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Worüber sprechen wir überhaupt, wenn wir über Grenzen sprechen?

von Mag. Sandra Teml-Jetter

Elternbildung
Elternbildung
Elternbildung

Dazu lade ich zu einem Gedankenexperiment ein. Und zwar bitte ich dich, dir zuerst deine eigenen Grenzen rund um dich vorzustellen. Bei mir ist das ein Kreis. Wie groß ist der? Wo stehst du? Als nächstes stellst du dir dein Kind vor mit seinem/ihren Grenzen rundherum. Vielleicht ist der Kreis kleiner als deiner. Und auch dein Partner hat Grenzen. Und was bei dieser Übung schon deutlich wird ist, dass wir ganz schön viel Patz brauchen, damit der jeweilige Raum geachtet wird. Das Bild von eigenständigen Menschen mit eigenen Grenzen entspricht einer Subjekt – Subjekt – Beziehung in der alle gleichwertige, ernstzunehmende Menschen mit unterschiedlicher Macht- und Pflichtaufteilung zusammenleben. Das ist das Bild einer Familie in den 2010er Jahren.

Je abhängiger unsere Kinder sind, umso näher und im wahrsten Sinn des Wortes, inniger ist unsere Beziehung. Ein Baby in der Bindungsphase lebt bildlich gesprochen mit seinem Kreis in meinem Kreis. Es ist mit mir identifiziert, kann noch nicht unterscheiden zwischen Du und Ich obwohl es schon ein kompetentes Wesen ist, das seinen Bedürfnissen Ausdruck verleihen kann. Die Grenzen verschwimmen also, und es ist einzig unsere elterliche Aufgabe, Zeit mit unserem Baby zu verbringen, seine Bedürfnisse unmittelbar zu stillen und es kennenzulernen.

Ab der Autonomiephase beginnt das Kind nicht nur seinen eigenen Bereich zu erforschen, seine Grenzen auszuprobieren, sondern auch unsere. „Mama, Papa, wer bist du? Und wer bin ich?“ Das sind die Fragen, die jetzt aufkeimen. Und ja, unsere Kinder übertreten permanent mit diesem Forschungsdrang unsere Grenzen. Ganz unverblümt und unachtsam. Deswegen ist es so wichtig, dass wir unsere Grenzen als Erwachsene kennen und benennen können.

Dazu müssen wir sie aber erst kennen, spüren und wahrnehmen. Dazu müssen wir den bildlichen Raum um uns kennen. Wir müssen uns(er) selbst kennen, wo wir jetzt gerade stehen. Wir müssen uns immer wieder in unseren Raum zurückziehen, um zu forschen, wie wir uns zu einem bestimmten Thema oder Menschen beziehen. Wir müssen innerhalb unseres Kreises den Ort finden, wo unser Ja und unser Nein wohnen. Und wer hilft uns am allerbesten dabei? Wer lädt uns am meisten zum Forschen ein? Richtig! Die Menschen, die uns am nächsten stehen: Unsere eignen Eltern, unsere Partner und unsere Kinder.

Kinder haben im Unterschied zu Erwachsenen noch das Recht, uneingeladen über unsere Schwelle zu treten. Weil es Kinder sind. Weil sie als solche neu hier auf dieser Erde sind und von uns lernen. Deswegen müssen nicht wir ihnen ihre Grenzen setzen – nein, sie haben schon ihre eigenen! Wir Eltern müssen ab dem Autonomiealter unserer Kinder unsere Grenzen benennen, wenn sie übertreten werden. Das können wir mit einem: „Nein, das will ich nicht!“, „Jetzt mag ich nicht spielen!“, „Ich will dir keine weitere Geschichte vorlesen!“, „Ich werde jetzt kochen!“ tun. Das sind alles klare Ansagen! Kein Wischiwaschi!

Was so einfach klingt, ist in der Umsetzung oft schwierig. Viele heute Erwachsenen sind in ihrer „Kreiswerdung“ nicht gut unterstützt worden. Oft haben die eigenen Eltern ihre Grenzen über das Kind gestülpt und es zur Anpassung genötigt. Anstatt sich persönlich zu erklären, waren Sätze wie: „Solange du die Füße unter meinem Tisch hast….!“ Standard. Das Ergebnis waren Fluchtversuche der Kinder, Heimlichkeiten oder ein Wegschneiden der eigenen Impulse. Alles zur Wahrung des Friedens und um die Konsequenzen – oder wollen wir es Strafen nennen – herum zu kommen. Das ist Erziehung im Gehorsam. Das ist Erziehung mit Angst.

Als heutige Eltern müssen wir uns also wieder besinnen, dass wir Grenzen haben dürfen. Das müssen sich viele – vor allem traumatisierte Menschen – erst einmal erlauben. Sie sind es nicht gewohnt, bei sich zu sein, sondern orientieren sich an den Grenzen anderer: An anderen Erwachsenen oder auch an den Grenze ihrer Kinder. Wenn letzteres der Fall ist, dreht sich aber alles um und dann wird Kindern eine Führungsaufgabe zugeschrieben, der sie nicht gewachsen sind. Am Ende betitelt man sie dann auch noch als Tyrannen. Alles nur, weil Eltern nicht gelernt haben, für ihre Grenzen einzustehen, sondern dafür gesorgt haben, dass andere sich wertvoll, ganz und sicher gefühlt haben. Das alles beschreibt aber nicht Liebe, sondern emotionale Abhängigkeit.

Genau das gilt es heute für viele zu verlernen: Nicht einmal im Kindesalter sind wir für die Gefühle und Emotionen unserer Nächsten verantwortlich. Emotionen sind. In ebendiesem Raum. Was wir Kindern schulden ist die Co-Regulation selbiger. Was wiederum bedeutet, dass wir unsere Emotionen im Griff haben müssen. Und das können wir nur innerhalb unserer Grenzen. Nur wenn wir selbst ruhig sind, kann sich unter Kind beruhigen. Und das sollte niemals umgekehrt sein. Und hier beißt sich die berühmte Katze in den Schwanz. Weil, wie oben beschrieben, viel von uns ihren Raum gar nicht entsprechend entwickeln durften.

Was ist also die Lösung? Die Lösung heißt: Gemeinsames Lernen und Wachsen aneinander. Ich werde an dir – du wirst an mir. Unsere Kinder löchern uns mit Ideen, Wünschen und Bedürfnissen. Ebenso unsere Partner. Die erste Reaktion auf ein Herantreten muss immer sein: Rein in meinen Raum, in meinen Kreis, in meine Grenzen und mir die Zeit für eine Antwort nehmen. Und diesmal nicht aus Angst schweigen, sondern sich den möglichen daraus resultierenden Konflikten stellen: In einer Familie oder Partnerschaft muss keine Einigkeit herrschen. Es können mehrere Kreise Co-Existieren. Damit das gelingt, bedarf es einer beständigen Auseinandersetzung mit sich selbst, ein Suchen und Ringen nach meiner Antwort; es bedarf Mut und somit Emotionsmanagement, mich zu zeigen in meiner Fülle und Begrenztheit. Und es bedarf Mut, das Fremde und Unbekannte in unserem Partner oder unserer Kinder zu sehen.

Steh also du zuerst zu deinen Grenzen und Begrenzungen. Deklariere dich. Nimm dich ernst. Erst dann kannst du deine Grenzen für dich und andere weiten, wenn du welche hast. Alles andere wäre alles andere als Selbstliebe. Und dann macht das Zitat des Philosophen Martin Buber Sinn, der sagt: „Um zum anderen ausgehen zu können, muss man den Ausgangsort innehaben, man muss bei sich gewesen sein, bei sich sein!“ Bist du schon in deinem Kreis?

Mehr zu diesem Thema sowie zahlreiche Übungen und Notfallplan finden Sie in meinem am 27. Mai 2019 erscheinenden Buch „Mama, nicht schreien!“

 

 

 

 

 

 


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