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Conchita Wurst – Das Outing

von Conchita Wurst

(Auszug aus dem Buch  „Ich, Conchita. Meine Geschichte“)

…. Da saß ich, 17 Jahre alt, irgendwie noch immer ein Kind und trotzdem erwachsen. Diese Zeitschrift würden Hunderttausende von Menschen lesen, darunter gewiss auch meine Eltern.
Und nun also die Frage: Bist du es? Bist du es nicht? Meine ganze Zukunft lag in dem Wörtchen es, mit dem die »Normalen« die »Abnormalen« definieren: die Heterosexuellen die Schwulen, die Lesben oder die Transgender. Die Weißen die Schwarzen. Die Gehenden die Lahmen. Die Sehenden die Blinden. Es sagt aus, ob wir dazugehören oder ausscheiden müssen, es integriert oder diskriminiert, es ist der große Unterscheider zwischen den Menschen.
Bist du es?
Bist du es nicht?
In meinem Kopf wirbelten Gedanken und formten sich am Ende zu einem Satz: »Ich habe keine Lust mehr zu lügen.« …..

…. Ich bin immer gerne zu meinen Eltern nach Hause gefahren, auch in der Zeit, als die Gefahr groß war, am Bahnhof abgepasst zu werden. Dieses Mal konnte mir die Fahrt nicht langsam genug gehen. Ich erinnerte mich, dass man vom Gang nach Canossa spricht, wenn einem ein unangenehmer Bittgang bevorsteht. Den musste König Heinrich IV. machen, nachdem ein Papst den Kirchenbann über ihn verhängt hatte. »Barfuß für vier Tage«, so hieß es, stand der König vor der Burg Canossa und wartete, eingelassen zu werden. Meine Eltern würden mich ganz sicher nicht vier Tage vor der Haustür ausharren lassen, trotzdem fühlte es sich an wie ein Bußgang. Auch wenn ich schon weit über den Standpunkt hinaus war, dass schwul sein etwas ist, für das man sich schämen muss. Eigentlich ging es nur darum, dass meine Eltern keine Gelegenheit hatten, sich darauf einzustellen. Ich würde mit der Tür ins Haus fallen, sie vor den Kopf stoßen, mit der Wahrheit konfrontieren, ganz nach dem Motto: Leute, so ist es. Jetzt macht was draus. Wie ich befürchtet hatte, waren sie überfordert. Sie steckten mitten im Alltag, mussten Essen für die Gäste vorbereiten, den Wirtsraum herrichten und Zimmer für kommende Besucher. Da kam ich und hatte Neuigkeiten, die keiner hören wollte. Wir waren alle überfordert in dieser Situation, und ich erinnere mich, dass ein fürchterlicher Streit entsprang. Es war ein Disput über das Wie meines Outings, das nicht mehr zu ändern war. Am Ende weinten wir, und das war der Moment, in dem Oma auftauchte. Ich hatte sie länger nicht mehr zu Gesicht bekommen, doch ihre elegante Ausstrahlung, ihre Grazie und ihre Macht waren wie ein reinigender Frühlingswind. Sie begrüßte keinen, sondern gab Anweisungen. »Habt ihr nicht Gäste heute Abend und jede Menge zu tun?«, wandte sie sich an meine Eltern. »Dann reißt euch gefälligst zusammen.«
Die nächsten Tage verbrachte ich in Omas Haus, und in dieser Zeit beruhigten sich meine Eltern vollständig. Mein Bruder rief mich an, der von meiner Homosexualität schon seit drei Jahren wusste und damals nur gesagt hatte: »War doch eh klar.« Meine Eltern brauchten noch ein bisschen Zeit, bis es »klar« war. Heute sagen sie manchmal, dass sie mir dankbar dafür sind, sich durch mich entwickeln zu dürfen, um die Meinungen anderer Leute nicht mehr so wichtig zu nehmen. Das finde ich bemerkenswert, denn in den Spielregeln unserer Gesellschaft steht nirgendwo geschrieben, dass Eltern von ihren Kindern lernen. Allein die Tatsache, dass es ein Outing braucht, diesen seltsamen Begriff , der nichts anderes zum Ausdruck bringt, als dass Menschen anderen Menschen ihre Neigungen erläutern müssen, beweist, wie weit wir von einer toleranten Gesellschaft entfernt sind. Und dass die Mission, die ich mir als Conchita Wurst auferlegt habe, lange dauern wird.


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