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Verminderter Selbstwert, Scham, Schuld und sozialer Rückzug als Folgeprobleme

von Mag. Regina Anderl

Kinder und Jugendliche leben heute in einer Welt, die oft schneller ist, als es ihrer inneren Entwicklung guttut. Schulischer Leistungsdruck, Reizüberflutung aus unterschiedlichen Quellen, Veränderungen im familiären Umfeld und zu bewältigende Entwicklungsschritte hinterlassen Spuren. Manche Kinder zeigen dies durch körperliche Symptome, durch Schlafprobleme oder einer Veränderung im Sozialverhalten. Ebenso kann das Einnässen ein Symptom psychosozialer Probleme sein. Diese sollten – neben einer genauen medizinischen Abklärung – von psychologischer Seite sorgfältig erhoben werden.

Hilfe annehmen

Bis Kinder zu einer adäquaten Behandlung finden, haben sie oftmals einen langen Leidensweg hinter sich, der häufig von Schuld, Scham und Vermeidungsstrategien geprägt ist. Um das Erleben von peinlichen Situationen zu vermeiden, wird gemeinsamen Unternehmungen und Aktivitäten aus dem Weg gegangen. Es wird etwa das Kind vom Turnunterricht abgemeldet, Schulausflüge gecancelt und Übernachtungen bei Freunden eine Absage erteilt. Sozialer Rückzug, Isolation, und eine sukzessive wachsende Selbstabwertung können Folge dieses Vermeidungsverhaltens sein. Die daraus resultierende Unterentwicklung des Selbstwertes ist eines der größten Probleme und macht es so wichtig, rechtzeitig und professionell zu behandeln. Je älter die Kinder werden und je länger nichts gegen das Einnässen unternommen wird, desto eher sind Langzeitfolgen zu erwarten.

Da es sich oft als sehr schwierig herausstellt, einen Termin bei einem Facharzt für Kinderurologie oder einer Kinderpsychologin bzw. –psychotherapeutin zeitnah zu bekommen, ist es umso wichtiger, rechtzeitig dafür Sorge zu tragen.

Professionelle Hilfestellung

Da das Einnässen nach wie vor in unserer Gesellschaft ein großes Tabuthema darstellt, ist es von großer Bedeutung, dass keine voreiligen Erklärungen oder Schuldzuweisungen stattfinden. Auf der Suche nach Ursachen beteiligen sich oft viele Menschen aus dem sozialen Umfeld, die davon erfahren. Es werden vorschnell Hypothesen beispielsweise zu Erziehungsfehlern wie „zu wenig Strenge“, „falsche Sauberkeitserziehung“ oder „zu viel Verhätscheln“ gebildet. Desweiteren werden intrafamiliäre Probleme konstruiert und als Ursache herangezogen. Um sich diesen Themen nicht stellen zu müssen, wird häufig versucht, die Einnässproblematik alleine in den Griff zu bekommen. Viele Eltern gehen auch der Idee nach, dass es sich ohnehin irgendwann von alleine lösen wird, nach. Dadurch wird der meist schon bestehende Leidensweg zum Nachteil aller, verlängert.

Berichten zufolge werden häufig auch „selbsternannte Experten/Gurus“ aus unterschiedlichen Ausbildungsgebieten aufgesucht, die versuche, mit Ritualen, mystischen Arzneien oder undurchschaubaren anderen Methoden, das Einnässen zu bekämpfen.

Was tun bei „psychischen Störungen“

In der Fachliteratur wird angegeben, dass mind. 40 % aller Kinder die (vor allem sekundär) einnässen, klinisch relevante Verhaltensstörungen, zB Störungen des Sozialverhaltens, ADHS, Ängste und/oder depressive Störungen, aufweisen.

  • Eine psychische Mitverursachung des Einnässens wird vermutet, wenn das Kind schon länger trocken war und wieder zum Einnässen beginnt (sekundäre Enuresis)

    Beispiele: Kindergarten- oder Schulbeginn, Angstentwicklungsphasen, Geburt eines Geschwisterchens, Krankheit oder Todesfall in der Familie, Umzug,…

  • Elterliche Verhaltensweisen können wesentlich zur Aufrechterhaltung der Einnässsymptomatik beitragen.

    Beispiele: erhöhte Aufmerksamkeitszuwendung vor und/oder nach dem Einnässen, Problemfokussierung (alles dreht sich um „das Problem“), es finden keine anderen Themen mehr Platz, Spiel und Spaß nur in Abhängigkeit vom Einnässen bzw. Trockenphasen,…

  • Einnässen selbst verursacht einen Leidensdruck in der Familie.

    Beispiel: Schuld- oder Schamgefühle bei Kind und Eltern, Elternteile, die selbst als Kind eingenässt haben,…

In allen Fällen ist eine klinisch-psychologische oder psychotherapeutische Beratung bzw. Behandlung und/oder eine testdiagnostische Untersuchung (zB eine ADHS-Abklärung) zu empfehlen.

Bei Kindern mit ADHS arbeitet das Gehirn etwas anders. Diese Kinder lassen sich oft leicht ablenken, haben Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren, und es fällt ihnen schwer, ihre Impulse zu kontrollieren. Was viele Eltern nicht wissen, ist, dass sich diese neurologischen Unterschiede auch auf das Urinierverhalten eines Kindes auswirken können, insbesondere nachts.

Studien zeigen, dass Kinder mit ADHS bis zu dreimal häufiger zu Bettnässen neigen als Kinder ohne ADHS. Die Ursache von ADHS und Bettnässen ist selten körperlicher Natur; Blase und Nieren funktionieren in der Regel einwandfrei. Die Kontrolle des Harnreflexes ist jedoch aufgrund anderer Gehirnprozesse weniger reibungslos.

Offener Umgang vs. Vermeidung

Das Einnässen sollte von den Eltern nicht als Tabu behandelt, aber auch nicht zum ständigen Gesprächsthema gemacht werden. Es sollte in der Familie als etwas behandelt und besprochen werden, an dem niemand Schuld hat. Wichtig ist auch dem Kind Mut zu machen und zu vermitteln, dass es selbst etwas zum Trockenwerden beitragen kann (z.B. durch Befolgen der Verhaltensempfehlungen). Kinder sollten auch motiviert werden mit engen Vertrauenspersonen (Schulkameraden, Lehrer, Kindergartenpädagogen, Freunde und deren Eltern) außerhalb der Familie, über das Thema zu sprechen. Das ermöglicht dann auch die Übernachtung bei Freunden und andere Aktivitäten, an denen die Kinder gerne teilhaben möchten. Es wird im Vorfeld besprochen, wem sie was, wieviel und wie sie es mitteilen können. Die freie Entscheidung, was sie zB für die Übernachtung, zum Sport, etc. mitbringen wollen (zusätzliche Unterwäsche, Einlagen, Windel, Klingelhose,…), kann so dem Kind leichter fallen.

Die Stärkung des Selbstwertes und dem Selbstvertrauen, stellt einen wichtigen Schritt in der Vorbereitung dar.

Eigenverantwortung

Wichtig erscheint, dass die Verantwortung für das Einhalten der Verhaltensempfehlungen nicht nur von den Eltern, sondern nach und nach vom Kind übernommen werden. Kinder sollten (wieder) lernen, sich von den Eltern in Bezug auf die Vereinbarungen, loszulösen. Die ständigen Erinnerungen aufs Klo zu gehen, zu trinken oder nachts rechtzeitig aufzustehen, löst Ärger, Wut oder auch Widerstand aus. Das „Anderssein“ oder „nicht funktionieren wie Geschwister oder andere Kinder“ kann sehr frustrierend sein.

Beispielsweise kann das Mithelfen oder vollständige Übernehmen des Bettwäschewechsels, das Führen von Trink- oder Ausscheidungsprotokollen oder auch das Gestalten eines Belohnungskalenders für Gelungenes sein.

Belohnung und Verstärkung

Belohnungskalender können generell eine große Unterstützung bei gewünschten Veränderungen darstellen. Diesen gemeinsam anzufertigen und die einzelnen gelungenen Schritte mit Lob und Anerkennung zu versehen, stärkt das Kind.

Erwünschte Verhaltensweisen, wie zb die oben genannten Eigenbeiträge des Kindes, sollten von den Eltern beachtet und positiv konnotiert werden. Auch gemeinsame Exklusivzeit, in der sich das Kind zB eine Betätigung mit einem Elternteil aussuchen kann, stellt eine adäquate Belohnung dar.

Trockenheit sollte allerdings erst dann belohnt werden, wenn das Kind Erfolge hat. Ansonsten können Frustrations- und Versagensgefühle bzw. -ängste beim Kind eintreten. Von Strafen sollte generell abgesehen werden, da diese den Druck auf das Kind erhöhen und erst recht nicht zum gewünschten Ergebnis führen.

Entspannungstechniken

Im Zuge der Behandlung werden Entspannungstechniken empfohlen, da Kinder die einnässen, oftmals eine erhöhte Körperspannung aufweisen. Diese kann auch durch die ständige Angst und Sorge, dass „etwas passiert“ entstehen.

Besonders gut eignen sich:

  • Muskelentspannungstraining nach Jacobson
  • Fantasiereisen
  • Hypnotherapeutische Übungen
  • Atemübungen
  • Biofeedbacktraining
  • Pausenkultur generell

Tipps zum Durchhalten der Therapie

Für die Therapie braucht man viel Geduld, da es einige Zeit in Anspruch nimmt, bis die Kinder trocken werden. Unterstützend kann sein, die Verhaltensempfehlungen auf einem Plakat aufzuzeichnen und gemeinsam mit dem Kind möglichst kreativ zu gestalten. Dies ermöglicht einen guten Überblick, welche Beiträge zu welchem Zeitpunkt selbst geleisten werden können. Dieses Plakat sollte an einem Ort angebracht werden, an dem das Kind mehrmals am Tag vorbeikommt. Es bietet sich zB die Innenseite der Kinderzimmertür oder des Kleider- oder Spieleschranks an.

Ein etwas außergewöhnlicher Tipp

Für die Eltern-Kind-Beziehung kann es zwischendurch eine brauchbare Lösung sein, „Lulu-Ferien“ zu machen. Hierfür eigenen sich Schulferien recht gut. Druck und Stress herausnehmen, weg vom Thema und weg von all den Verhaltensregeln rund um das Einnässen. Dies kann eine tolle Unterbrechung darstellen und die Familie in eine „Lehnen wir uns alle mal zurück-Haltung“ bringen.

 

 

 

 

 

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