Stellen wir uns als erstes die Frage, was Schlaftraining wirklich bedeutet: Schlaftraining geht davon aus, dass Kinder lernen müssen, alleine ein- und durchzuschlafen. Dafür werden Methoden eingesetzt, bei denen sich die Eltern bewusst zurückziehen – körperlich, emotional und/ oder zeitlich verzögert.
Das zentrale Problem dabei ist:
Kinder lernen dabei NICHT zu schlafen.
Sie lernen, dass niemand kommt.
Sie lernen still zu sein und ihre Ressourcen zu schonen und das wird leider oft als „Erfolg“ interpretiert.
Doch das Verstummen hat andere Gründe:
- massive Stressreaktionen
- Ausschüttung von Cortisol (Stresshormon)
- Aktivierung des Notfallprogramms im Gehirn
Das Kind hat in so einem Fall nur zwei Möglichkeiten:
- Einfrieren – es wird stumm, bleibt innerlich aber komplett aktiv
- Erschöpfung – es schläft aus völliger Erschöpfung ein
Beides ist kein Zeichen von Regulation, sondern von Überlastung.
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Um besser verstehen zu können was im kindlichen Körper vor sich geht, wenn ein Kind Schlaftraining erleben muss, erkläre ich dir nur den Zusammenhang zwischen Cortisol, Stress & kindlichem Schlaf.
Cortisol ist das Stresshormon und ein Gegenspieler von Melatonin dem Schlafhormon.
Ist der Cortisolspiegel hoch, wird die Melatonin Produktion gebremst und seine schlaffördernde Wirkung geschwächt, dadurch kann das Kind schwerer zur Ruhe kommen, braucht länger zum Einschlafen und wacht leichter wieder auf.
Bei dauerhaft erhöhten Cortisolspiegeln in Verbindung mit Schlaftraining belastet das vor allem:
- Die Gehirnentwicklung
- Die Stressverarbeitung
- Die emotionale Entwicklung
- Die Schlafarchitektur
- Das Urvertrauen
Trennung, Angst, Schreien lassen und fehlende Co-Regulation erhöhen nachweislich den Cortisolspiegel. Bleibt ein Kind in diesem Zustand allein, kann es den Stress nicht selbstständig abbauen.
Der Gegenspieler von Cortisol ist Oxytocin – das Bindungs- und Kuschelhormon. Es wird durch Nähe, Körperkontakt, Stillen, Tragen, Singen und liebevolle Zuwendung ausgeschüttet. Genau deshalb schlafen Kinder in der Nähe ihrer Bindungspersonen oft ruhiger – nicht, weil sie „abhängig“ sind, sondern weil ihr Nervensystem Co-reguliert wird.
Und wenn wir ganz ehrlich sind, wer von uns Erwachsenen schläft denn schon gerne alleine?_______________________________________________________
Schlaftraining hat viele Gesichter und ist nicht immer leicht zu erkennen.
Häufig wird es unter dem Deckmantel „sanft“ oder „bindungsorientiert“ verkauft.
Es gibt viele verschiedene Varianten, einige davon erkläre ich dir hier kurz:
- Cry it out (CIO)
Bei dieser Methode wird das Kind bei nächtlichem Erwachen alleine gelassen, auch wenn es weint. Es erfolgt keine Reaktion der Bezugsperson. Ziel ist, dass das Kind irgendwann aufhört zu weinen und „selbstständig“ einschläft. - Ferber-Methode (kontrolliertes Schreien)
Das Kind wird ins Bett gelegt und „darf“ weinen. Die Bezugsperson kommt in fest vorgegebenen Zeitabständen kurz ins Zimmer, tröstet ohne Körperkontakt und geht wieder. Die Abstände werden schrittweise verändert. ! Mittlerweile hat sich Ferber selbst von seiner Methode entfernt! - Camping out
Die Bezugsperson bleibt zunächst im Raum (z.B.: auf einem Stuhl neben dem Bett), zieht sich aber schrittweise immer weiter zurück: weiter weg vom Bett, dann aus dem Zimmer. Nähe und Unterstützung werden dabei kontinuierlich reduziert. - Fading
Einschlafhilfen (Stillen, Tragen, Wiegen, Körperkontakt) werden schrittweise abgeschwächt oder verkürzt. Ziel ist, dass das Kind zunehmend ohne diese Unterstützung einschläft.
- Give me space
Das Kind wird bewusst dazu angehalten, mehr Abstand zur Bezugsperson zu tolerieren – emotional und körperlich. Die Idee dahinter ist, Selbstständigkeit durch weniger Begleitung zu fördern.
Die Studienlage zu Schlaftraining ist insgesamt überschaubar. Das liegt vor allem daran, dass es ethisch nicht vertretbar wäre, Babys über längere Zeit bewusst starkem Stress und Schreien auszusetzen, nur um mögliche Langzeitfolgen wissenschaftlich nachzuweisen.
Dennoch gibt es insbesondere aus den USA Hinweise darauf, dass Schlaftrainingsmethoden bei vielen Erwachsenen mit späteren Schlaf-, Stress,- und Bindungsthemen in Zusammenhang stehen.
Wenn man sich die unterschiedlichen Methoden vor Augen führt und dabei ehrlich auf das eigene Bauchgefühl und sein Herz hört, wird oft schnell klar, dass diese Wege für einen kleinen Menschen, der vollständig auf Nähe, Interaktion, Co-Regulation und liebevolle Begleitung angewiesen ist, schwer stimmig sein können.
Unabhängig von der Bezeichnung gilt: Sobald Nähe, Nahrung oder Reaktion bewusst entzogen werden, handelt es sich um eine Form von Schlaftraining. Gerade erschöpfte Eltern geraten in solchen Situationen leicht in Methoden, die sie in einem weniger belastenden Moment vermutlich nie gewählt hätten.
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Wenn dein Baby bzw. Kleinkind nachts häufig aufwacht, dich zum Einschlafen braucht oder ausschließlich mit deiner Nähe schlafen kann, ist das kein Zeichen dafür, dass etwas „falsch läuft“.
Trotzdem hören Eltern leider viel zu oft Sätze wie:
„Ihr verwöhnt euer Baby viel zu sehr“
„Es muss lernen alleine zu schlafen“
„So wird es niemals alleine schlafen lernen“
Diese Aussagen verunsichern – und genau hier setzen Schlaftrainings und Schlafprogramme an.
Sie versprechen schnelle Lösungen für erschöpfte Familien. Doch leider ist diese vermeintliche Lösung mit schrecklichen Folgen für unser Kinder verbunden.
Wichtig zu wissen ist, Schlaf ist keine Fähigkeit, die man trainieren kann, denn das wird aus dem Begriff Schlaftraining oft suggeriert.
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Kinder müssen nicht lernen, wie Schlaf funktioniert.
Es ist kein Verhalten, welches man einfach lernen kann, wie Radfahren oder Zähneputzen, sondern ein biologischer Prozess, der von Geburt an vorhanden ist und sich mit der Reifung des Gehirns und Nervensystems entwickelt.
Babys schlafen von Anfang an so gut, wie ihr Körper und ihr Gehirn es zulassen.
Ihr Schlaf ist leichter, zyklischer und von häufigem Erwachen geprägt. Das ist kein Defizit, sondern ein evolutionärer Schutzmechanismus.
Nächtliches Erwachen ist sinnvoll, es schützt vor zu tiefem Schlaf und ist somit die optimale Prävention vor SIDS (dem plötzlichen Kindstod). Zusätzlich wird so sichergestellt, dass die Atmung, Temperatur und Stress reguliert werden und ausreichend Nähe und Versorgung vorhanden sind. Das kindliche Gehirn wächst rasant und braucht vor allem nachts ausreichend Kalorien. (und das weit über das 1. Lebensjahr hinaus!)
Ein Baby, das sich nachts meldet, funktioniert genauso, wie es biologisch vorgesehen ist.
Bedürfnisse sind keine schlechten Gewohnheiten.
Grundbedürfnisse wie Nähe, Nahrung, Sicherheit und Regulation können bzw. sollten nicht „abtrainiert“ werden! Auch Stillen – und das (Ein-)Schlafen an der Brust – ist keine schlechte Angewohnheit.
Dass Stillen häufig im Zusammenhang mit Schlaf problematisch dargestellt wird, hat einen einfachen Grund: Mit der Entkopplung von Stillen und Schlaf lässt sich viel Geld verdienen.
Durchschlafen ist kein Entwicklungsziel!
Ich weiß selbst aus persönlicher Erfahrung und Beratungen mit Familien wie anstrengend und kräftezehrend diverse Phasen sein können.
Gerade deshalb möchte ich hier nochmal betonen, dass Durchschlafen nichts über „gute Erziehung“ oder Reife aussagt. Viele Kinder entwickeln erst deutlich später, frühestens mit etwa 3 Jahren Schlafmuster, die uns Erwachsenen ähnlich sind. Das ist, wenn man es weltweit betrachtet, völlig normal und natürlich.
Das eigentliche Ziel sollte nicht „Durchschlafen“ oder „ohne Unterstützung Schlafen“ sein, sondern dass sich ein Kind sicher, geborgen und geliebt fühlt.
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Unterstützung darf helfen – ohne Bedürfnisentzug
Wenn der Schlaf für dich bzw. deine Familie belastend ist, darfst du dir Unterstützung holen, in Form von Entlastung und Unterstützung untertags, nachts und gerne auch durch eine Schlafberaterin.
Veränderung ist erlaubt, aber nicht auf Kosten deines Kindes durch Entzug von Nähe, Nahrung oder Sicherheit.
Auf der Seite des Vereins für ganzheitlichen Kinderschlafs findest du viele tolle Beraterinnen, die genau nach diesen Werten arbeiten.
Eine bindungs- und bedürfnisorientierte Schlafberatung sieht das Kind, die Eltern und die gesamte Familiensituation – und sucht individuelle Lösungen, die niemanden schaden.

Quellen:
- Bowlby, J. – Attachment and Loss
- Schire, A. – Affect Regulation and the Origin of the Self
- Jenni, O.G. – Sleep regulation and development
- Waynforth, D. – Cosleeping and cortisol
- Renz-Polster, H. – Kinder verstehen
- Imlau, N. – Mein Schlaf braucht mich noch
- Mierau, S. – Schlaf gut, Baby