld, weil du mich verrückt machst mit deiner Art! Komm schnell! Hör auf! Lass das!…..“ Sind die letzten Worte die ich höre bevor die Frau aufgebracht das Kind an der Kapuze aus der U-Bahn zerrt!
Der gesellschaftlich weit verbreitete Tenor ist unüberhörbar: immer mehr Kinder sind schwierig, zappelig, können sich nicht konzentrieren…..schnell gibt es da alle möglichen Diagnosen von mehr oder weniger autorisierten Fachlauten mit der  Verheißung: das ließe sich ja alles reparieren! Schnell „Reparieren“ damit aufgeweckte, aktive Kinder wieder besser hineinpassen in unsere funktionelle Erwachsenenwelt? Um den Kindern zu helfen? Oder um den Erwachsenen diese „lästigen“, unangenehmen Kinder abzunehmen? Was ist noch „gesund“ und wo beginnt die berechtigte und tatsächlich indizierte Diagnostik und Therapie? Fragen über Fragen!
Zur Klarheit möchte ich noch feststellen: In meinen Ausführungen geht es NICHT UM TATSÄCHLICH  DIAGNOSTIZIERTE KINDLICHE WAHRNEHMUNGSSTÖRUNGEN UND ERKRANKUNGEN sondern um GESUNDE, UNRUHIGE bzw. ÜBERDURCHSCHNITTLICH AKTIVE  KINDER!
Unsere Beobachtung dieser eingangs geschilderten Alltagsszene kann uns zu vielfältigen Gedanken und Hypothesen anregen.  Es geht mir hier keinesfalls um Schuldzuweisungen sondern um achtsame Wahrnehmung!
Wir erleben da einmal vordergründig ein Kleinkind im Vorschulalter, das scheinbar seinem großen Bewegungsdrang nachgeht.
Bewegung ist ja ein Grundbedürfnis alles Lebendigen. Von Geburt an verlangen Körper, Geist und Seele diese Beweglichkeit um sich entwickeln und formen zu können. Anfangs noch ganz unwillkürlich und im Laufe der Entwicklung immer gezielter, ist Bewegung ein ganz natürlicher  Bestandteil des Lebens. Kinder  benötigen den Raum und die Möglichkeit sich erproben zu können,  sich spüren zu dürfen, spielerisch sich auch durch Bewegung und in der Bewegung in tranceähnliche Zustände zu versetzten.  Fast unmerklich aber stetig erlangen sie im besten Fall immer mehr Kontrolle über ihren Körper, können ihn lustvoll und geschickt einsetzen – in der Grobmotorik z.B. beim Klettern, Laufen oder Turnen und in der Feinmotorik z.B. beim Basteln, Masche binden, Malen oder Mithelfen bei alltäglichen Tätigkeit. Sie machen wichtige empirische Erfahrungen über Erfahrungen mit allen Sinnen.
Kinder lernen aber auch durch Vorbild und Nachahmung bzw. Anleitung ihre Impulse zu ihrem eigenen Wohle und ihrer Sicherheit zu kontrollieren – sich in bestimmten Situationen entsprechend so zu verhalten, dass sie sich nicht in Gefahr bringen und auch sozialadäquat  verhalten. Ja, sie sind sehr stolz darauf, wenn ihnen dies dann auch gelingt – diese Erfolgserlebnisse tragen wesentlich zu ihrem gesunden Selbstwert und ihrer Selbstachtung bei.
Wir erleben aber auch öfter Kinder, die genau diese Selbstregulation scheinbar nicht schaffen, die wie „aufgezogen“ unruhig und nervös, manchmal wie getrieben sind.  Es gibt viele mögliche Gründe von denen ich nur einige wesentliche hier anführen möchte, welche Ursachen dieses , im Grunde gesunden kindlichen Verhaltens sein könnten, und dabei noch keines Falls pathologisch eingestuft werden müssten!

1. Überforderung

Kinder  können Situationen, Stimmungen und Leistungsanforderungen, die an sie gestellt werden als  schlichtweg überfordernd erleben. Da es manchmal noch nicht möglich ist für sie dies zu artikulieren  entsteht eine innere Spannung, die sie über ihren Körper unwillkürlich ausagieren müssen um irgendwie damit umgehen zu können. Ein zu frühes zu sorgloses Medienangebot zum Beispiel, „Förderstundenpläne“ welche für das freie Spiel kaum Raum lassen aber auch emotionale Krisenstimmung zu Hause sind nur einige Beispiele dafür ,was alles innere Spannungen bei Kindern auslösen kann.

2. Mangel an Klarheit, Struktur und Sicherheiten

Wesentliche Hilfen zur Orientierung für  Kinder sind Ordnungen, auf die sie sich verlassen können.  Rituale im Alltag und auch beständige Beziehungsangebote von Erwachsen wirken wie Schutzschilder  und bieten Sicherheiten für Kinder. Fein ist es, wenn es verschiedene Zeitqualitäten im Wechsel gibt: also Zeit für Spiel, Bewegung, Ruhe und Schlafenszeiten, regelmäßige Mahlzeiten – bei getrennten Eltern: regelmäßige sichere Papazeiten und Mamazeiten.

3. Doppelbotschaften

Die Klarheit ist auch unbedingt erforderlich in der Kommunikation zwischen Eltern und Kindern.  Nichts ist so verwirrend für Kinder, wenn sie einerseits Gesagtes hören aber spüren, dass eigentlich etwas anderes gewünscht ist. Wie soll sich da jemand auskennen?
Zur Erläuterung: Anknüpfend an unsere U-Bahnszene könnte es z.B. so sein, dass die Mutter zwar zu ihrem Kind sagt es möge „brav“ sein, innerlich ist es aber nicht wirklich wichtig für sie, weil sie mental weit weg ist und ihr, ihr Kind im Moment gar nicht so wichtig ist, wie sie vorgibt. Darüber hinaus wäre da noch zu klären was mit „brav sein“ genau gemeint ist!
Das Verhalten der Kinder  kann dann wie ein Test verstanden werden: Was willst du wirklich, Mama? Ich möchte dir nahe sein, wo bist du?! Du musst dich jetzt aber mit mir beschäftigen, schau her!

4. Stress und Unruhe der Erwachsenen

Je jünger Kinder sind, umso mehr sind sie auch noch emotional mit uns verbunden. Stimmungslagen, Ängste und Stress der Erwachsenen (auch wenn sie sich noch so bemühen dies zu verbergen!) übertragen sich oft auf die Kinder, die mit Ängsten und Verunsicherung darauf reagieren. Je mehr Verständnis und Empathie die Erwachsenen von ihren Kindern bräuchten, umso „lästiger“ verhalten sich Kinder in diesen Situationen. „Lästig“ beinhaltet „Last“ und genau das ist das große Thema:
Sobald sich Kinder als Last empfinden  – es ihnen ja auch auf diese Weise vermittelt wird – umso verunsicherter und ängstlicher erleben sie sich. Spannung und Unsicherheit bauen sich noch mehr auf, der Selbstwert sinkt, das unerwünschte Verhalten des Kindes verstärkt sich ….und der Körper beginnt „zu sprechen“!

5.  Physiologische Besonderheiten

Bedeutsam für unser Thema kann auch die Ernährung sein! Es lohnt sich einmal einen Blick auf den kindlichen Speisezettel zu werfen: Wie ernährt sich ihr Kind? Wieviel Zucker nimmt ihr Kind zu sich? Wie schaut es mit dem Flüssigkeitshaushalt aus? Ist die Versorgung mit Mineralstoffen und Vitaminen ausreichend gewährleistet? Gibt es Allergien? ect.

Was kann also unruhigen, zappeligen Kindern und ihren Eltern konkret helfen?

Hier ein paar Tipps:

  • Klare, ruhige und vor allem ehrliche Kommunikation!  

    Wenden Sie sich bewusst (auch körperlich) ihrem Kind zu, nehmen Sie Augenkontakt mit ihrem Kind auf bevor Sie zu sprechen beginnen!  Manchmal kann es auch hilfreich sein, ihr Kind in den Arm zu nehmen, es liebevoll zu halten oder einfach nur seine Hand in ihre zu legen – das vermittelt Nähe, Sicherheit und Zuwendung! Verwenden Sie Ich-Botschaften (z.B.: ich weiß, dass es jetzt für dich lustiger wäre herum zu turnen aber ICH möchte nicht dass du dich hier verletzt und deshalb möchte ich, dass du dich jetzt hinsetzt bis wir wieder aussteigen!) Je lauter und zappeliger ihr Kind ist, umso ruhiger und sicherer sollten Sie bleiben und auch sprechen, um ihr Kind „wieder herunter zu holen“.

  • Weniger ist mehr!

    Überlegen Sie sich was Sie wirklich Ihrem Kind sagen wollen! Ständiges Ermahnen, Herumzupfen und Reden kann auch ihr Kind noch mehr nervös machen und ist kein Zeichen von Fürsorge! Aber auch ein Zuviel an Spielsachen, überquellende  Kinderzimmer und unüberschaubares Kleidungsangebot hinterlässt hilflose überforderte Kinder, die ständig Entscheidungen treffen müssen die sich noch nicht treffen können.

  • Schaffen Sie Sicherheiten  „zum Anhalten“!

    Verlässlichkeit, Beständigkeit und geordnete Abläufe im Alltag sind wichtiger denn je! Wenn sie etwas vereinbaren mit ihrem Kind, dann halten Sie sich bitte daran! „Versprochen ist versprochen und wird auch nicht gebrochen!“  Immer wiederkehrende Rituale (Aufstehen – Morgenrituale, das Haus verlassen und wieder nachhauskommen, Essenszeiten bzw. Tischrituale, Arbeits- und Spielrituale, Schlafengehen – Abendrituale) sind wesentliche Strukturen und bringen Ruhe ins Leben.  Lassen Sie sich auch mal von ihrem Kind bei alltäglichen Verrichtungen helfen und sparen Sie es nicht davon aus! Ihr Kind tut dies sicher mit Freude und  gerne aber machen Sie nicht zu früh eine Verpflichtung daraus.

  • Stellen Sie genügend Raum zur Verfügung für freie Tätigkeiten

    (freies Spiel, toben und herum turnen aber auch Langeweile darf sein!)

  • Genießen Sie auch bewusst Zeiten der Ruhe und Stille mit und für ihr Kind!

    Geschichten vorlesen oder erzählen, eine Kerze bewusst anschauen, in der Wiese sitzen und an einer besonders schönen Blume riechen usw. vertiefen Eindrücke und bieten Entspannung, fördern die Phantasie und Lebensgenuss

  • Spielen Sie gemeinsame altersentsprechende Gesellschaftsspiele!

    Hier lässt sich wunderbar üben auch mal lustvoll Spannung aushalten zu können (um sich dann wieder entspannen zu können). Auch Verlieren und Gewinnen will gelernt sein! Soziale Fähigkeiten können dabei perfekt eingeübt und trainiert werden.

  • TV und PC sind keine förderlichen Babysitter!

    Die Faszination, die von elektronischen Medien ausgeht, ist verständlich jedoch ist ihr Konsum für Kinder im frühen Kindesalter nicht zu empfehlen. Fernsehen ist keine Entspannung fürs Gehirn (auch wenn wir als Erwachsene schon mal vor dem Bildschirm  eingeschlafen sind!) sondern ganz im Gegenteil ein hoch komplexer Vorgang.   Jedenfalls sollte auch bei älteren Kindern  darauf geachtet werden ab mindestens einer Stunde vor dem Schlafengehen nicht mehr fernzusehen! Das Gleiche gilt selbstverständlich auch für Computerspiele!

  • „Es ist gut dass es dich gibt!“

    Die grundsätzliche Freude an Ihrem Kind, trotz anstrengender Zeiten, und ihre eigene positive Lebenseinstellung und Lebensfreude sind ganz wichtig und sollten auch ausgedrückt werden dürfen. Nichts ist schöner als auch  gemeinsam zu Lachen und einfach nur mal Spaß mit einander zu haben. Humor ist gefragt!


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