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Transitionen und Migration

von Mag. Ercan Nik Nafs

Die Gesellschaft im Wandel, die Menschen auf der Suche

Unsere Gesellschaft hat sich in den letzten 50 Jahren in vielen Bereichen gewandelt und befindet sich in einem auf absehbare Zeit nicht endenden Übergang. Die Arbeitsmigration der 60er Jahre, innereuropäische Integrationsprozesse und die unterschiedlichen Fluchtbewegungen nach Europa sind die Ursprünge der hohen Diversität in der österreichischen Bevölkerung. Zusätzlich erschweren die verschiedenen wirtschaftlichen und politischen Krisen weltweit die sogenannten gesellschaftlichen Transitionsphase. Hier einige wichtige Beispiele:

  • Während sich die Gesellschaft ändert, bleiben viele Strukturen und pädagogische Konzepte des Bildungssystems erhalten und alle Versuche, das Bildungssystem zu reformieren, sind entweder wenig ambitioniert oder scheitern am Veto der verschiedenen Beteiligten. Das Bildungssystem manifestiert soziale Unterschiede anstatt Kindern gleiche Chancen und damit die Möglichkeit zu eröffnen, aus ererbten Begrenzungen hinauszuwachsen. Das Schulsystem zwingt bereits die Eltern von Zehnjährigen, sich an der  Zwei-Klassen-Bildung zu beteiligen. „Zuwanderer“-Kinder landen oft aus nicht erklärlichen Gründen in Sonderpädagogischen Zentren oder schaffen den Sprung ins Gymnasium nicht. Die Forderung der Bildungsexpertinnen und –Experten nach einer gemeinsamen Schule der 6-15Jährigen Kinder und Jugendlichen findet keine gesellschaftliche Umsetzungskraft.
  • Die Tatsache, dass eine Vielzahl der Menschen vom demokratischen Mitbestimmungsrecht ausgeschlossen ist, erschwert die sachlichen Partizipationsmöglichkeiten dieser Bevölkerungsgruppe in bestehenden österreichischen  politischen Strukturen. Gleichzeitig entsteht mit der Islamischen Glaubensgemeinschaft ein neuer gesellschaftlicher Akteur in der österreichischen politischen Landschaft, der sich inhaltlich und organisatorisch in den letzten Jahren wegen des neuen Islamgesetzes und der anhaltenden Diskussionen über den Islam  neuausgerichtet hat oder neuausrichten muss. Hier fällt besonders eine Vermischung von Religion und Interessenvertretung auf, die aber auf lange Sicht voneinander getrennt werden sollten. Dabei ist zudem zu bedauern, dass die Diskussionen sowohl über den Islam als auch über die MuslimInnen in Österreich selten sachlich geführt werden.
  • Bestehende Strukturen genießen aus unterschiedlichen Gründen nur begrenzt das Vertrauen der Neuen Österreicherinnen und Österreicher. Die Schulen beschweren sich über das nicht vorhandene Interesse der Eltern für den Schulbetrieb und die Eltern beschweren sich über den nicht respektvollen Umgang des Schulpersonals. Dieses Spannungsfeld und jeweilige Interessen der unterschiedlichen Lebenswelten des Schulpersonals, der Eltern und Kinder oder Jugendlichen erschweren oft das gemeinsame Ziel, nämlich die besten Bildungschancen für die Schülerinnen und Schüler zu ermöglichen.
  • Die in Österreich geborenen Kinder und Jugendlichen werden noch immer als Zuwanderinnen und Zuwanderer gesehen, obwohl sie in Österreich aufgewachsen sind und damit Teil dieser Gesellschaft, die für ihre Kinder verantwortlich ist Die Identitätsentwicklung oder -Suche dieser Kinder und Jugendlichen erweist sich in der Zeit des Heranwachsens oft mehr als ein Hindernis als eine Chance. Die Verleihung der  österreichischen Staatsbürgerschaft bei der Geburt würde die Identitätskrise dieser Kinder und Jugendlichen deutlich erleichtern wenn nicht sogar durch die Möglichkeit eines ÖsterreicherInseins, das nicht auf Blut und Boden beruht, verhindern.

Übergänge sind besondere und schwierige Zeiten, die besonders gut vorbereitet und begleitet werden müssen. Der oben beschriebene gesellschaftliche Übergang begleitet jedes einzelne Kind und jeden einzelnen Erwachsenen. Daher verlangen zwischenmenschliche Interaktionen nach ausreichend Zeit, Raum und einer professionell-respektvollen Beziehung zwischen den Menschen (SchülerInnen, LehrerInnen und Schulleitungen sowie den Eltern). Das Fehlen einer dieser Faktoren versursacht eine nicht zufriedenstellende, gar eine konfliktreiche Arbeitsatmosphäre, die gemeinsam mit weiteren Belastungen wie Vorurteilen, schlechten sozialen oder finanziellen Verhältnissen etc. zu massiven Konflikten führen kann. Der Schlüssel zu einem erfolgreichen Meistern von Übergängen im individuellen und gesellschaftlichen Kontext liegt oft im respektvollen Umgang mit Menschen und der Vernetzung unterschiedlicher Professionen in der Sozialen Arbeit.  Auch eine engmaschige Vernetzung der Sozialen Arbeit und Bildungsarbeit mit der Kommunalpolitik  ermöglicht an vielen Orten Wissensaustauch und die Bündelung  der knappen Ressourcen.


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