Ei-Rahmen für Bilder

„Hast du mich noch lieb, Mama? Und wo ist jetzt mein Platz, Papa?“

von Franziska Ebner-Ptok

So wundervoll es ist, wenn sich eine Familie erweitert, stellt die Geburt eines Geschwisterchens nicht selten die gewohnte Familienwelt einmal so richtig auf den Kopf. Und das für bis zu ca. einem halben Jahr. Nicht nur die Eltern brauchen dabei Kraft und Zeit, um sich neu zu sortieren, auch das ältere Geschwisterkind durchlebt eine Achterbahn der Gefühle und einen radikalen Umbau seines bisherigen Bindungssystems.

Achtung “Baustelle” Familie “

Mama, jetzt hab’ ich das Baby kennengelernt. Es kann gern wieder in deinen Bauch zurück.”. Ein Satz, den Eltern zu hören bekommen und der uns erstarren lässt. Weil, ganz klar: Das Baby bleibt. Und mit ihm ganz neue Herausforderungen. Im neuen Alltag zu viert. Und vor allem in der Frage, wie wir unser Erstgeborenes bindungsorientiert und beziehungsstärkend unterstützen können, sich weiter geliebt zu fühlen und gut an seinem neuen Platz anzukommen. Wie können wir mit den verschiedenen Reaktionen und großen Gefühlen des älteren Kindes umgehen, so dass die neue herausfordernde Situation von der emotionalen Krise zum gemeinsamen Wachstumsfeld für alle werden kann?

1. “Ich hasse das Baby”- (Aggressives) Verhalten als Kommunikation

Kinder können, auch wenn sie schon viele Worte und Sätze sprechen, oftmals ihr Innerstes noch nicht zum Ausdruck bringen. Sie sprechen über ihr Verhalten und “fragen” damit nach Aufmerksamkeit und Verbindung. Immer wieder stiften sie genau dann Unruhe, wenn das Baby gefüttert oder gewickelt wird. Sie tun das nicht, um uns zu ärgern, sondern um auf ein unerfülltes Bedürfnis (z.B. nach Aufmerksamkeit, nach Nähe, nach Sicherheit) aufmerksam zu machen. Ebenso stecken hinter Sätzen wie “Das Baby soll weg!”, verbalen Angriffen gegen die Eltern oder auch hinter Handgreiflichkeiten gegenüber dem Baby keine Bosheiten, sondern Hilferufe des unreifen und überforderten Nervensystems. Eltern und wichtigste Bezugspersonen dürfen wissen: Das Erstgeborene hasst nicht das Baby, sondern die plötzliche Veränderung in der Aufmerksamkeit (jetzt ist sie geteilt), in den alltäglichen Routinen (jetzt ist da noch ein kleines Wesen mit Bedürfnissen, sogar sehr dringenden Bedürfnissen) und in seinem wackeligen Zugehörigkeitsgefühl.

Bindungsstärkende Ideen zum Mitnehmen

Liebevoll klare Grenzen aussprechen und starke Energie umlenken:
Alle Gefühle sind immer erlaubt, aber nicht jedes Verhalten. Wenn das Kind nach dem Baby haut, braucht es ein klares, präsentes Stopp, ohne das Kind zu beschämen: „Ich sehe deine riesige Wut, aber ich passe auf das Baby auf. Ich lasse nicht zu, dass du ihm weh tust. Ich lasse nicht zu, dass dir jemand weh tut. Komm, wir boxen gemeinsam in den Polster, um die Wut rauszulassen.“

Den „Elefanten im Raum“ ansprechen und Verhalten übersetzen:
Schimpfen oder gar Drohen und Strafen haben eine trennende Wirkung und über längere Zeit Folgen für die Eltern-Kind-Beziehung. Wenn wir stattdessen Grenzen aussprechen, in einem weiteren Schritt die verzwickte Situation ansprechen und das Verhalten übersetzen, kann sich das so anhören: „Es ist gerade richtig blöd, dass ich das Baby schon wieder füttern muss und keine Hand für dich frei hab’, oder? Ich vermisse unser Kuscheln auch.“

Exklusiv-Inseln im Alltag verankern:
Unser Erstgeborenes braucht keine stundenlangen Ausflüge mit uns alleine. Eine leichter umzusetzende Idee, sind 10-Minuten-Inseln im Alltag: Je 10 Minuten ungeteilte und ungestörte Aufmerksamkeit (ohne Handy, ohne Ablenkungen) nach dem Aufwachen, wenn wir uns nach einer Abwesenheit (zb. nach dem Kindergarten) wiedersehen und vor dem Zubettgehen füllen den Bindungstank spürbar auf, bevor er sich gänzlich leert. Wichtig ist: Reine Exklusivzeit verpufft laut aktueller Forschung aber, wenn Eltern nicht den Mut haben, die echten, schmerzhaften Gefühle des Kindes über die neue Familiensituation offen anzusprechen (denken Sie an den Elefanten im Raum).

2. “Ich bin wieder ganz klein” – Gefühle der Angst, Traurigkeit und Sorge

Viele Kinder beginnen das Baby zu imitieren und scheinen in ihrer Entwicklung Rückschritte zu gehen. Sie fordern wieder eine Windel, den schon verabschiedeten Schnuller, wollen viel getragen werden, ahmen Babyweinen oder Babysprache nach. Mit all diesen Ausdrucksweisen sucht das Kind die unbewusste Rückversicherung, ob es noch immer so liebevoll umsorgt wird, wie das Baby. Auch kann sich eine erhöhte Trennungs- oder Verlustangst zeigen und das Kind klammert sich beim Bringen in den Kindergarten stark an Mama oder Papa.

Bindungsstärkende Ideen zum Mitnehmen

Das „Baby-Spiel“ aktiv anbieten:
Wir müssen nicht warten, bis das Erstgeborene das Baby-Sein aktiv einfordert, sondern wir laden es vorab mit einem Augenzwinkern dazu ein: „Weißt du was? Du bist jetzt mein kleines (großes) Baby. Ich wickel dich jetzt in diese Decke, füttere dich mit dem Löffel und trag’ dich eine Runde.“ Wenn das Kind spürt, dass es dieses Bedürfnis ohne kämpferisches Einfordern bekommt, verliert die Rolle häufig ihren Reiz.

Keine Babysprache spiegeln:
Die Babysprache, die plötzlich wieder gesprochen wird, können wir in Ruhe und im Wissen, dass es ein Fragen nach liebevoller Umsorgung ist, annehmen. Wir antworten auf das Gebrabbel ruhig und altersgerecht und signalisieren somit: „Es ist okay, wenn du dich wieder klein wünschst. Für mich bist du schon größer.“

Die Übergänge in Kita oder Kindergarten sanft gestalten:
Es ist ganz natürlich, dass Veränderung das Bindungsbedürfnis des Kindes aktiviert und es bei uns bleiben mag. Wenn das Abschiednehmen schwerer fällt, hilft es, das unsichtbare Band unserer Verbindung sichtbar zu machen. Eine Handvoll Bussis in die Hosentasche gesteckt, ein Herzerl auf den Handrücken gemalt und ein kleines Tuch (von Papa) oder getragenes T-Shirt (von Mama) in der Hand geben Sicherheit bis zum Wiedersehen.

3. “Ich bin vollkommen überfordert” – Überanpassung und Hilflosigkeit

Besondere Beachtung dürfen wir den überaus auffallend “braven” bzw. kooperativen Kindern schenken oder wenn sie sich komplett zurückziehen und das Baby sogar wie Luft behandeln. Ebenso wichtig ist es, genau hinzusehen, wenn Kinder stark in eine über-erwachsene, kontrollierende Bestimmerrolle gehen. Sie zeigen in beiden Weisen eine innere, stille Not.

Bindungsstärkende Ideen zum Mitnehmen

Die Bestimmer-Rolle zurücknehmen:
Kinder brauchen Sicherheit und diese geben wir ihm, indem wir die Führung aktiv zurückholen: „Ich sehe, du magst gerne auf deinen Bruder aufpassen und dir ist wichtig, dass ich alles richtig mache. Es ist meine Aufgabe, auf unser Baby zu schauen. Ich passe auf uns alle auf. Sag mir gern: Was brauchst DU jetzt gerade von mir?“

Auch das Baby mal “warten” lassen:
Sind alle Bedürfnisse des Babys gut gestillt, ist es Balsam für die Seele des Erstgeborenen zu hören: “Baby-Schwester, jetzt wartest DU ein bisschen. Ich lese jetzt mit deiner großen Schwester ein Buch.” So hört das Erstgeborene, dass seine Bedürfnisse noch immer gesehen und ernst genommen werden. Das nährt Sicherheit und hilft dem Erstgeborenen, sich gesehen und mit eingebunden zu fühlen.

Zuwendung soll immer freiwillig sein:
Wenn Erstgeborene das Baby wie Luft behandeln, fordern oder erzwingen wir Zuwendung nicht. Zu sagen: “Umarm doch deinen Bruder einmal, lass ihn mitspielen und sei ja lieb zu ihm” kann sogar Aggressionen schüren. Lassen wir dem Erstgeborenen Zeit, seine ganz eigene Beziehung zum Geschwisterchen aufzubauen und wertschätzen wir angenehme, freudvolle gemeinsame Geschwistermomente: “Ich hab vorhin gesehen, wie ihr euch so lieb angelacht habt. Da freu ich mich sehr mit euch beiden.”

4. “Ich spreche über meinen Körper” – Schmerz und Autoaggression

Wenn der emotionale Druck kein Ventil findet, sich die Wut nach innen richtet, kann sich das durch selbstverletzendes Verhalten wie extremes Nägelbeißen oder Haarezupfen zeigen. Ebenso kann seelischer Stress bei jungen Kindern in den Körper rutschen und äußert sich durch diffuse Bauchschmerzen, unruhigen Schlaf (Albträume, Aufweinen), plötzliches Einnässen oder häufige Infekte.

Bindungsstärkende Ideen zum Mitnehmen

Co-Regulation vor Korrektion:
Wenn das Erstgeborene Nägel beißt oder sich an der Haut zupft, verzichten wir auf ein „Hör auf damit!“. Das erzeugt Druck und Scham. Halten wir stattdessen liebevoll seine Hand, nehmen wir es, wenn es möchte, in den Arm, bieten ihm eine sanfte Fuß- oder Handmassage oder Massagegeschichte (Pizza backen am Rücken) an, um das Nervensystem zu co-regulieren.

Alternative Ventile für den Körper anbieten:
Damit das Kind angestaute Energie nicht gegen sich selbst richtet, bieten wir ihm körperliche Ventile im Außen. Das können gemeinsame Tanz- oder Bewegungsspiele sein, ein lautes Löwengebrüll oder auch, sich gemeinsam abzuschütteln (Trommelmusik und los geht’s). Seine eigenen Arme und Beine leicht zu schütteln, streift Schwere und Enge von den Schultern und vom Herzen ab.

Bauchweh “weglieben” und echtes Mitgefühl schenken:
Wenn das Erstgeborene über diffuse (Bauch)Schmerzen klagt, für die es keine körperlichen Ursachen gibt, nehmen wir den Schmerz ernst. Anstatt einem „Da ist doch nix“, hilft liebevolle Zuwendung. Eine kuschelige Wärmflasche und sanftes Streicheln im Uhrzeigersinn um den Bauchnabel sagen: „Du bist hier sicher, du darfst entspannen.“ Auch Worte wie: “Du bist schon länger bei uns. Dich haben wir schon länger lieb.” sind eine Wohltat für die Seelen Erstgeborener. Und wenn das ältere Kind plötzlich wieder einnässt, ist das niemals Absicht, sondern kann ein “Weinen nach unten” sein. Wir dürfen hier ruhig und gelassen reagieren: “Hoppala, das macht gar nichts. Komm, wir ziehen eine frische Hose an und kuscheln uns gemütlich auf die Couch.“

Gemeinsam wachsen in ein neues Wir
Frischgebackene Mehrkindeltern dürfen gut durchatmen und freundlich mit sich selber sein, denn diese erste herausfordernde Zeit muss nicht perfekt bewältigt werden. Jedes laute Schimpfen, jedes leise Zurückziehen und jedes Mal Baby-Spielen der Erstgeborenen sind natürliche und gesunde Wege der Kinderseele, sich an die vollkommen neue Lebensrealität anzupassen. Vertrauen Sie auf die Kraft der bestehenden Beziehung und auf die Zeit, denn das Familienschiff, so sehr es zu Beginn auch wanken mag, schaukelt sich wieder ein. Und irgendwann kommt der Moment, an dem wir beide Kinder beobachten, wie sie gemeinsam die Welt entdecken und wir wissen, dass sich jeder einzelne, auch steinige Schritt gelohnt hat

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