Spielen ist Lernen: Die Säulen der modernen Vorschularbeit im Kindergarten
von Mag. Dr. Karin Steiner
Der Übergang vom Kindergarten in die Volksschule wirft bei vielen Eltern im letzten Kindergartenjahr Fragen auf: Ist mein Kind wirklich „schulreif“? Die wichtigste Botschaft vorweg: Ihr Kind lernt und entwickelt sich – von Geburt an. Und durch die Familie und den Besuch des Kindergartens bekommt ein Kind ganzheitliche Bildung von Anfang an.
Das Ziel moderner Pädagogik ist es, dass der Übergang jedem Kind gelingt. Schulfähigkeit wird nicht mehr allein am Kind festgemacht – sie ist eine Gemeinschaftsaufgabe von Familie, Elementarpädagogik und Schule. Die Volksschule holt jedes Kind genau dort ab, wo es in seiner individuellen Entwicklung steht.
Das Fundament von Anfang an: Die Rolle der Eltern
Neben der unterstützenden Bildungsarbeit des Kindergartens bleibt das familiäre Umfeld der wichtigste Nährboden. Damit Kinder ihre Basiskompetenzen optimal entfalten können, tragen Eltern in den ersten Lebensjahren für eine gesunde ganzheitliche Entwicklung ihres Kindes eine große Mitverantwortung, besonders im Bereich der Sprache und des Medienkonsums:
- Sprachliche Anregung: Sprache lernt sich nicht nebenbei und brauch viel Input, damit sie sich gut entfalten kann. Das tägliche Vorlesen, gemeinsame Gespräche auf Augenhöhe, Lieder und das Benennen von Dingen im Alltag helfen dabei, eine gute sprachliche Basis als Kind zu entwickeln. Studien zeigen, dass dieser tägliche sprachliche Austausch und regelmäßige Vorlesen von Bilderbüchern zu Hause das spätere Leseverständnis massiv stärkt.
- Medienfreie Räume schaffen: Fachgremien wie die Österreichische Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde (ÖGKJ) betonen, wie wichtig bildschirmfreie Zonen in den ersten Lebensjahren sind, weil sich das kindliche Gehirn in einer sehr sensiblen Phase seiner Entwicklung befindet. Zu viel frühe Medienzeit blockiert wertvolle Lernerfahrungen in der realen Umwelt eines Kindes.
- Reale Lernerfahrungen: Denn erst durch das Ertasten, Begreifen, Klettern und die Interaktion mit echten Menschen bauen Kinder Resilienz, Motorik und sozial-emotionale Stärke auf. Die reale Welt bietet für das Kind jene wichtigen Sinnesreize, dies es für seine Entwicklung benötigt und die kein Tablet ersetzen kann.
Vom Elternhaus in die Gruppe: Die Aufgaben des Kindergartens
Genau hier schließt die elementarpädagogische Arbeit an: Der Kindergarten greift diese realen Erfahrungen auf und führt sie im sozialen Gefüge der Gruppe gezielt weiter. Das freie und angeleitete Spiel ist im Kindergarten kein Zeitvertreib, sondern die Hauptform des frühkindlichen Lernens. Indem Kinder forschen, bauen, verhandeln und ausprobieren, eignen sie sich hochkomplexe kognitive, sprachliche und soziale Fähigkeiten ganz natürlich, lustvoll und nachhaltig an. Basierend auf den Zielen und Kompetenzen des Bundesländerübergreifenden BildungsRahmenPlans ist die gesamte Kindergartenzeit so gesehen eine fortlaufende Schulvorbereitung – ganz ohne schulischen Leistungsdruck:
- Co-Konstruktion & aktives Lernen: Das Kind erhält im Kindergarten die Möglichkeit, seine Welt aktiv mitzugestalten. Pädagoginnen und Pädagogen begleiten diese Neugier und vertiefen sie mathematisch, naturwissenschaftlich und kreativ.
- Sozial-emotionales Training im Gruppenalltag: Im Kindergarten lernt das Kind, sich in einer größeren Gemeinschaft zu behaupten, Konflikte verbal zu lösen, Empathie zu entwickeln, Frustrationen auszuhalten und Regeln zu akzeptieren.
- Auch das sogenannte „Lernen lernen“ steht im Mittelpunkt: Kinder erfahren spielerisch, wie sie Dinge ausprobieren, an einer Aufgabe dranbleiben und selbstständig Lösungen für Probleme finden.
- Gezielte, alltagsintegrierte Sprachförderung: Durch tägliche Gesprächskreise, Reime, Rollenspiele und Dialoge wird die Sprachkompetenz bei allen Kindern kontinuierlich erweitert.
Warum ist sprachliche Kompetenz so wichtig?
Sprache, um miteinander in Beziehung zu treten und sich zu verständigen, ist das wichtigste Werkzeug für gelingende Kommunikation in unserer Gesellschaft und entscheidet oftmals auch über den schulischen Erfolg eines Kindes. Der Blick auf die Sprachkompetenzen eines Kindes sind daher auch zentrale Voraussetzung für schulische Lernprozesse, das Verstehen von Arbeitsanweisungen und das soziale Einleben in die Klassengemeinschaft. Daher wird auch die Sprachkompetenz eines Kindes bei der Schuleinschreibung in den Blick genommen, um im Bedarfsfall Unterstützung und Ressourcen von Tag eins in der Schule hierbei als Kind zu erhalten. Im Rahmen der Schulreifefeststellung wird der Sprachstand spielerisch mit dem MIKA-O/ MIKA-D erhoben:
- Mit dem kurzen Orientierungswerk MIKA-O schauen sich Schulleitungen ganz unkompliziert (oft anhand von kurzen Geschichten wie „Mika, der Löwe“) die Deutschkenntnisse an.
- Zeigt sich dabei ein intensiverer Förderbedarf, kommt das standardisierte Messverfahren MIKA-D ins Spiel.
Wichtig dabei: MIKA-O noch MIKA-D sind moderne Diagnose-Werkzeuge, um herauszufinden, ob ein Kind ab dem ersten Schultag eine gezielte, integrierte Deutschförderung bekommt. Es geht darum, Ressourcen und Unterstützung von Tag eins an richtig zu verteilen.
Kinder als kompetente Lernende
Die Pädagoginnen und Pädagogen sehen das Kind als kompetenten kleinen Lerner. Sie schauen gezielt auf die vorhandenen Potenziale und Talente. Als verlässliche und verbindliche Arbeitsgrundlage dient dabei der Bundesländerübergreifende BildungsRahmenPlan und gezielt im letzten Kindergartenjahr das Modul für das letzte Jahr in elementaren Bildungseinrichtungen, um den Übergang in die Schule ideal vorzubereiten.
Um ein Kind optimal begleiten zu können, wird die Entwicklung systematisch durch das Team im Kindergarten beobachtet. Im Portfolio, einer persönlichen Dokumentationsmappe, halten die Pädagoginnen und Pädagogen gemeinsam mit dem Kind wichtige Erfolge, Entwicklungsschritte und Zeichnungen fest, die den Lernfortschritt sichtbar machen. In regelmäßigen Entwicklungsgesprächen werden diese Beobachtungen partnerschaftlich mit Ihnen als Eltern geteilt. Für die Schuleinschreibung gibt es zudem einen wertvollen Praxistipp: Nehmen Sie das Portfolio Ihres Kindes am Tag der Schulanmeldung mit. Es nimmt Ihrem Kind die erste Scheu, dient der Schulleitung als wunderbarer, positiver Gesprächseinstieg und zeigt ab der ersten Minute, welche Stärken und Interessen Ihr Kind mitbringt.
Gezielte Übergangsbegleitung
Viele Kindergärten bauen mit vielerlei kleineren und größeren Aktivitäten im letzten Jahr oftmals für Kinder im letzten Kindergartenjahr eine lebendige Brücke zur künftigen Schule, bspw. durch:
- gezielte Kooperationsprojekte: Kindergärten und die örtlichen Volksschulen stehen oftmals in engem Austausch. Oft besuchen die „Schulneulinge“ bereits vorab die Schule, nehmen an gemeinsamen Projekten oder Sportfesten teil.
- Schnuppertag in der Volksschule: Viele Schulen bieten Kindern im letzten Kindergartenjahr auch „Schnuppervormittag“an, wo diese das Gebäude erkunden, ihre künftigen Pädagoginnen und Pädagogen kennenlernen und gemeinsam mit den aktuellen Erstklässlern eine spielerische Stationenarbeit ausprobieren können. Das baut bei vielen Kindern Ängste ab und weckt die Vorfreude auf das Lernen.
- das Führen eines Übergangsportfolio. Es unterscheidet sich von der alltäglichen Dokumentation dadurch, dass es ganz gezielt als kommunikative Brücke zwischen der elementaren Bildungseinrichtung und der Volksschule konzipiert ist und für die künftigen Lehrerinnen und Lehrer die Möglichkeit bietet abseits von standardisierten Tests ein ganzheitliches, positives Bild vom Kind zu erhalten.
Wie Sie als Eltern den Übergang zu Hause positiv unterstützen können
Auch Sie zu Hause können Ihr Kind mit folgenden Tipps emotional stärken und die Selbstständigkeit Ihres Kindes im Alltag fördern:
- Vorfreude wecken, Ängste nehmen: Sprechen Sie positiv über die Schule. Erzählen Sie realistische Geschichten aus Ihrer eigenen Schulzeit und signalisieren Sie Ihrem Kind: „Du schaffst das und du darfst Fehler machen!“
- Selbstständigkeit im Alltag üben: Lassen Sie Ihr Kind Aufgaben bewusst alleine lösen. Das selbstständige An- und Ausziehen (vor allem bei der Straßen- und Turnkleidung), Schuhe binden, das eigenständige Aufmachen von Jausenboxen und Trinkflaschen sowie das Aufräumen der eigenen Spielsachen sind Meilensteine der Schulvorbereitung.
- Ausdauer und soziale Regeln festigen: Das gemeinsame Lesen und Spielen von Gesellschaftsspielen sind ein hervorragendes Training. Hierbei lernt das Kind, zuzuhören, sich an feste Regeln zu halten, geduldig zu warten, bis es an der Reihe ist, und auch die Frustration des Verlierens auszuhalten.
- Den Schulweg gemeinsam trainieren: Gehen oder fahren Sie den zukünftigen Schulweg im Sommer mehrmals gemeinsam ab. Das Erkennen von Zebrastreifen, Gefahrenstellen und das richtige Verhalten im Verkehr geben Ihrem Kind Sicherheit für den ersten Schultag.
Gehen Sie diesem neuen Lebensabschnitt daher mit Freude und Gelassenheit entgegen – mit der gebündelten Unterstützung von Familie, Kindergarten und Schule ist Ihr Kind bestens auf das Abenteuer Schule vorbereitet. Wir wünschen Ihnen und Ihrem Kind einen wunderbaren, erfolgreichen und unbeschwerten Schulstart.