Der Schlaf von Babys und Kleinkindern ist anders als der Schlaf von Erwachsenen
von Dr. Eva Dittinger
„Schlafen wie ein Baby“ ist nach wie vor ein Gedanke in unserer Gesellschaft, der mit tiefem und festem Schlaf in Verbindung gebracht wird. Fast so, als würden Babys den ganzen Tag genüsslich und selbständig vor sich hinschlummern. Doch die Wissenschaft zeigt ein klares Bild: Während Schlafen von Anfang an ein menschliches Grundbedürfnis ist, so unterscheidet sich der Schlaf von Babys und Kleinkindern grundlegend von dem eines Erwachsenen. Wo liegen diese Unterschiede also? Was ist normal? Und wie kommt man als Familie trotz unterschiedlichem Schlafverhaltens gut durch die Nacht?
Babys brauchen mehr Schlaf als Erwachsene
Das scheint vorab ein nachvollziehbarer Punkt. Umso jünger ein Kind, desto mehr Schlaf braucht es. Wenn man genauer hinschaut, sieht man allerdings, die Spannbreite ist groß und nicht immer entspricht der Schlafbedarf tatsächlich den Erwartungen unserer Gesellschaft: manche Neugeborene schlafen 9 Stunden, und andere Neugeborene brauchen 19 Stunden Schlaf innerhalb von 24 Stunden. Das heißt, während ein Baby gefühlt den ganzen Tag und auch die halbe Nacht wach ist und Begleitung seiner Eltern braucht, schläft ein anderes Baby mehr oder weniger immer und gönnt seinen Eltern somit viele Ruhepausen. Diese Spannbreite wird mit der Zeit etwas schmäler, und der Durchschnitt liegt mit einem Jahr bei rund 13 Stunden Schlaf. Dennoch bleibt der Schlafbedarf von Kleinkindern noch sehr unterschiedlich, und wie auch bei uns Erwachsenen ist er angeboren und nicht veränderbar. Ein Kind kann nur schlafen, wenn es müde ist, und kann nicht mehr schlafen, als es seinem natürlichen Schlafbedarf entspricht.
Die Anpassung des zirkadianen Rhythmus braucht Zeit
Bereits im Mutterleib haben Babys einen Schlaf-Wach-Rhythmus. Sie müssen das (Ein)Schlafen daher nicht lernen. In den ersten Lebensmonaten verteilen sich diese Schlaf- und Wachphasen über den Tag und die Nacht: Babys kennen noch keinen Unterschied zwischen Tag und Nacht, und brauchen nachts genauso liebevolle Begleitung wie untertags. Erst allmählich passt sich die innere Uhr des Kindes unserem Tagesrhythmus an. Im Normalfall ist mit etwa 6 Monaten die Umverteilung des Schlafes auf Tag und Nacht, mit Reifung bestimmter Bereiche des Gehirns (suprachiasmatischer Nucleus des Hypothalamus), abgeschlossen: der zirkadiane Rhythmus hat sich eingestellt.
Babys und Kleinkinder haben kürzere Schlafzyklen als Erwachsene
Während wir schlafen, befinden wir uns nicht in einem gleichbleibenden Zustand, sondern wir durchlaufen sogenannte Schlafzyklen. Jeder Schlafzyklus dauert beim Erwachsenen ungefähr 90-120 Minuten, und entsteht durch einen regelmäßigen Wechsel zwischen Tiefschlafphasen und leichten Schlafphasen, dem sogenannten REM-Schlaf. Ist ein Schlafzyklus zu Ende, so wird man kurz wach. Wenn in diese empfindliche Phase ein Aufwachreiz fällt (z.B., ein starkes Gewitter das draußen tobt, die Katze die vom Regal springt, oder der/die Partner/in der/die nach Hause kommt), so nehmen wir diesen wahr und können uns tags darauf auch daran erinnern. Ist dies nicht der Fall, so sinken wir einfach in den nächsten Schlafzyklus und schlafen weiter, ohne uns an dieses kurze Erwachen zu erinnern.
Beim Baby dauert so ein Schlafzyklus nur etwa halb so lang, also etwa 40-60 Minuten. Das ist ein wichtiger Punkt um zu verstehen, warum Babys oder Kleinkinder nicht durchschlafen und häufiger aufwachen. Da ein Zyklus kürzer ist, kommt ein Baby öfters in einen (Fast)Wachzustand im Vergleich zu Erwachsenen. Es kann also öfters und leichter geweckt werden (durch externe Aufwachreize, aber auch durch interne Reize wie Grundbedürfnisse, Schmerzen, Entwicklungsschübe, etc.), und braucht in so einem Fall die Hilfe der Eltern, um wieder friedlich in einen neuen Schlafzyklus sinken zu können. Gleichzeitig kann es durch dieses häufigere Erwachen regelmäßig Nahrung zu sich nehmen, und sich immer wieder versichern, dass der aktuelle Schlafplatz noch sicher ist. Häufiges Aufwachen, wenn auch energieraubend für Eltern, hat also ganz viel mit natürlichem Bindungsverhalten und Schutzmechanismen des Babys zu tun und scheint ganz einfach zu den unvermeidlichen Begleiterscheinungen des kindlichen Schlafs zu gehören.
Viele Gründe für die Bevorzugung des leichten REM-Schlafs
Je jünger ein Kind ist, desto höher ist der Anteil an leichtem REM-Schlaf: Beim Neugeborenen beträgt er ungefähr 50% des Schlafes. Dieser Anteil nimmt kontinuierlich ab, bis er mit ungefähr 2,5 Jahren 20% erreicht hat, und der Schlaf mehr dem eines Erwachsenen ähnelt.
Während Erwachsene sich im REM-Schlaf nicht bewegen und träumen, weisen Babys diese Bewegungslosigkeit nicht auf. Der REM-Schlaf bei Kindern wird auch als aktiver Schlaf oder Entwicklungsschlaf bezeichnet, da er eine zentrale Bedeutung für die Gehirnentwicklung hat. Im REM-Schlaf ist das noch unreife Gehirn aktiv: Erinnerungen werden gefestigt, Erlebtes und Gelerntes werden integriert. Außerdem muss ein riesiges Netzwerk, welches die einzelnen Nervenzellen miteinander verbindet, aufgebaut werden. Im ersten Lebensjahr verdoppelt sich die Gehirnmasse eines Kindes, und bis zum 3. Lebensjahr noch einmal. Kurzum gesagt: Babys und Kleinkinder verbringen deutlich mehr Zeit im REM-Schlaf um die Gehirnstruktur für den Rest ihres Lebens aufzubauen. Somit wachen sie aber auch öfters auf als Erwachsene: der REM-Schlaf ist störungsanfälliger im Vergleich zum stabilen Tiefschlaf, und die Reifungsprozesse des Gehirns verlangen regelmäßig nach Nahrungsaufnahme, als auch nach Rückversicherung und emotionalem Auftanken.
Doch nicht nur die kindliche Gehirnentwicklung profitiert von einem leichten REM-Schlaf, sondern das gesamte unreif geborene Menschenkind: im Zweifelsfall garantiert das leichtere Aufwachen bei einem unerwartetem Atemaussetzer das Überleben, und generell befähigt es das Kind, bei Hunger, Kälte oder Gefahr nach der Bezugsperson zu rufen.
Wie kann man das Baby in seinem Schlaf unterstützen?
Zusammengefasst kann man sagen: Erwachsene schlafen nicht wie Babys, und Babys oder Kleinkinder schlafen nicht wie Erwachsene. Rund um den dritten Geburtstag herum entwickeln Kinder „erwachsene“ Schlafmuster. Phasen, in denen Babys besonders unruhig schlafen, sind normal. In diesen Zeiten brauchen Eltern vor allem Verständnis für das Baby und ein gutes Selbstmanagement, um das Baby mit Liebe und Geborgenheit durch diese Zeiten zu begleiten. Hiermit argumentiere ich nicht, dass die Begleitung häufig erwachender Kinder nachts nicht eine Herausforderung darstellen könnte, und Übermüdung kann zu Verzweiflung führen oder sich auf das harmonische Zusammenleben der Familie auswirken. Aber so ist es, wie Babys und Kinder schlafen: sie müssen viel Zeit im Leichtschlaf verbringen, aus dem sie jederzeit erwachen können – sei es um einen Atemaussetzer zu beenden, zur Nahrungsaufnahme, zum Kuscheln oder zum Sicherheit tanken. Die Schlafentwicklung, so wie alle anderen Entwicklungen, schreitet ganz von alleine voran, und alle Kinder kommen früher oder später selbstständiger durch die Nacht. Bis dahin können wir unsere Kinder nicht mit zu viel Liebe verwöhnen, wir müssen ihnen nichts abgewöhnen und schon gar nichts beibringen. Am wichtigsten ist es für das Kind zu spüren und zu wissen, dass Mama/Papa da ist, egal wann und wie es schläft und egal wann und wie oft es aufwacht.