Der Mensch hat eine angeborene Neigung, enge emotionale Bindungen zu spezifischen Personen aufzubauen. Das Bindungsbedürfnis ist lebenslang gegeben und wird ausgelöst, wenn man in Situationen gerät, die intensive negative Gefühle auslösen, die man nicht selbst regulieren kann, aber auch, wenn man zu krank oder zu erschöpft dazu ist. Fühlt man sich wieder ruhig und sicher oder – bei älteren Kindern oder Jugendlichen – ist wieder zuversichtlich, dass man die aktuelle oder zukünftige Situation bewältigen kann, so wird das Bindungsbedürfnis geringer. Je jünger man ist, umso mehr ist man für die emotionale Regulation und das Gefühl von Sicherheit auf Schutz, Fürsorge, Trost oder Ermutigung von anderen, also auf soziale Unterstützung angewiesen.
Was ist Bindung?
Bindung ist eine lang andauernde, emotionale Beziehung zu vertrauten Personen, welche Schutz und Sicherheit bieten. Bindung entsteht weder vor der Geburt, noch bindet sich ein Kind gleich nach der Geburt an Mutter oder Vater. Kinder beginnen zwischen sechs und 12 Monaten sich ihre Bindungspersonen selbst auszuwählen und zu bevorzugen. Hat ein Kind sich Bindungspersonen gewählt, werden gegenüber anderen Personen bei starker emotionaler Belastung in der Regel keine vergleichbaren Bindungsverhaltensweisen gezeigt, wie z. B. die Suche nach Trost, selbst wenn diese Personen sich fürsorglich verhalten. Bindung unterscheidet sich deshalb von anderen Beziehungen, z.B. der Beziehung zu Geschwistern, Gleichaltrigen, die zwar durchaus Bedeutung für das Kind haben können, aber in der Regel keine Bindungsfunktion erfüllen. Kinder binden sich an ihre Bezugspersonen, Eltern aber nicht an ihre Kinder.
Die psychologische Funktion von Bindung ist die Regulation eigener Gefühle mit Hilfe vertrauter Personen, zunächst dadurch, dass man Nähe zu Bindungspersonen sucht oder zu erhält. Mit zunehmendem Alter, besonders ab dem Jugendalter wird das Suchen körperlicher Nähe als externe Regulationshilfe ergänzt oder ersetzt durch die Kommunikation über eigene Belastungen, sozusagen als psychologisches Nähe Suchen mit der gleichen Regulationsfunktion.
Begriffe wie starke Bindung, feste Bindung, gute Bindung, enge Bindung oder auch pränatale Bindung oder Bonding führen zu Missverständnissen, wie man Bindung eigentlich charakterisiert. Bindungen unterscheiden sich nach dem Ausmaß an Bindungssicherheit je Bezugsperson. Eine sichere Bindung zeigt sich sowohl im Suchen nach Nähe bei Belastung,a als in der Offenheit und Neugierde für die Umgebung, wenn man beruhigt ist (und die Umgebung neugierig macht). Bei sicherer Bindung gelingt die Regulation eigener Emotionen durch andere in der Regel sehr schnell, bei unsicherer Bindung kaum effektiv, manchmal auch trotz elterlicher Nähe nicht.
Was können Eltern tun um die Bindungssicherheit von Kindern zu fördern?
Als wichtige Elternverhaltensweisen für die Förderung von Bindungssicherheit haben sich die Feinfühligkeit, die Mentalisierungsfähigkeit, aber auch die feinfühlige Herausforderung der Bezugspersonen herausgestellt, letzte besonders für Väter.
Feinfühligkeit bedeutet die Fähigkeit die Bedürfnisse des Kindes wahrzunehmen, versuchen zu verstehen was das Kind möchte oder braucht und relativ zeitnah und angemessen auf diese zu reagieren. Bindungsförderliche Feinfühligkeit sollte nicht mit ausschließlich bedürfnisorientierter Erziehung gleichgesetzt werden, da Feinfühligkeit zwar beinhaltet, dass man die Intentionen und Bedürfnisse des Kindes erkennt und versteht und darauf passend reagiert. Ist das Kind aber übererregt oder zu fordernd oder will etwas, was es nicht haben soll, so gehört zur Feinfühligkeit im Sinne der Bindungsforschung auch eben diese Wünsche des Kindes nicht zu erfüllen, aber dem Kind durchaus eine Alternative anzubieten. Manchmal wird Feinfühligkeit mit anderen Verhaltensweisen verwechselt oder so (miss-)verstanden, wie z. B. mit Warmherzigkeit (z. B. in Stimme, Küssen, Kuscheln, Drücken), stetem Augenkontakt und stetem Reden mit dem Kind, stets dem Blick des Kindes folgen, dauerhaft sekundenschnell auf das Kind reagieren oder alle Wünsche des Kindes erfüllen. Hier fehlt meist die Grundidee von Feinfühligkeit, dass nämlich (1) eine Passung zum emotionalen Bedürfnis des Kindes gegeben ist und (2) eine emotionale Regulation des Kindes bei Belastung und Überforderung oder die Ermutigung beim eigenständigen Handeln gegeben ist. So ist Küssen, Kuscheln oder Spielen, ohne dass das Kind das Bedürfnis danach hat nicht feinfühlig, sondern intrusiv.
Die Mentalisierungsfähigkeit erfasst die Fähigkeit die Bedürfnisse und Absichten des Kindes zu verstehen. Darüber Nachzudenken, was das Kind möchte oder fühlt ist hilfreich, damit man eher angemessen reagieren kann.
Die feinfühlige Herausforderung in der Bindungsförderung umfasst die Ermutigung zur Exploration, die Kooperation mit dem Kind sowie altersgemäße Anleitung des zielorientierten Spiels. Feinfühlige Herausforderung wird manchmal auch Spielfeinfühligkeit oder feinfühlige Autonomieunterstützung genannt. Für Mütter wie Väter gilt: mehr verbrachte Zeit führt nicht automatisch zu sicherer Bindung, die Qualität der Fürsorge ist entscheidend.
Wann sind Eltern „good enough“, damit ihre Kinder eine sichere Bindung an sie entwickeln?
Die Erwartungen an Eltern sind heutzutage immens hoch. In jeder Sekunde feinfühlig auf Signale des Kindes zu reagieren, immer sofort Spielangebote zu machen, wenn das Kind das Bedürfnis danach hat oder dem Kind ununterbrochen neue Erlebnisse zu ermöglichen und es kontinuierlich feinfühlig herauszufordern ist für Eltern kaum dauerhaft möglich, aber für die Entstehung einer sicheren Bindung auch nicht zwingend nötig. Wissenschaftlich zeigt sich, dass Eltern von sicher gebundenen Kindern im Schnitt zwar feinfühlig sind, aber Kinder auch bei nicht maximaler Ausprägung an Feinfühligkeit eine sichere Bindung entwickeln können. Ähnliches gilt auch für die feinfühlige Herausforderung, also die Autonomieunterstützung der Eltern. Mütter und Väter müssen sich dem Kind gegenüber nicht gleich verhalten. Ob man lieber und effektiver feinfühlig tröstet oder lieber feinfühlig im Spiel ermutigt und herausfordert hängt von der eigenen Präferenz ab, beides kann bindungsförderlich sein. Neben der Förderung von sicherer Bindung ist mit zunehmendem Alter die Förderung von Autonomie, von wechselseitigem Geben und Nehmen oder von Regeleinhaltung langfristig ebenso wichtig für die Entwicklung von Kindern. Dies gelingt aber leichter bei sicherer Bindung.
Zum Nachlesen:
Zimmermann, Peter (2026). Bindung und Autonomie. Beltz.
Becker-Stoll, Bekh, Berkic (2018). Bindung eine sichere Basis fürs Leben. Kösel.
Sabine Rühl-Krainer
Klinische und Gesundheitspsychologin, Wahlpsychologin, Siebenschläfer Familienbegleitung und Entwicklungsberatung, Zert. Elternbildnerin und Elementarpädagogin, Mutter von 2 Kindern.
www.siebenschlaefer.at
www.praxis-familienleben.at