Gut genug ist besser als perfekt – Warum perfekte Eltern den Kindern nicht gut tun
von Prof. Dr. Margrit Stamm
In den letzten Jahrzehnten hat unsere Gesellschaft eine Kultur der Sorge und der Angst entwickelt. Eingepackt in den Begriff der »verantworteten Elternschaft« appelliert sie an Väter und Mütter, alles für ihre Kinder zu tun, ihre Bedürfnisse immer in den Mittelpunkt zu stellen, unaufhörlich und überall wachsam zu sein und sie vor allen Gefahren zu schützen, denen sie permanent ausgeliefert seien. Eine Folge davon ist, dass viele Eltern versuchen, perfekte Eltern zu sein und keine Fehler zu machen. Väter und Mütter sind somit kaum das Ergebnis ihrer Unfähigkeit, den Nachwuchs verantwortungsvoll zu erziehen. Nicht unsere Kinder sind in der Krise, sondern die elternunfreundliche Gesellschaft.
Eltern sind nicht an allem schuld
Eltern allein haftbar zu machen für alles, was mit ihren Kindern schiefläuft, ist falsch. Wenn schon Siebenjährige auf dem Schulhof mobben, hat die Schule versagt, auch wenn Lehrkräfte das nicht gern hören. Und wenn lernschwache Kinder in unserem Bildungssystem nach unten durchgereicht werden, um am Ende als Versager dazustehen, liegt es mindestens genauso an ihm wie am Elternhaus. Väter und Mütter sind nicht die alleinigen Verursacher kindlicher Verhaltensstörungen. Das ist zwar eine mutige Aussage, aber dennoch eine empirisch begründbare. Zwar gibt es Literatur, wonach Eltern die Architekten der Gehirne ihres Nachwuchses seien und ihn entsprechend formen können. Diese Argumentation verführt aber dazu, Kinder einseitig als »Opfer« und Eltern als »Täter« zu sehen.
Die Forschung relativiert solche Vereinfachungen. Kinder sind widerstandsfähiger als wir denken. Sie können auch schmerzhafte Erlebnisse wegstecken – wenn sie genug Seelentrost erhalten. Aber die Beraterindustrie, die jedes Entwicklungsmerkmal jenseits der Norm als pathologisch definiert und sogleich zur Stelle ist, macht die Erziehung für Eltern viel schwieriger als je zuvor.
»Good enough« ist die beste Grundlage
Verständlich, dass Eltern auf dieser Basis das Beste für ihren Nachwuchs wollen. Doch perfekte Mütter und Väter überfordern sich und tun auch den Kindern nicht gut. Eine hinreichend gute Elternschaft ist der beste Weg für alle und auch für die eigene Psyche. Grundlegend ist, dass sich Eltern nicht zu stark mit ihrem Kind identifizieren. Deshalb hat der Psychologe Donald Winnicott den Begriff der »hinreichend guten Mutter« (»good-enough mother«) geprägt. Er meint damit das, was im Normalfall eine Mutter für die Entwicklung ihres Kindes leistet. Hätte Winnicott sein Buch heute geschrieben, hätte er mit Sicherheit auch vom »hinreichend guten Vater« gesprochen. Väter und Mütter des Normalfalls sind somit hinreichend gut sowie hinreichend fürsorglich, verfügbar und aufmerksam, damit ihre Kinder widerstandsfähig und selbstständig werden, aber ebenso Selbstvertrauen entwickeln können. Wer allerdings Kinder mit Fürsorge und steter Zuwendung überschüttet, verkörpert keine hinreichend gute, sondern eine perfekte Elternschaft. Und perfekte Väter und Mütter schaden den Kindern eher als sie ihnen guttun.
Kinder brauchen Wurzeln und Flügel
Good enough parenting betrachtet Erziehung und Entwicklung vom Kind her. Denn das, was das Beste für den Nachwuchs sein soll, ist eine Frage der Balance. Einerseits brauchen Kinder Fürsorge und Nähe, also Wurzeln und einen sicheren Hafen – andererseits aber auch Möglichkeiten, die Welt zu entdecken, also Freiheiten und Flügel. Aktuell ist diese Balance durcheinander, sie war es aber auch schon früher.
In autoritären Zeiten wurden viele Kinder erzogen, indem man ihnen Angst einjagte und Strafen einsetzte. Entsprechend schwach waren ihre Wurzeln. Gleichzeitig hatten sie viele Freiheiten, mit anderen Kindern herumzutollen. Heute ist es oft umgekehrt: Die Kinder werden achtsam und bedürfnisorientiert erzogen, damit sie Wurzeln bekommen. Aber wegen Überfürsorglichkeit und Serheitsangst können sie ihre Flügel zu wenig entfalten. Das ist wieder ein Ungleichgewicht.
Kinder brauchen beides, viel vom einen, viel vom anderen. Wenn man ihnen auch Freiheiten ermöglicht (z.B. draußen in der Natur zu spielen), bekommen sie Flügelräume. Verantwortlich dafür sind aber nicht nur Mama und Papa, sondern ebenso eine Gemeinde- und Stadtentwicklung, die nicht nur die Kinder vor Gefahren schützt, sondern auch mehr Flügelräume schafft.
Das Recht des Kindes auf das Hier und Jetzt
Eltern können ihrem Kind am meisten mit auf den Weg geben, wenn sie es so annehmen, wie es ist. Dazu gehört »das Recht des Kindes auf den heutigen Tag«. Damit meint Janusz Korczak, der berühmte polnische Kinderarzt, dass die Kindheit ein autonomes Stadium im Hier und Jetzt ist und nicht auf die Zukunft ausgerichtet werden darf.
Gleichwohl müssen Kinder lernen, hin und wieder mit Misserfolgen umzugehen. Kinder, die an Fehlern wachsen dürfen, sind auf Eltern angewiesen, die seine Unsicherheiten und Fehlschläge ertragen können. Gleichzeitig sollten sie auch das Gespür dafür entwickeln, welche Einflüsse schädlich für den Nachwuchs sein könnten. Hinreichend gute Eltern zeichnen sich deshalb auch durch ein führendes, anleitendes und zurückhaltend überwachendes Verhalten aus, das allgemein unter dem Begriff »Elternmonitoring« zusammengefasst wird.
Ein Kompass für hinreichend gute Elternschaft
Wenn Mama und Papa somit nicht perfekt, sondern hinreichend gut sein sollen, was heisst das konkret? Ein Kompass in viert Punkten:
- Emotional verfügbar sein: Eltern sind ansprechbar, trösten und zeigen Zuwendung, sind aber nicht überbehütend. Sie vernachlässigen ihre Kinder insofern nicht, als sie ihnen auch Momente der ungeteilten Aufmerksamkeit schenken (ohne Smartphone und Social Media);
- Sicherheit und Stabilität geben: Mama und Papa bieten Schutz und Verlässlichkeit, geben aber auch klare Strukturen vor. Und sie praktizieren eine positive Autorität. Gemeint ist damit, Einfluss auszuüben, ohne zu strafen. Dazu gehört auch der Liebesentzug als Verhalten, bei dem Zuneigung, Aufmerksamkeit oder emotionale Nähe bewusst oder unbewusst zurückgehalten werden. Liebesentzug ist die stärkste psychische Kontrollstrafe.
- Fehler erlauben: Eltern machen Fehler – und das ist wichtig. Das gilt auch für das Kind. Es lernt so, mit Frustration und Enttäuschung umzugehen und psychische Widerstandsfähigkeit zu entwickeln.
- Entwicklungsgesetze berücksichtigen: Im Babyalter reagieren Mama und Papa sehr feinfühlig auf Bedürfnisse, später lassen sie mehr Autonomie zu. Die Basis bildet das Verständnis, dass jedes ihrer Kinder einmalig ist und eigenen Entwicklungsgesetzen unterworfen ist. Diese kann man nicht nach Belieben steuern. Darum berücksichtigen Eltern auch das Recht des Kindes auf den heutigen Tag.
Eva-Maria Schmidt
ist habilitierte Soziologin und stv. Wissenschaftliche Direktorin des Österreichischen Instituts für Familienforschung (ÖIF) an der Universität Wien. Sie forscht, publiziert und lehrt zu den Themen unbezahlter und bezahlter Arbeit, Geschlechterrollen, Elternschaft und soziale Normen, Elternkarenz, intergenerationale Beziehungen in Familien sowie familiäre Lebensformen, Lebensphasen und Transitionsprozesse, mit einem Schwerpunkt auf qualitativ-rekonstruktiven Erhebungs- und Analysemethoden.