In der Schwangerschaft heißt es oft: „Schlaf, solange du noch kannst.“
Spätestens wenn das Kind da ist, kommen dann weitere, oft natürlich gut gemeinte, Ratschläge, wie: „Schlaf, wenn dein Baby schläft.“ oder auch „Trage es nicht zu viel, sonst gewöhnt es sich noch daran. Ein weiterer Hinweis ist häufig auch: „Lass dein Baby nicht bei dir schlafen, sonst lernt es nie allein zu schlafen.“
Hinweise, die Menschen aus einigen anderen Kulturen wohl nie sagen oder zuhören bekommen würden. Tragen ist dort nämlich Teil des Alltags und gemeinsames Zusammenleben und Schlafen gängige Praxis.
Warum haben wir dann so eine Angst vor Problemen beim kindlichen Schlaf?
Wieso ist Schlaf in unserer westlichen Welt so ein großes Thema, obwohl Babys und Kleinkinder weltweit entwicklungsbedingt die selben Bedürfnisse haben?
Schauen wir uns einige Länder diesbezüglich etwas genauer an.
Eine Studie [1] zu Schlafmustern und Schlafproblemen im interkulturellen Vergleich von Kindern bis 36 Monaten aus dem Jahre 2010 (Es wurden dazu fast 30.000 Eltern von Säuglingen und Kleinkindern in 17 Ländern befragt) zeigt, dass Eltern in Ländern wie Thailand, China, Indien, Vietnam etc. beispielsweise deutlich häufiger das Bett bzw. das Zimmer teilen, als Kinder mit ihren Eltern aus Ländern wie Neuseeland, Kanada, USA oder dem Vereinigten Königreich. Auch Schlafzeiten sowie -dauer variieren stark. „Es gab auch eine große Bandbreite beim Prozentsatz der Eltern, die wahrnahmen, dass ihr Kind ein Schlafproblem hatte (von 11 % in Thailand bis zu 76 % in China).“[2]
Doch wie lässt sich dieser massive Unterschied erklären?
In China treffen hoher Leistungsdruck (Eltern nehmen normale Schlafphasen schneller als behandlungsbedürftige Störungen, eine sensiblere Wahrnehmung von Abweichungen und ungünstige Umweltfaktoren in Großstädten aufeinander, was die extrem hohen Zahlen erklärt.
Erwartungshaltung an Baby- und Kinderschlaf, Wünsche und letztlich die Wahrnehmung der Probleme variieren stark mit kulturellen und gesellschaftlichen Vorstellungen. Diese sind mit sozialen und wirtschaftlichen Veränderungen verknüpft.[3]
In USA oder Frankreich beispielsweise kehren Eltern, vor allem Mütter, auf Grund fehlender oder kurzer Mutterschutz- und Elternzeitsituation bzw. finanziellen Gründen deutlich früher in die Arbeitswelt zurück. In vielen Ländern stehen Eltern unter dem Druck, dass ihr Kind schnellstmöglich alleine durchschlafen muss, was Schlaftrainings zum Dauerthema macht. Ganz anders sieht es in Gesellschaften aus, in denen staatliche Elternzeit (Deutschland) oder das Aufwachsen in der Großfamilie sowie Co-Sleeping (Thailand) den Alltag entlasten und zur Normalität gehören.
Richten wir unsen Blick nun noch in einen anderen Teil der Welt. Ronald Barr, der für seine Forschung zum Thema Säuglingsweinen und Schlaf-Wach-Rhythmen bekannt ist, hat Vergleiche zwischen westlichen Industriegesellschaften und den !Kung San (einer Jäger-und-Sammler-Kultur in Botswana und Namibia) durchgeführt.[4] Obwohl er keine klassische „Schlafstudie“ im Sinne von Schlaflaboren durchführte, lieferte er durch ethnographische Beobachtungen den Beweis, dass unser westliches Verständnis von Schlafproblemen kulturell „hausgemacht“ ist.
Er stellt fest, dass in den bobachteten Familien fast 24h Tag Körperkontakt zum Kind besteht, die Kinder etwa alle 13 bis 15 Minuten für jeweils nur ein paar Minuten (auch nachts) gestillt werden und es keinen tiefen, langen „Blockschlaf“ gibt. Das Kind befindet sich in einem permanenten Zustand von leichtem Schlummer und Vigilanz (Wachsamkeit).
Während unsere Leistungsgesellschaft das Durchschlafen als messbares Ziel einfordert, belegen die Studien von Barr und Mindell, dass die nächtliche Wachsamkeit oder das Bedürfnis nach Körperkontakt kein biologischer oder elterlicher Fehler ist – sie passt schlichtweg nicht in unseren modernen Zeitplan.
Dieser kleine globale Vergleich zeigt: Was wir oft als „Schlafstörung“ diagnostizieren, ist oft kein medizinisches Defizit, sondern eine kulturelle und gesellschaftliche Diskrepanz. Während moderne Leistungsgesellschaften den Schlaf zur optimierbaren Ressource erklärt haben, erinnert uns die Forschung in einigen Ländern Afrikas oder Südostasien daran, dass Schlaf ursprünglich ein sozialer, flexibler Prozess ist. Ein „Schlafproblem“ ist somit oft der Preis für eine Kultur, die Unabhängigkeit und Effizienz über biologische Nähe stellt.
Wenn wir also das nächste Mal auf die Uhr schauen, sollten wir uns fragen: Ist mein Kind wirklich wach – oder ist es nur meine (durch gesellschaftliche und kulturelle Prägung gestaltete) Erwartung, die gerade gestört wird?
[1]Jodi A Mindell , Avi Sadeh, Benjamin Wiegand, Ti Hwei How, Daniel Y T Goh(2010), Cross-cultural differences in infant and toddler sleep, Sleep Med, 2010 Mar;11(3):274-80. doi: 10.1016/j.sleep.2009.04.012. Epub 2010 Feb 6.
[2] Siehe 1
[3] Herbert Renz-Polster (2015), Kinder verstehen: Born to be wild: Wie die Evolution unsere Kinder prägt. (10. Auflage). München: Kösel-Verlag, S.101
[4] Ronald G. Barr Melvin Kenner Roger Bakeman Lauren Adamson (1991), Crying in !Kung San infants: A test of the cultural specificity hypothesis. Developmental Medicine & Child Neurology, 33(7), 601–610, https://www.melvinkonner.com/wp-content/uploads/2009/05/Barr-Crying-Cult-Specificity.pdf