Der Schlaf von Babys ist eines der Hauptthemen, die frischgebackene Eltern in den ersten Lebensmonaten beschäftigen. Schlaf ist ebenso essenziell wie Atmen – ohne ausreichend Schlaf können Körper und Nervensystem aus dem Gleichgewicht geraten. Doch wie können wir den Schlaf unserer Kleinsten am besten unterstützen, damit die ganze Familie ausreichend Ruhe findet? Diese Frage beschäftigt viele Eltern, und obwohl es keine Zauberformel gibt, kann ein Verständnis für die natürlichen Schlafbedürfnisse von Babys viel bewirken.
Zusätzlich ist es hilfreich zu wissen, dass jedes Kind individuell ist und auch der Schlaf nicht vergleichbar ist. Kinder bringen einen individuellen Schlafbedarf und einen angeborenen Chronotyp mit. Auch unterschiedliche Temperamente können sich auf den Schlaf auswirken.
Nachfolgend einige Lösungsmöglichkeiten, die mehr Entspannung in die Schlafsituation bringen können und mit denen schon viele Familien gute Erfahrungen gemacht haben.
Früh informieren:
Eine hilfreiche Unterstützung kann es sein, sich bereits frühzeitig mit dem Thema Babyschlaf auseinanderzusetzen – idealerweise schon, bevor Herausforderungen auftreten. Ein grundlegendes Wissen über die normale Schlafentwicklung von Babys hilft dabei, viele Situationen gelassener einzuordnen. So wird verständlich, dass bestimmte Verhaltensweisen völlig normal sind, was Eltern entlasten und den Umgang damit erleichtern kann.
Routinen und Rituale
Babys kommen ohne festen Schlaf-Wach-Rhythmus zur Welt. Dieser entwickelt sich erst im Laufe der ersten Monate vollständig. Routinen und Rituale fördern Vorhersehbarkeit und können Babys dabei unterstützen, den Tag besser einzuordnen und insbesondere den Übergang vom Wachsein in den Schlaf zu erleichtern.
Rituale müssen nicht lang oder aufwendig sein, um wirksam zu sein. Bereits kurze, sich wiederholende Handlungen können Babys dabei helfen, Orientierung im Alltag zu gewinnen.
Entscheidend ist dabei nicht die genaue Gestaltung des Rituals, sondern seine Verlässlichkeit und die feinfühlige Begleitung durch die Bezugsperson. Unterschiedliche Bezugspersonen dürfen dabei durchaus unterschiedliche Rituale haben. Babys können diese gut unterscheiden und profitieren davon, solange die Abläufe für sie stimmig, wiederkehrend und beziehungsorientiert gestaltet sind.
Beispiele für ein Abendritual:
- Das Baby bettfertig machen und vor der Einschlafbegleitung noch eine kurze entspannende Massage einbauen
- Vor dem Schlafen ein warmes Bad
- ein Lied vorsingen
So hilfreich Rituale auch sein können – sie können ihre Wirkung nur dann entfalten, wenn das Baby tatsächlich schlafbereit ist.
Müdigkeitszeichen erkennen und reagieren
Oftmals wird empfohlen, dem Baby sobald als möglich einen Rhythmus „anzutrainieren“. Das Baby soll täglich zur gleichen Zeit ins Bett gelegt werden – das gibt Sicherheit und einen guten Rahmen. Zu bedenken ist hier aber, dass eine grundlegende Voraussetzung zum Schlafen die Müdigkeit ist. Und diese stellt sich bei den Babys nicht immer zur gleichen Uhrzeit ein. Jeder Tag ist anders und jedes Kind ist individuell – deshalb empfehle ich, auf die Müdigkeitsanzeichen zu achten und keine Diktatur der Uhr zu schaffen. Ein Kind, das nicht müde ist, kann schwer einschlafen – unabhängig von Routinen oder äußeren Rahmenbedingungen. Gleichzeitig kann es schwierig sein, ein übermüdetes Kind zum Einschlafen zu bewegen, da bei Übermüdung die Stresshormone im Körper ansteigen und dann Entspannung als wesentliche Voraussetzung für gutes Einschlafen fehlt. Die Müdigkeitsanzeichen des eigenen Kindes wahrzunehmen und feinfühlig darauf zu reagieren, ist daher eine zentrale Grundlage für guten Schlaf.
Warum brauchen die meisten Babys eine Einschlafbegleitung?
Viele Eltern machen sich Gedanken, warum ihr Baby nicht alleine einschlafen kann. Das ist jedoch ein vollkommen normales Verhalten von Babys und Kleinkindern. Dass Babys eine Einschlafbegleitung brauchen, ist kein Zeichen von Verwöhnen oder „falschen Gewohnheiten“, sondern Ausdruck eines gesunden Bindungsbedürfnisses. Kinder haben ein angeborenes Bedürfnis nach Nähe am Abend. Wenn Eltern das akzeptieren, anstatt dagegen anzukämpfen, sparen sie sich oft viel Energie. Schlafen bedeutet loslassen und ist eine Trennung ins Ungewisse und von der Bezugsperson. Bei Müdigkeit und Dunkelheit wird das Bindungsbedürfnis aktiv. Umso wichtiger ist es, in dieser sensiblen Phase da zu sein und das Baby entspannt in den Schlaf zu begleiten.
Aus diesem Bedürfnis nach Nähe ergeben sich unterschiedliche Schlafarrangements, die Familien für sich passend gestalten können.
Gemeinsames Schlafen – bessere Nächte für alle
Für Babys war es Jahrtausende lang eine gefährliche Angelegenheit alleine zu schlafen. Das „nachts alleine schlafen“ ist eine Erfindung der Neuzeit und nicht immer artgerecht. Die wissenschaftliche Empfehlung lautet sogar, dass Kinder mindestens im ersten Lebensjahr im Zimmer der Eltern schlafen sollten. Das Risiko für den plötzlichen Kindstod wird dadurch reduziert.
Gemeinsames Schlafen kann Kinder dabei unterstützen, Schlaf als etwas Sicheres und Wohltuendes zu erleben. Die nächtliche Nähe vermittelt Geborgenheit und stärkt das innere Sicherheitsgefühl. Müssen Kinder hingegen alleine schlafen, obwohl sie dafür noch nicht bereit sind, kann Schlaf als etwas Unangenehmes und Beängstigendes wahrgenommen werden.
Beim gemeinsamen Schlafen gibt es nicht die „eine richtige“ Schlaflösung, sondern verschiedene Formen, die sich je nach Familie, Lebensphase und Bedürfnissen unterscheiden. Eine davon ist das Schlafen im gemeinsamen Bett, das sogenannte Familienbett.
- a) Familienbett
Es gibt viele gute Gründe, dass unsere Kinder wirklich ganz nah bei uns schlafen. Auf der einen Seite, passen sich unsere Schlafzyklen an die des Babys an und wir werden weniger oft aus der Tiefschlafphase geholt. Die Eltern sind weniger erschöpft, da sie ihr Kind versorgen können, ohne aufstehen zu müssen. Außerdem ist es fast überall auf der Welt noch total normal, dass Babys und Kleinkinder ganz nah bei der Familie schlafen.
Es gibt sogar Studien, die belegen, dass Familienbettkinder früher selbstständig und sozial unabhängiger sind (Studie aus 2004, Meret Keller und Wendy Goldberg, Universität Kalifornien).
Unter Beachtung einiger Sicherheitshinweise, schläft das Baby sicher im Familienbett. Grundvoraussetzung dafür ist, dass niemand, der darin schläft, raucht oder unter dem Einfluss von Drogen, Alkohol oder bewusstseinsbeeinträchtigenden Medikamenten steht. Das Bett sollte eine feste Schlaffläche bieten und gut abgesichert sein, damit das Baby nicht herausfallen kann. Außerdem sollte die Schlaffläche groß genug sein – 1 Schlafplatz pro Person (egal ob Baby oder Erwachsener). Geschwisterkinder sollten nicht direkt neben dem Baby schlafen. Damit das Baby nicht unter eine Decke gerät, sollte jedes erwachsene Familienmitglied eine eigene Bettdecke verwenden. Das Baby liegt daneben in einem Schlafsack oder Schlafanzug – ohne zusätzliche Decke und ohne Kissen.
Solange das Baby sich noch nicht selbst auf den Bauch drehen kann, sollte es nach Möglichkeit immer auf dem Rücken schlafen. In Reichweite des Kindes sollten sich keine Schnüre, Bänder, Ketten, Kabeln, etc. befinden. Auch von Polsterungen für Gitterbettstangen oder Kuscheltieren wird abgeraten.
- b) Schlafen im eigenen Zimmer
Manche Familien wünschen sich, dass ihr Kind im eigenen Zimmer schläft – sei es aus Platzgründen oder aufgrund individueller Bedürfnisse. Auch dies kann bindungsorientiert gestaltet werden. Entscheidend ist ein sanfter Übergang, bei dem das Kind nicht allein gelassen wird.
Eine liebevolle Einschlafbegleitung im eigenen Zimmer, die Sicherheit, nachts jederzeit zu den Eltern gehen zu dürfen, ein Elternteil, der für ein bis zwei Wochen (oder länger) im Kinderzimmer mitschläft, oder das schrittweise Reduzieren der Nähe (je nach Alter) können Wege sein. Eine Möglichkeit ist auch, zuerst mit dem Mittagsschlaf im eigenen Bett zu beginnen. Der Nachtschlaf kann vorerst noch im Elternbett stattfinden und sobald sich das Kind im eigenen Bett sicher fühlt, kann auch der Nachtschlaf dorthin verlegt werden. Das Tempo bestimmt dabei immer das Kind. Selbstständigkeit entwickelt sich nicht durch Alleinsein, sondern durch die Erfahrung, jederzeit Unterstützung zu bekommen.
Wenn Einschlafassoziationen zur Belastung werden
Manchmal beeinträchtigen unpraktische Einschlafgewohnheiten, sogenannte „Einschlafassoziationen“ den Schlaf eines Kindes. Einschlafassoziationen sind wiederkehrende Rituale, Reize und Rahmenbedingungen, die dem Kind Sicherheit und Geborgenheit vermitteln und Entspannung ermöglichen. Diese können hilfreich sein, für Eltern aber auch belastend werden. Erlernte Einschlafhilfen dürfen – wenn sie für das Kind oder die Familie nicht mehr passend sind – jederzeit verändert werden. Sie sind aber nicht mit den grundlegenden Bedürfnissen des Kindes zu verwechseln. Bedürfnisse wie Körperkontakt, Wärme und Nähe sind essenziell für Sicherheit und Geborgenheit und sollten nicht verändert werden.
Beispiele für Einschlafassoziationen sind das Zwirbeln an den Haaren der Eltern, das Einschlafen durch hüpfende Bewegungen auf dem Gymnastikball oder ähnliche, individuell erlernte Einschlafhilfen.
Arbeit mit dem Urvertrauen
Die Arbeit mit dem Urvertrauen ist eine bindungsorientierte Begleitung von Babys und Kleinkindern mit unruhigem Schlaf oder häufigem nächtlichem Erwachen. Sie richtet sich besonders an Kinder mit einem hohen Sicherheitsbedürfnis, z. B. wenn bereits Erfahrungen mit Alleine-Schlafen gemacht wurden, nach Schlaftrainings oder häufig wechselnden Einschlafbedingungen.
Ziel ist es, dem Kind über verlässliche Nähe und Körperkontakt ein tiefes Gefühl von Sicherheit zu vermitteln. Dieses Sicherheitsgefühl kann dem Kind helfen, Entspannung zu finden, weniger Angst zu erleben und nachts ruhiger zu schlafen. Durch das wiederholte Erleben von Nähe kann das Kind Sicherheit verinnerlichen, was langfristig zu ruhigerem Schlaf führen kann.
Quellen und Literaturangaben
American Academy of Pediatrics (2022). Sleep-Related Infant Deaths: Updated Recommendations for Reducing Infant Deaths in the Sleep Environment. Pediatrics.
https://publications.aap.org/pediatrics/article/150/1/e2022057990
https://register.awmf.org/assets/guidelines/063-002l_S1_Praevention-des-Ploetzlichen-Sauuglingstods_2022-12_01.pdf
Sears, William: Schlafen und Wachen, Das Elternbuch für Kindernächte, La Leche League, Zürich, 2010