Familienleben im Umbruch: was „gute“ Eltern heute leisten sollen
Die Nachkriegsjahrzehnte des 20. Jahrhunderts gelten als Blütezeit der bürgerlichen Kernfamilie: heterosexueller, verheiratetes Elternpaar, klar definierte Rollen und eine funktionale Arbeitsteilung, bei der die Mutter zuhause für Wohlbefinden aller sorgt und der Vater als Brotverdiener außer Haus ist. Heute hingegen ist Familienleben vielfältiger und dynamischer: nicht-eheliche Familien, Alleinerziehende, Patchwork-, Regenbogen- und Bonusfamilien, Mehrgenerationenfamilien über mehrere Haushalte hinweg, Wahlfamilien und sogar Co-Elternschaftsmodelle sind Teil des Diskurses. Auch wie in Familien die Arbeit aufgeteilt wird, ist im Diskurs unter dem Schlagwort Wahlfreiheit bewusst offengelassen.
Diese Vielfalt bedeutet Freiheit, aber auch Unsicherheit. Unweigerlich müssen Entscheidungen reflektiert, getroffen und legitimiert werden – ein Merkmal moderner Elternschaft, das eng mit neoliberalen Leitbildern verknüpft ist: Selbstoptimierung, Eigenverantwortung und die Vorstellung, jede Wahl sei individuell und ist gut begründet.
Von der Fürsorge zur Optimierung
Familie kennzeichnet sich also heute nicht mehr unbedingt durch einen gemeinsamen Haushalt oder Blutsverwandtschaft oder Ehe, dennoch wachsen 84,8 % der Kinder unter 15 Jahre mit beiden leiblichen Eltern, 10,7 % mit alleinerziehendem Elternteil und nur 4,5 % in Stieffamilien auf. All diese Familien werden von ihren Mitgliedern aktiv „hergestellt“ – unter anderem durch Sorgearbeit. Diese umfasst verschiedenste Formen der Fürsorge für andere, von der materiellen Versorgung bis zur Versorgung emotionaler Bedürfnisse, als auch Selbstsorge. Sorgearbeit ist mehrphasig, oft unsichtbar und meist unbezahlt. Gleichzeitig steigen die Anforderungen: Eltern sollen nicht nur versorgen, sondern optimieren – Bildung, Freizeit, emotionale Entwicklung bis zur materiellen Versorgung. Dieses Ideal der „intensiven Elternschaft“ verlangt Zeit- und Geldressourcen, sowie Informiertheit und Wissen.
Für Eltern bedeuten die zunehmende Vielfalt und die steigenden Anforderungen: Jede Entscheidung bezüglich der Aufteilung der verschiedensten Formen der Sorgearbeit muss aktiv getroffen und reflektiert, begründet und legitimiert werden. Das erzeugt Druck und führt zu einem paradoxen Gefühl von Wahlfreiheit bei gleichzeitig hohem Erwartungsdruck durch sich widersprechende soziale Normen.
Mütter zwischen Kindzentrierung und
„Gute Mutterschaft“ wird oft mit Präsenz gleichgesetzt: möglichst viel Zeit beim Kind, aufmerksam, fürsorglich, eigene Bedürfnisse hintangestellt. Diese normativen Erwartungen sind tief verinnerlicht und spiegeln sich in emotionaler Arbeit wider: Gefühle regulieren, Schuldgefühle vermeiden, das Bild der „glücklichen Mutter“ erfüllen. Gleichzeitig wird von Müttern aber auch Berufstätigkeit und Zuverdienst erwartet, idealerweise in einem Ausmaß, das sie langfristig ökonomisch unabhängig macht. Studien zeigen das Dilemma auf, das Frauen mit oder noch ohne Kinder häufig erleben – zwischen den Anforderungen kindzentrierter Mutterschaft und den Anforderungen der Berufswelt und der ökonomischen Selbstsorge.
Väter zwischen Breadwinning und Care-Arbeit
Auch Väter stehen zunehmend unter Druck: an „gute Vaterschaft“ ist nach wie vor die Erwartung der finanziellen Absicherung der Familie geknüpft und gleichzeitig wird von Vätern zunehmend aktive Kinderbetreuung und mehr Familienzeit erwartet. Viele wünschen sich mehr Zeit mit und mehr Bindung zu den Kindern, stoßen aber auf Hürden – etwa Unternehmenskulturen, die durchgehende Vollzeit als Norm erwarten. So erleben auch Männer mit und noch ohne Kinder ein Dilemma zwischen Brotverdiener- und Karriereerwartungen und den Erwartungen, ihre Berufstätigkeit für Kinderbetreuung und Familienzeit zu unterbrechen oder längerfristig zu reduzieren.
Zeit und Arbeit – eine ungleiche Bilanz
Zeitverwendungsstudien zeigen: Die Gesamtverteilung von unbezahlter Sorgearbeit bleibt geschlechtsspezifisch ungleich – besonders in Phasen mit kleinen Kindern. Mütter leisten nach wie vor mehr unbezahlte Sorgearbeit und sind häufiger erwerbstätig, allerdings mittlerweile zum überwiegenden Teil in Teilzeit. Väter unterbrechen ihre Erwerbstätigkeit nach wie vor kaum und übernehmen mehr Sorgearbeit als noch vor 20 Jahren, allerdings nicht durch Reduktion der Erwerbstätigkeit, sondern durch reduzierte Freizeit.
Polarisierte Wertvorstellungen
Auch Umfragen zeigen deutliche Spannungen: In Österreich orientieren sich die Einstellungen zu Müttererwerbstätigkeit deutlich stärker an der Kindzentrierung als in nördlichen Ländern, wobei jüngere, höher gebildete Gruppen zunehmend progressiv eingestellt sind. Dass „Kinder leiden, wenn die Mutter berufstätig ist“ befinden 47% der Österreicher*innen, während in Dänemark nur 9% zustimmen. Nach Ansicht von ca. 62% der österreichischen Bevölkerung „leidet das Familien bei Vollzeiterwerbstätigkeit der Frau“. Gefragt nach dem idealen Ausmaß an Erwerbstätigkeit von Eltern eines 2-Jährigen nennt der Großteil rund 35 Stunden pro Woche für Väter und max. 15 Stunden pro Woche für Mütter. Die stark gesunkene Zustimmung auf etwa 13% zu Aussagen, dass „Kinder für erfülltes Leben einer Frau/eines Mannes notwendig“ seien, spiegeln sich in sinkenden Geburtenraten wider.
Fazit: Zwischen Ideal und Realität
Soziale Normen speisen sich heute immer noch aus der Blütezeit der bürgerlichen Kernfamilie – neue soziale Normen kamen jedoch durch neoliberale Umbrüche dazu. „Gute“ Elternschaft ist heute kein klar umrissenes Konzept, sondern ein Spannungsfeld zwischen normativen Erwartungen und individuellen Entscheidungen. Die daraus resultierenden Dilemmata für (potenzielle) Mütter und Väter machen verständlich, wieso Eltern oftmals überlastet sind und viele Menschen ihren Kinderwunsch nicht verwirklichen oder gar keinen entwickeln. Wer sich der sozialen Normen bewusst ist, kann eigene Prioritäten reflektieren und neue Wege finden, die nicht Perfektion, sondern tragfähige Lösungen in den Mittelpunkt stellen.
Weiterführende Literatur:
- Schmidt, E.-M. (2024): Von „Wunderwuzzis“ und „Übermenschen“: Erwartungen an ‚gute‘ Mütter.
- Schmidt, E.-M. & Berghammer, C.: Generationenkontraste in der Einstellung zur Erwerbstätigkeit von Müttern. 2020. Werte – Zoom, Nummer 5
- Baierl, A. et al. (2023): Vatersein in Österreich.
- Kaindl, M. & Schipfer, R. K. (2025): Familien in Zahlen 2025.