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Drohnen-Eltern – Überwachung via App

von Mag. Karina Kaiser-Fallent

Der Markt boomt. Überwachung hat ihren Schrecken verloren und findet unter verschiedenen Namen Einzug ins Familienleben. iNanny, MamaBear, Qustodio, Familo, Ignore No More, TABALUGA SOS Familien App und Co haben die Zeichen der Zeit erkannt und verkaufen Familien das, was in unsicher wahrgenommenen Zeiten ein wertvolles Gut ist: Schutz und Sicherheit für ihre Liebsten – nur einen Klick entfernt. 
Viele Eltern sind heutzutage mehr denn je darum bemüht, alles bestmöglich zu machen. Unter den vielen kritischen Augen, im Dschungel der Ratgeberliteratur und Elternblogs ist es für junge Eltern heutzutage wahrlich kein Leichtes, besonnen zu bleiben und den eigenen Unsicherheiten und Ängsten nicht gleich nachzugeben. Vor allem, wenn die Lösung so einfach scheint: Sicherheit mit einem Klick. 
Jederzeit zu wissen, wo das Kind ist, kann gerade für Eltern in urbanen Gebieten ein sehr beruhigendes Gefühl sein. Und praktisch ist es zudem. Man muss nicht ständig am Spielplatz dabei sein und kann dem Kind mehr elternfreie Zeit (und den Eltern mehr kinderfreie) ermöglichen als ohne derartige elektronische Rückmeldung. In Ruhe den Haushalt erledigen während das Kind (bzw. dessen Handy) am Spielplatz – in vermuteter Sicherheit – mit Freunden beschäftigt ist. Verlässt es das festgelegte Areal, erhalten Eltern eine Warn-Sms: Der via Smartphone gesetzte Geo-Zaun wurde überschritten, der erlaubte Bereich verlassen (siehe Abbildung). Wer möchte, kann überhaupt gleich live sein Kind auf Schritt und Tritt via GPS und Google Maps verfolgen oder ihm eine Armbanduhr kaufen, die auch beim Runternehmen Alarm schlägt. 

Die Schuldgefühl-Falle

Wäre es, als verantwortungsvolle Eltern, nicht fahrlässig, derartige Möglichkeiten nicht zu nützen? Was, wenn dann doch etwas passiert und man es vielleicht hätte verhindern können – oder zumindest schneller eingreifen? Machen sich dann Eltern nicht mitschuldig? Es würde ja wahrscheinlich auch kaum einer den Sinn und Nutzen eines Treppengitters in Frage stellen, der das Kind vor dem Hinunterstürzen bewahrt und dabei auch drastisch seine Bewegungsfreiheit einschränkt. Oder für einen Verzicht des Babyphones appellieren, weil wir dadurch unsere Kinder überwachen. Wahrscheinlich gibt es kaum Eltern, die bei diesen beiden Maßnahmen aufschreien und einen Eingriff in die kindliche Privatsphäre und Freiheit orten. Und dennoch sind auch diese Maßnahmen zwei untere Sprossen auf einer stetig im Steigen begriffenen „Erziehungs-Optimierungs-Leiter“. Denn, was Eltern nicht (ausreichend?) leisten können oder wollen, wird durch den Einsatz verschiedener Hilfsmittelchen erleichtert – immer mit dem Argument „zum Wohle und Schutz des Kindes“. Da führt dann schon fast kein Weg mehr dran vorbei. Vor allem nicht, wenn wir alle als Gesellschaft immer mehr an Schutz und Sicherheit orientiert und an eine ständige Überwachung und Datenweitergabe gewöhnt sind, die uns im besten Fall sogar noch mit Benefits für die Gesundheit (Stichwort: Wareables), das Geldbörsel (Stichwort: günstigere Versicherungskosten, wenn man das Fahrverhalten mit-tracken lässt) oder eben für die lieben Kinder (Stichwort: mehr Sicherheit) begegnen.

Kinder brauchen Sicherheit UND Erfahrungsräume

Nun ist es jedoch so, dass Kinder für eine gesunde Entwicklung zwei grundlegende Erfahrungen brauchen: Das Gefühl und die Erfahrung „in Sicherheit zu sein“ bzw. Zugang zu einer sicheren Bezugsperson zu haben, einen „sicheren Hafen“. UND: Erfahrungsräume, Möglichkeiten sich auszuprobieren, eigene Fähigkeiten und Grenzen zu erleben und daran immer weiter zu wachsen. Ein Selbst unabhängig von den Eltern zu entwickeln. Autonomie und Selbstbewusstsein. Das Gefühl: „Das kann ich schon. Alleine.“ 
Diese beiden grundlegenden Erfahrungen bauen aufeinander auf und stehen miteinander in Wechselwirkung. In den ersten Lebensmonaten steht die sichere Bindung (der „sichere Hafen“) zu einer Bezugsperson im Vordergrund. Das ergibt sich daraus, dass das Kind noch sehr auf eine liebevolle Zuwendung und Pflege angewiesen ist, es ist abhängig. Was das Kind in dieser Phase der Abhängigkeit erfährt, prägt die drauffolgende Entwicklung, auch die Autonomieentwicklung. Ein sicher gebundenes Kind hat in der ersten Zeit seines Lebens erfahren, dass es mit seinen Bedürfnissen wahrgenommen wird und die Eltern darauf feinfühlig reagieren – es zum Beispiel auf den Arm nehmen, wenn es schreit und damit Trost und Sicherheit spenden. Es lernt in einer chaotischen Welt Zusammenhänge kennen, die in erster Linie mit den Reaktionen der Eltern zu tun haben. „Wenn ich Hunger habe und schreie, bekomme ich zu essen und es geht mir wieder gut.“ Daraus konstruiert es seine erste Orientierung in der Welt. Unsicher gebundene Kinder haben diese Kontinuität nicht oder zu wenig kennengelernt. Im Verlauf ihrer ersten Lebensmonate wurden sie häufig alleine gelassen als sie schrien. Nur unregelmäßig war auf ihre Bedürfnisse feinfühlig reagiert worden. Oft wurde der innerliche Stress durch z.B. Hunger oder Überreizung von den Eltern noch verstärkt. Die Kinder lernten eine Welt der Unsicherheiten kennen, eine Welt, wo nie gewiss war, ob man wahrgenommen und die eigenen Bedürfnisse befriedigt werden würden. Kinder, die häufig solche Erfahrungen machen mussten, werden ängstlich oder teilnahmslos. Sie zeigen eine dauernde Unruhe, immer auf der Suche nach elterlichen Signalen, die sie einzuordnen versuchen und stets bemüht, ihre Bedürfnisse mitzuteilen, um doch noch gehört zu werden. Oder sie entwickeln eine „erlernte Hilflosigkeit“ – entsprechend dem Gefühl „Egal, was ich tue, es ist doch nicht sicher, was dabei raus kommt. Ich bin Spielball des Schicksals. Besser ist es, nicht aufzufallen, in Deckung zu gehen.“ 
Diese sichere vs. unsichere Wahrnehmung „der Welt“ (Für den Säugling besteht die Welt hauptsächlich aus seiner Beziehung zu den Hauptbezugspersonen) wirkt sich verständlicher Weise auf die Autonomieentwicklung aus. Man kann sich leicht vorstellen, wie ein Kind, das die Welt als gütig und gut wahrnimmt, daran interessiert ist, mehr von dieser zu erfahren, seinen Erfahrungs- und Bewegungsraum zu erweitern – immer mit dem Wissen, dass da jemand ist, zu dem es zurückkehren kann, wenn die Abenteuer zu unsicher werden. Genau dieses Phänomen kann man bei sicher gebundenen Krabbelkindern beobachten. Entspannt und neugierig erkunden sie ihre Umgebung, nehmen immer wieder Blickkontakt mit der Bezugsperson auf und kehren zwischendurch „in den sicheren Hafen“ zurück. Es klammert sich vielleicht kurz an, möchte eine Rückversicherung, dass alles in Ordnung ist und kann dann mit neuem Mut seine Erkundungstouren fortsetzen. Unsicher gebundene Kinder zeigen weniger Erkundungsverhalten, sind ängstlicher und weichen den Eltern häufig nicht von der Seite. 
Eltern, die zwar ein sicher gebundenes Kind haben, diesem jedoch ab dem Zeitpunkt, wo es mobil wird auf Schritt und Tritt folgen – es verfolgen – um es zu schützen, berauben sich selbst und ihrem Kind wichtiger Erfahrungen. Selbst erfahren die Eltern nie, dass ihr Kind FREIWILLIG wieder zurückkommt, weil es das Band zwischen sich und den Eltern aufrechterhalten WILL – es also nicht, wie das „verfolgte“ Kind, immer mehr von den Eltern wegdrängt – und, dass Kinder eine natürliche Vorsicht besitzen – wenn man sie in Ruhe machen lässt. Weiters berauben sie das Kind der Erfahrung, dass es mit Wohlwollen dabei unterstützt wird, ein immer eigenständigerer, unabhängigerer Mensch zu werden, der immer mehr kann, das auch zeigen möchte und gleichzeitig bei Ängsten oder Unsicherheiten jederzeit, FREIWILLIG wieder zurück in die Arme von Mama oder Papa kehren kann – ohne Angst, sanktioniert zu werden. Die Basis für gegenseitiges Vertrauen ist somit gelegt, durch eine sichere Bindung einerseits und andererseits der Fähigkeit loszulassen, bei Bedarf da zu sein und Zutrauen zum Kind zu haben. 
(Dass natürlich z.B. ein Gehsteig neben einer stark befahrenen Straße kein geeigneter Raum für Erkundungstouren ist, ist selbstverständlich und wird hier nur der Vollständigkeit halber ergänzend angeführt.)
Warum diese ausführliche Schilderung? Was hat das alles mit Überwachungs-Apps zu tun? Das Vorausgehende ist wichtig, um zu verstehen, WIE FRÜH bestimmte Verhaltens- und Interaktionsmuster ansetzen und welch weitreichende Folgen diese haben können. Irgendwann findet man sich in einer „Self-fulfilling prophecy“ wieder, in der immer größere Unsicherheiten und Unselbständigkeiten mit immer mehr Schutz- und Sicherungsmaßnahmen beantwortet werden müssen.

Das rechte Maß…?

Doch auch mit diesem Wissen, eine große Frage bleibt: Wie viel von dem, was an Schutz möglich ist, muss/soll ich umsetzen, um (zumindest) meinem Bild eines verantwortungsbewussten Elternteils gerecht zu werden und nicht Gefahr zu laufen, mich irgendwann mit dem Vorwurf konfrontieren zu müssen, fahrlässig gehandelt zu haben? 
Nicht die tatsächlich vernachlässigenden Eltern, sondern die zu Übervorsicht und Besorgnis neigenden sind von dieser Frage betroffen und ihnen ist die Antwort gewidmet. In erster Linie ist abzuwägen, welchen Preis man selbst – aber auch das Kind – für die vermeintliche zusätzliche Sicherheit zahlt. Denn auf dem Spiel steht allen voran das Grundvertrauen ineinander.
Angenommen, man überlegt, eine Ortungs-App nur in den ersten Monaten, in denen das Kind alleine zur Schule geht, einzusetzen, dann sollte man dem Kind jedenfalls seine Beweggründe erklären und diese nur mit dessen Einwilligung installieren. Niemals darf eine Überwachung hinter dem Rücken des Kindes oder ohne Einverständnis geschehen. Dies käme sonst einem Vertrauensmissbrauch gleich, der vergleichbar mit einem von den Eltern gelesenen Tagebuch ist. Am wirkungsvollsten wird es sich in diesem Beispiel dennoch erweisen, sein Kind so lange zur Schule zu begleiten, bis man den Weg mit ihm sicher eingeübt hat, gemeinsam mögliche Gefahren besprochen hat und das Kind weiß, worauf es aufpassen muss und wie es reagieren kann. Wichtig ist aber, Gefahren realistisch einzuschätzen und nicht immer vom Schlimmsten auszugehen – damit belastet man nicht nur Kinder unnötig, sondern tanzt auch ganz nach der Pfeife aller käuflichen Sicherheitsverheißungen. Kindesentführungen sind nach wie vor sehr, sehr selten! Gewalt und Missbrauch jedoch finden vorwiegend in der Familie statt, Mobbing ist ein tägliches Phänomen an unseren Schulen, mit Alkohol, Zigaretten und Drogen kommen Kinder am leichtesten über die falschen Freunde in Kontakt. Gegen all diese Risiken, denen Kinder tatsächlich begegnen können, hilft keine App der Welt, sondern in erster Linie eine selbstbewusste Persönlichkeit und eine vertrauensvolle Gesprächsbasis zwischen Eltern und Kindern.
Wer dennoch ab und zu auf die Bequemlichkeiten der neuen Technologien nicht verzichten möchte, sollte sich vorab zumindest überlegen, ob ihr Einsatz der Situation angemessen ist und was man damit eventuell riskiert. Denn Kinder und vor allem Jugendliche haben das Gefühl, sich nicht mehr frei bewegen zu können, ständig beobachtet zu werden, auch wenn die sogenannten Drohnen-Eltern beschwichtigen, indem sie sagen, dass sie die App ja nicht ständig nutzen würden, sondern nur bei Bedarf. Wie sehr persönliche Grenzen überschritten werden, zeigt sich nicht nur in der Fußfessel-artigen Ortung der Kinder, sondern auch darin, dass viele dieser Überwachungs-Apps zusätzlich, sozusagen „in einem Aufwasch“, noch Einsicht in Textnachrichten der Kids sowie Infos zum Nutzungsverhalten von Whatsapp, Facebook, YouTube und Co oder die Möglichkeit, das Spielverhalten des Sprösslings zu regulieren, anbieten. 

Recht auf Privatsphäre!

Doch nur, weil Kinder Kinder sind und in vieler Hinsicht von uns als Eltern und Erwachsene abhängig, dürfen wir nicht dem Trugschluss unterliegen, ein Kind hätte keine Persönlichkeitsrechte. Auch ein Kind hat ein Recht auf Privatsphäre und Geheimnisse, ein Recht auf seinen „eigenen (Entscheidungs)Raum“! Dazu gehört auch ein Ausloten und zeitweises Überschreiten von Grenzen oder ein vorübergehendes Abschotten von den Eltern.

Auf eigenen Beinen stehen

Um die Frage also abschließend mit der heutzutage so notwendigen – aber kaum noch anzutreffenden – Gelassenheit zu entscheiden, hilft es, sich vor Augen zu führen, dass nicht nur der Schutz, sondern letztlich vor allem die Selbstständigkeit und damit die Fähigkeit zur Selbstwirksamkeit und Selbstschutz des geliebten Kindes Ziel von Erziehung sind. Und letzteres ist nun einmal nicht erreichbar, wenn man es mit dem Schutz übertreibt. Ein Baum, im Glashaus gezogen, sicher vor allen Übeln der Außenwelt und mit tollem Sonnenlicht, wird bis zu seinem Ende nur im Glashaus gedeihen und überleben können, denn „da draußen“ reicht ein Windstoß ihn zu brechen, eine Krankheit, ihn zu töten. Dieses anschauliche Beispiel verdeutlicht, warum es so wichtig ist, mit einer fürsorglichen Grundeinstellung Kindern schrittweise das eigenständige Erkunden, Erfahrungen-Machen und auch Loslösen von den Eltern zu ermöglichen. Nur so kann Vertrauen in sich selbst und den anderen entstehen, der wirkungsvollste Schutz und die wertvollste Ressource für die vielen Herausforderungen im Alltag, die mit noch so vielen Eltern-Kind-Apps nicht gemeistert werden können. 
Eine Frage stellt sich noch am Rande: Wer weiß überhaupt, was mit den unzähligen Daten aus diesen Überwachungen passiert? Welche Rechte haben die Apps nachdem wir sie installiert haben? Der Markt mit unseren Metadaten boomt und, wenn wir ihn in diesem Tempo weiterfüttern, haben wir bald tatsächlich nichts mehr zu verheimlichen. 
Mut wünsche ich allen Eltern, nicht nur den Schutz als wichtig zu erachten, sondern auch die Notwendigkeit, sein Kind mit Gelassenheit bei der Selbst(ständigkeits)werdung zu unterstützen.
Dazu ein Appell an uns alle: Man muss fürsorglichen Eltern die Angst vor der Schuld nehmen, dass sie fahrlässig handeln würden, setzten sie ihr Kind auch nur „dem geringsten Risiko“ aus.
Beitrag aus "Welt der Wunder" zum Thema "Überbehütete Kinder": https://www.youtube.com/watch?v=aadv9E72jEA


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