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Das Wochenbett der großen Geschwister

von Petra Hainz

Die Geburt ist ein großer Übergang – für das Baby, das geboren wird, für seine Eltern und für alle bereits vorhandenen Geschwisterkinder. Wie bei jedem anderen Übergang braucht es Zeit, bis sich alle an die neue Situation gewöhnen. Selbst wenn sich die Geschwister auf das Baby freuen, können Gefühle wie Eifersucht, Trauer oder Wut aufkommen, sobald ihnen klar wird, dass das Baby nicht nur kurz bleibt – sondern für immer.

Für viele Kinder ist die Zeit rund um die Geburt eine große Herausforderung. Besonders bei einer Klinikgeburt fällt es oft schwer zu akzeptieren, dass die Mama einige Tage nicht zu Hause ist und dann plötzlich mit einem anderen Baby zurückkommt. Hilfreich für die Geschwister sind eine gute Vorbereitung, eine gute Einbindung in den neuen Familienalltag, viel Verständnis und Geduld sowie das „Geschwisterbonding“.

Wie sieht eine gute Vorbereitung aus?

Eltern sollten mit ihren Kindern immer ehrlich sein. Denn je mehr das ältere Geschwisterkind über das Baby weiß, desto besser kann es mit der neuen Familiensituation umgehen. Das Versprechen, dass nun bald ein „Spielkamerad“ auf die Welt kommt, weckt falsche Erwartungen. Am Anfang wird das Baby noch nicht viel alleine können und sehr viel Nähe und Zuwendung brauchen. Da kann man den Geschwistern in Erinnerung rufen: „Auch du warst einmal so klein!“ Babyfotos und Babykleidung können gemeinsam angeschaut werden – das weckt Verständnis für das Baby, das bald auf die Welt kommen wird.

In zeitlicher Nähe zur Geburt des Geschwisterchens sollte es möglichst wenige andere Veränderungen geben. Bezugspersonen, Kindergarten, Tagesablauf oder Kinderzimmer sollten möglichst gleich bleiben – es verändert sich ohnehin schon so viel! Nötige Umstellungen sollten besser schon einige Zeit vor der Geburt stattfinden, damit sie nicht mit dem neuen Baby in Verbindung gebracht werden.

Schon in der Schwangerschaft können die großen Geschwister dabei unterstützt werden, zum Baby im Bauch eine Beziehung aufzubauen: Sie können ihm etwas erzählen oder vorlesen, den Bauch streicheln oder bemalen, gemeinsam mit den Eltern das Bettchen vorbereiten oder Kleidung und Spielzeug für das Baby aussuchen. Sogar in die Namensgebung könnten die Geschwister eingebunden werden. So wird bereits das Ungeborene ein Teil der Familie; die Veränderung geschieht dann nicht so abrupt, sondern der Übergang bekommt mehr Zeit.

Im Nanaya (und bestimmt auch in einigen anderen Eltern-Kind-Zentren) wird ein Vorbereitungskurs für Geschwister ab zwei Jahren angeboten. In diesem Kurs wird spielerisch der Umgang mit einem kleinen Baby vermittelt: wie es getragen wird, wie es trinkt und wo es am liebsten schläft. Gemeinsam mit den jungen Teilnehmerinnen und Teilnehmern wird überlegt: Was brauchen Babys, wenn sie auf der Welt sind? Was machen sie den ganzen Tag? Was können sie – und was noch nicht? Wobei können Geschwisterkinder mithelfen? Und besonders spannend: Wie kommt eigentlich das Baby aus dem Bauch heraus?

Auch Kinderbücher sind eine große Hilfe bei der Vorbereitung. Eltern sollten jedoch darauf achten, welches Bild vom Leben mit Baby darin vermittelt wird und ob dieses zur eigenen Lebensrealität passt.

Trotz der besten Vorbereitung wird Eifersucht auf das Neugeborene wahrscheinlich nicht ausbleiben.

Die älteren Geschwisterkinder müssen nach der Geburt auf vieles verzichten. Dass sie irritiert sind oder sich gestört fühlen, ist normal und verständlich. Auch dass größere Kinder wieder in alte Babygewohnheiten zurückfallen, erneut einen Schnuller oder eine Windel brauchen und „Baby spielen“, kommt häufig vor und sollte akzeptiert werden. Geduld und Verständnis sind in dieser Zeit besonders wichtig – und Zeit, wenn nicht mit der Mama, dann mit dem zweiten Elternteil, den Großeltern oder anderen vertrauten Bezugspersonen.

Wenn die Kinder möchten, sollten sie von Anfang an in den Alltag mit dem Baby einbezogen werden, zum Beispiel indem sie das Baby streicheln oder ihm vorsingen, eine Windel holen oder den Kinderwagen schieben. Feste Rituale und geregelte Tagesabläufe geben Orientierung und bringen Struktur in den turbulenten Familienalltag. Gerade am Anfang, im Wochenbett (also bis etwa acht Wochen nach der Geburt), ist es wichtig, dass genügend Erwachsene da sind, um allen Kindern gerecht zu werden. So kann sich das Familienleben gut einspielen.

Geduld und Verständnis sind auch bei Besucherinnen und Besuchern gefragt: Wenn Freundinnen, Freunde oder Verwandte zu Besuch kommen, werden die älteren Kinder oft übersehen. Besser wäre es, wenn sich die Besucher zuerst den großen Geschwistern zuwenden und Zeit mit ihnen verbringen – und zwar so lange, bis das Kind von sich aus fragt: „Darf ich dir mein Baby zeigen?“ Das gibt dem älteren Kind eine ganz andere Rolle, als wenn beim Hereinkommen sofort nur nach dem Baby gefragt wird. Auch ein Geschenk für den großen Bruder oder die große Schwester ist eine nette Idee.

Besonders wichtig ist in meinen Augen aber das Geschwisterbonding.

Unter Bonding wird die „enge, emotionale und zwischenmenschliche Bindung zwischen zwei oder mehreren Individuen“ verstanden. Nach der Geburt ist der frühe Körper- und Hautkontakt zwischen allen Familienmitgliedern wichtig für die Stärkung der Bindung. Das gilt nicht nur für die Eltern, sondern auch für die Geschwister des Neugeborenen. Auch sie sollten so bald wie möglich nach der Geburt mit ihrem kleinen Geschwisterchen kuscheln, es streicheln, halten und in der Familie willkommen heißen. So kann eine gute Grundlage dafür entstehen, dass die Geschwister auch in der Zukunft eng verbunden bleiben.

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