Ei-Rahmen für Bilder

„Wieder nur gespielt“ – Spielzeuge und die Bedeutung in unserer Zeit

von Mag.a Claudia Pötzl

1. Warum Spielen keine „Zeitverschwendung“ ist

„Es gibt kein eklatanteres Symptom für das Verschmelzen der Wertvorstellungen und Stile von Erwachsenen und Kindern als das Schicksal, das den Kinderspielen widerfährt: sie schwinden mehr und mehr…
Mit einem Wort, Kinderspiele sind vom Aussterben bedroht.“ N. Postman

Ein Kindergartentag aus der Sicht des Kindes
Lotta ist 4 Jahre alt und besucht täglich die Hasengruppe, eine Familiengruppe für 2-4-jährige in ihrem Kindergarten. Als der Vater am späten Nachmittag seine Tochter abholen kommt, fragt dieser: „Na, Lotta, was hast du denn heute den ganzen Tag im Kindergarten so gemacht?“ Lotta: „Ich habe die ganze Zeit gespielt.“ Darauf der Vater: „Wieder nur gespielt?“

Was hinter „nur gespielt“ steckt
Nun meldet sich die Kindergartenpädagogin Elsa zu Wort: „Lotta hat heute Früh im Morgenkreis:
• die Kinder gezählt,
• zwei neue Martins-Lieder gesungen,
• über das Wetter gesprochen und
• abschließend die Martinslegende nachgespielt.
Im Freispiel hat Lotta die Martinslegende künstlerisch mit Fingerfarben festgehalten und begonnen, aus Pappmaché ihre Laterne zu basteln.

Freispiel im Garten
Vor dem Mittagessen waren wir im Garten. Lotta hat dort:
• für all ihre Freunde auf dem Klettergerüst eine Geburtstagsparty organisiert,
• aus Sand und Rindenmulch Kuchen und Torten gebacken,
• sich im Weidentunnel mit ihrem Freund Benni und ihrer Freundin Sophie eine Höhle gebaut und
• anschließend noch kurz auf der Wippe geschaukelt.

Alltag, Verantwortung und gemeinsames Spiel
In der Mittagszeit hat Lotta geholfen, die Tische herbstlich zu dekorieren und für alle die Teller und das Besteck für das Mittagessen ausgeteilt. Danach hat sie:
• mit ihren Freunden Lukas und Jonas das Kartenspiel Memory gespielt und
• in weiterer Folge noch mit mir und zwei anderen Mädchen in ihrem Alter ein Brettspiel namens „Tempo, kleine Schnecke“ gespielt.

Sprache, Erinnerung und Rollenspiel
Vor der Nachmittagsjause haben wir im Kreis noch einmal die Martinslieder gesungen und die Kinder haben sich gewünscht, die Martinslegende ein weiteres Mal nachzuspielen.
Lotta war mutig und wollte den armen Bettler aus der Legende nachspielen und konnte den gesamten Text des Bettlers vom Vormittag eins zu eins wiedergeben.

Am Ende des Tages
Nun ist es bereits 16:00 und Lotta ist immer noch voller Freude und traurig, dass der Kindergartentag zu Ende geht. In ihren Augen hat sie heute „nur gespielt“!

Was Erwachsene darin erkennen können
Wie schön, denkt die engagierte Elementarpädagogin – und freut sich, dass Lotta so viele Kompetenzen stärken, festigen und vertiefen konnte und spielerisch doch so vieles „gelernt“ hat. Mit den Worten „wieder nur gespielt“ ist dem Vater anscheinend gar nicht bewusst, wie viel gerade im elementarpädagogischen Bereich im kindlichen Spiel steckt.

Appell für das Freispiel
„Lasst unsere Kinder spielen!“, lautet der Appell von André Frank Zimpel – denn gerade im freien Spiel steckt der Schlüssel zum Erfolg.

„Aus diesem Grund ist es von großer Wichtigkeit, den Kindern eine gewisse freie Spielwelt zu gewähren, indem sie selbst ihre eigene Phantasie zum Ausdruck bringen können und nicht bei jeder einzelnen Spieltätigkeit beobachtet und kontrolliert werden. Ist das nicht der Fall, so verliert das Kind jegliche Freiheit, sich ganz im Spiel entfalten zu können.“ (vgl. ebd., vgl. SCHEUERL 1978 in: NEUBAUER; 2008, S. 19)

2. Es gibt anregende Spiele für jedes Alter

Die folgende Übersicht versteht sich als Orientierungshilfe. Kinder entwickeln sich unterschiedlich schnell; entscheidend ist daher weniger das genaue Alter als vielmehr der jeweilige Entwicklungsstand, die Interessen des Kindes und die Frage, ob ein Spielzeug zu selbstbestimmten, kreativem und bewegtem Spiel anregt.

Ab dem 3. Lebensmonat: Greiflinge, weiche Rasseln, Stofftücher, Spieluhren, unbedenkliche Beißmaterialien, kontrastreiche Bilder und weiche Kuscheltiere.
Ab dem 6. Lebensmonat: Stoff- und Holzbilderbücher, Stapelbecher, einfache Bälle, Beißringe, Holztiere, erste Steck- und Fühlmaterialien, Alltagsgegenstände wie Schüsseln, Töpfe, Löffel oder Tücher sowie erste Sand- und Wasserspiele unter Aufsicht.
Ab dem 10. Lebensmonat: Das Spiel wird zunehmend aktiver: Krabbel- und Bewegungselemente, Holzklötze, einfache Musikinstrumente, Nachzieh- und Schiebespielzeug, Kisten zum Ein- und Ausräumen sowie Materialien zum Sortieren und Stapeln.
Ab dem 1. Lebensjahr: Seifenblasen, Wachsmalstifte, einfache Instrumente, Steck- und Sortierspiele, erste Puzzles, Puppen, Fahrzeuge, Bauklötze sowie erste Formen des Als-ob-Spiels, etwa Kochen, Telefonieren oder Tiere versorgen.
Ab dem 2. Lebensjahr: Offene Materialien gewinnen an Bedeutung: Bausteine, Duplo, Knete, Mal- und Bastelmaterialien, einfache Rollenspielutensilien, Kinderküche, Kaufladen, Verkleidungstücher, Schleichtiere, Fahrzeuge, Puppenwagen, Laufrad sowie Sand-, Wasser- und Naturmaterialien.
Ab dem 3. Lebensjahr: Rollenspiele, Mutter-Vater-Kind-Spiele, Arzt- oder Tierarztspiele, Bauernhof, Kaufladen, Kinderküche, Verkleidungskiste, Spieltücher, Konstruktionsspiele, Fahrzeuge, einfache Regelspiele, größere Puzzles, Bewegungsspiele und erste kooperative Spiele.
Ab dem 4. Lebensjahr: Gesellschafts- und Tischspiele mit einfachen Regeln, Puzzles ab etwa 20 Teilen, Knete, Finger- und Wasserfarben, Steck- und Konstruktionsmaterial, Spielhaus, Magnetbausteine, einfache Experimente, Bewegungsbaustellen und fantasievolle Rollenspielwelten.
Ab dem 5. Lebensjahr: Gemeinsames Spiel mit anderen Kindern rückt stärker in den Vordergrund. Geeignet sind Kartenspiele, erste Strategiespiele, Materialien für kreatives Gestalten mit Schere und Kleber, Märchen und Geschichten, Ballspiele, Fahrrad, Balancierspiele, Lego, Naturerkundungen, Theater- und Verkleidungsspiele.
Ab dem 6. Lebensjahr: Mit dem Schuleintritt werden Konzentration, Ausdauer und feinmotorische Fähigkeiten wichtiger: Schreib- und Zeichenmaterialien, Wolle, Fingerstricken, Bügelperlen, komplexere Bau- und Konstruktionsspiele, Kartenspiele, Konzentrations- und Merkspiele sowie erste kindgerechte digitale Angebote in klar begrenztem Rahmen.
Ab dem 7. Lebensjahr: Brettspiele, Teamspiele, Diabolo, Einrad, Baumhaus, Werkmaterialien, einfache Handarbeits- und Techniksets, Experimentierkästen, Sammel- und Tauschspiele sowie Spiele, die Fairness, Geduld und Frustrationstoleranz fördern.
Ab dem 8. Lebensjahr: Natur- und Entdeckerspiele zu Wetter, Sternen, Pflanzen, Steinen oder Tieren, anspruchsvollere Konstruktionsspiele, Kreativsets, Sport- und Bewegungsspiele sowie Spiele zur Fein- und Grobmotorik.
Ab dem 9. Lebensjahr: Sport, Musik, Bewegungsspiele, Teamspiele, komplexere Strategiespiele, Rätsel, kreative Projekte, Freundschafts- und Gruppenspiele sowie erste längere selbstorganisierte Spielvorhaben.
Ab dem 10. Lebensjahr: Abenteuer- und Ausdauerspiele, Schnitzeljagd, Klettern, Zelten, Geschicklichkeits- und Knobelspiele, komplexere Brett- und Strategiespiele, kreative Medienprojekte, Coding- und Technikangebote sowie gemeinsame Aktivitäten mit Freundinnen und Freunden.
Grundsätzlich gilt: Weniger, dafür vielseitigeres Spielzeug ist oft wertvoller als eine große Menge an stark vorgegebenen Produkten. Besonders entwicklungsfördernd sind Materialien, die mehrere Spielideen zulassen, Bewegung ermöglichen, Sprache und Fantasie anregen und Kinder nicht nur beschäftigen, sondern zum eigenen Tun einladen.

3. Förderwille gibt Spielrichtung vor

Freies Spiel als Grundlage kindlicher Entwicklung
Friedrich Fröbel (1782–1840), der Begründer des Kindergartens im deutschsprachigen Raum, erkannte bereits früh, welche zentrale Bedeutung freies Spiel für die kindliche Entwicklung hat. Im Spiel eignen sich Kinder Bildungsinhalte nicht belehrend, sondern handelnd, nachahmend, forschend und im sozialen Austausch an – etwa durch feinfühlige Interaktionen, gemeinsame Spielprozesse und das Erproben eigener Ideen.

Spiel zwischen Förderung, Markt und Medien
Heute steht kindliches Spiel jedoch zunehmend im Spannungsfeld zwischen:
• pädagogischem Förderanspruch,
• kommerzieller Vermarktung und
• medialer Reizüberflutung.
Viele Spielzeuge sind stark vorstrukturiert: Sie geben Themen, Rollen, Geräusche, Abläufe und sogar mögliche Handlungen bereits vor. Dadurch bleibt Kindern oft weniger Raum, eigene Spielideen zu entwickeln, Fantasie einzusetzen und aus einfachen Materialien etwas Eigenes entstehen zu lassen.

Geschlechtsbezogene Spielwelten
Auch geschlechtsbezogene Spielzeugwelten sind wieder deutlich sichtbarer geworden. Produkte, Farben, Verpackungen und Werbebotschaften unterscheiden häufig zwischen „für Mädchen“ und „für Buben“ – etwa:
• rosa Prinzessinnen-, Pflege- oder Schönheitsthemen auf der einen Seite und
• blaue Fahrzeuge, Technik- oder Actionwelten auf der anderen Seite.
Solche Zuordnungen können kindliche Interessen unnötig einengen, anstatt Vielfalt, Neugier und freies Ausprobieren zu ermöglichen.

Förderdruck und verplante Kindheit
Gleichzeitig wachsen Kinder heute in einer stark getakteten und leistungsorientierten Alltagswelt auf. Schon im Kleinkindalter sind zusätzliche Angebote häufig selbstverständlich, zum Beispiel:
• Sprachkurse,
• Musikangebote,
• Sportkurse oder
• kreative Frühförderung.
Solche Angebote können bereichernd sein – problematisch wird es jedoch, wenn sie freie Zeit, Langeweile, selbstbestimmtes Spiel und zweckfreie gemeinsame Momente verdrängen.

Die Rolle der Eltern
Eltern geraten dabei häufig selbst unter Druck: Sie möchten ihren Kindern möglichst viele Chancen eröffnen und übernehmen im Alltag oft die Rolle von Organisatorinnen, Begleitern und Chauffeuren. Umso wichtiger ist die Frage, wo noch Raum bleibt für:
• unverplante Zeit,
• gemeinsames Spiel ohne Zielvorgabe,
• Nähe,
• Geduld und
• echtes Interesse am Tun des Kindes.

Weniger Reize, mehr Vertrauen
Vielleicht braucht es daher nicht immer mehr Spielzeug, mehr Kurse oder mehr Förderung, sondern wieder mehr Vertrauen in die Entwicklungsfähigkeit des Kindes. Kinder brauchen nicht ständig neue Reize, sondern Erwachsene, die ihnen Zeit, Aufmerksamkeit, Sicherheit und Spielräume geben. Manchmal ist weniger tatsächlich mehr.

Die Kraft des einfachen Spiels
Gerade die einfachen Formen des Spiels bleiben oft besonders prägend, etwa:
• Schaukeln

  • Steine sammeln
  • Rollen erfinden
  • Geschichten nachspielen
  • im Sand kochen oder
  • mit Tüchern Welten erschaffen

Sie erinnern auch Erwachsene daran, dass Kindheit nicht optimiert werden muss, sondern erlebt werden darf: mit Muße, Fantasie, Beziehung und der Freiheit, einfach zu spielen.

Zum Inhalt Zum Menü