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Geschwister und ihre Bedeutung: Ein kurzer Überblick

von Prof. Dr. phil. Jürg Frick

Elternbildung
Elternbildung
Elternbildung

Geschwister beeinflussen und prägen einander bezüglich Fühlen, Denken und Verhalten – und das häufig ein Leben lang: hier wird vieles – häufig unbewusst – gelernt und trainiert. Eine wichtige Rolle bei der Entwicklung von Rollen und bezüglich der Eifersucht spielen die Eltern.

EinleitungElternbildung

Die meisten Menschen unterschätzen den Einfluss, den die Geschwistererfahrungen in der Kindheit und Jugendzeit in positiver wie negativer Hinsicht auf sie gehabt haben – und indirekt oder direkt, meistens unbewusst – immer noch auf sie haben.

Geschwisterbeziehungen sind in der Regel die dauerhaftesten und längsten Bindungen im Leben eines Menschen: Eltern sterben, Freunde verschwinden oder werden verlassen, Intimbeziehungen lösen sich auf – aber Geschwister bleiben einem Menschen meistens lebenslänglich erhalten, rechtlich wie emotional, auch wenn unter Umständen die Kontakte auf ein Minimum beschränkt oder gar abgebrochen wurden. Man kann, um Watzlawick zu variieren, kaum eine Nichtbeziehung zu Geschwistern haben. Unzählige Erlebnisse, Gefühle, Reaktionsmuster und sogar Charakter prägende Erfahrungen sind mit Geschwistern verbunden, auch wenn ein erheblicher Teil davon vergessen, verdrängt oder gar verleugnet werden kann. Geschwisterbeziehungen sind also in der Regel wie Eltern-Kind-Beziehungen ebenfalls Primärbeziehungen.

GeschwisterrollenElternbildung

Es erweist sich als schwierig, allgemein gültige Aussagen mit empirischen Fakten und Zahlen zu untermauern: feste Zuordnungen zwischen Charaktereigenschaften und einer bestimmten Position in der Geschwisterfolge beispielsweise sind nicht möglich (Rohrer et al. 2015; Damian/Roberts 2015). Dafür spielen zu viele und zu variantenreiche, komplexe, direkte wie indirekte Faktoren auf die Familienkonstellation eine Rolle. Das Spektrum individueller Abweichungen ist so groß, dass wir es hier nur mit schwachen Durchschnittswerten zu tun haben. Bei aller Vorsicht lassen sich trotzdem einzelne Verhaltens- und Erlebnistendenzen im Sinne von etwas häufigeren Möglichkeiten in Kombination mit bestimmten Geschwisterpositionen beobachten, wie das Kreuzer (2016) bestätigen konnte. Als Beispiele: Älteste können Betreuungs- und Führungskompetenzen entwickeln, zweite und mittlere Geschwister lernen häufiger nachzueifern, Jüngste entwickeln manchmal Charme und überlassen die Verantwortung etwas häufiger anderen usw.

Geschwisterkonstellationen und KomplementärrollenElternbildung

Jedes Kind versucht im Laufe seiner Entwicklung, sich von anderen zu unterscheiden, in bestimmten Bereichen besonders, eben individuell zu sein – es sucht sich als unverwechselbares Individuum einen Platz, versucht sich eine Nische zu schaffen (Dunn/Plomin 1996). Kinder erlernen Rollen, um bei den Eltern Zuwendung, Anerkennung und Liebe zu erhalten. Dazu entwickeln sie ein breites Spektrum von Strategien, die sie häufig bis ins Erwachsenenalter oder gar das ganze Leben lang beibehalten und verfeinern. Diese Rollenfindung wird von den vorliegenden Möglichkeiten in einer konkreten Familie stark beeinflusst. In einer Familie kann auf Dauer meist nur eine bestimmte Rolle besetzt werden. Wenn also beispielsweise das ältere Kind seinen Platz als schönes, attraktives, charmantes Mädchen gefunden hat, bleiben dem zweiten Mädchen stark vereinfacht zwei Möglichkeiten: es versucht das ältere in diesen Merkmalen auszustechen, also noch attraktiver zu erscheinen, oder aber es verlegt sich auf ein anderes Gebiet: seine komplementäre Rolle findet es dann z.B. als burschikoses oder intellektuelles Mädchen, das weniger Wert auf Äußßeres legt. Selbstverständlich gibt es auch Konstellationen, wo beide oder mehrere Kinder einen ähnlichen Weg einschlagen. Beispiel: Der ältere Bruder wird Komponist, der jüngere Facharzt. In den meisten Familien lassen sich komplementäre Geschwisterkombinationen finden: Wenn ein Kind eher als Kopfmensch mit zwei linken Händen gilt, dann findet sich meistens ein handwerklich geschicktes Geschwister, und brave angepasste Geschwister leben fast immer mit einem Kämpfer, einem Rebellen (oder einer Rebellin) zusammen. Diese auch De-Identifikation (Bank/Kahn 1998) bezeichnete Abgrenzung – manchmal einseitig, gelegentlich auch gegenseitig und in unterschiedlicher Ausprägung beobachtbar – dürfte zumindest teilweise erklären, warum sich Kinder einer Familie häufig auseinanderentwickeln. Dabei spielt das elterliche Verhalten eine wichtige Rolle.

Bevorzugung und Benachteiligung, Rivalität und EifersuchtElternbildung

Die elterliche Ungleichbehandlung der Geschwister wird seit einigen Jahren von der Forschung thematisiert: in einer Untersuchung von Klagsbrun (2001) gaben 84% der Befragten an, ihre Eltern hätten eines der Kinder vorgezogen! Dass die starke Rivalitätsförderung zwischen Geschwistern durch die Ungleichbehandlung durch die Eltern häufig provoziert wird, betonen auch Wallerstein & Lewis (2007). Auch eine Auswertung von 120 Studien von Suitor et al. (2008) kommt zum Schluss: Ein Kind in der Familie zu bevorzugen ist eher die Regel als die Ausnahme.

Eifersucht ist ein gesundes Gefühl, solange Geschwister dadurch in konstruktiver Weise konkurrieren, sich angespornt fühlen und Mittel einsetzen, die für sie und andere langfristig nicht schädlich sind. Mit Eifersucht ist aber häufig auch ein großer Schmerz verbunden: Man fühlt sich – zu Recht oder nicht – weniger geliebt, benachteiligt, empfindet sich im Vergleich inkompetenter, zweitrangig. Daraus können tiefe Wunden entstehen, die sogar jahrelang oder bis zum Tode andauern. In vielen Fällen bietet die Geburt eines neuen Geschwisters den Anlass für Eifersucht. Eifersüchtigen Geschwistern gemeinsam ist das Gefühl, zu kurz zu kommen, die Anerkennung und Zuwendung zu verlieren, benachteiligt zu sein.

Modelle, Vorbilder, RessourcenElternbildung

Geschwister sind neben den Eltern in der Regel die nächsten Beziehungs- und Bindungspersonen (Bank/Kahn 1998), mit denen sie die ganze Bandbreite von Gefühlen, Reaktionen und Handlungsmuster ausprobieren, durchspielen und modifizieren können: ein wichtiges Trainingsfeld für alle späteren Beziehungen! Geschwister vergleichen und bewerten sich, bewundern und kritisieren sich gegenseitig, sagen einander die Meinung, rivalisieren miteinander, helfen und streiten, lieben und hassen sich, richten sich aneinander aus, üben Macht aus oder unterziehen sich dem mächtigeren Geschwister, passen sich an, wollen ganz anders sein oder den anderen übertreffen, erziehen sich (Kreuzer 2016). Aufwärtsvergleiche mit einem überlegenen Geschwister liefern Informationen zu einem Rückstand – und können das Selbstwertgefühl schwächen oder die Motivation antreiben, Abwärtsvergleiche mit einem unterlegenen Geschwister dienen vor allem dem Bedürfnis nach Selbstwertsteigerung oder -schutz (vgl. Ferring et al. 2002).

In vielen Fällen helfen Geschwister einander bei Hausaufgaben, sind ZuhörerInnen bei ersten Liebesproblemen, geben einander Halt in schwierigen Situationen. Besonders ältere Geschwister vermögen mit ihrem altersbedingten und kognitiven Vorsprung ihren jüngeren Geschwistern häufig eine wichtige Hilfe zu sein. Die ältere Schwester als Lehrerin, Vorbild und Helferin ist vor allem bei Schwestern eine häufige Variante: Wer sich in der wichtigen Zeit des Erwachsenwerdens auf eine verständnisvolle Schwester abstützen kann, verfügt über eine unschätzbare Hilfe!

Wichtige Aspekte zum individuellen Verständnis von GeschwisternElternbildung

Krasse Simplifizierungen in der Ratgeberliteratur tragen wenig zur sachlichen Erhellung der Geschwisterthematik bei. Stattdessen geht es darum, die individuelle Situation und Perspektive des einzelnen Kindes zu erfassen und zu verstehen (Dunn/Plomin 1996). Für das Verständnis der Geschwisterkinder ist es zentral, so weit möglich eine individuelle Analyse der familiären Situation (alle Beziehungen, Systeme und Subsysteme, subjektive Wahrnehmungsmuster usw.) vorzunehmen. Dazu gehören weitere grundlegende Aspekte zum individuellen Verständnis (vgl. Frick 2015) wie: 1. die einzelnen Rollen und Nischen der Geschwister in der Familie, 2. der Geschlechterkontext (z.B. bezüglich Rollenzuschreibungen), 3. die Beziehungen von Mutter und Vater zu den einzelnen Geschwistern mit ihren individuellen – bewussten und unbewussten – Erwartungen und Reaktionen, allfälligen Präferenzen, 4. weitere wichtige einflussreiche Personen wie Großeltern oder Lehrpersonen, 5. die individuelle, subjektiv-persönliche Wahrnehmung der einzelnen Geschwister sowie die (mehrheitlich unbewusste) Interpretation der eigenen Geschwistersituation.

Was sind weitere wichtige Einflussfaktoren auf Geschwisterbeziehungen?Elternbildung

Hier seien nur kurz einige ergänzend erwähnt (Frick 2015): Der Altersabstand (je kleiner, desto eher eine intensivere Beziehung, aber auch mehr Rivalitäten), das Geschlecht (Gleichgeschlechtlichkeit begünstigt tendenziell wechselseitige Identifikationsprozesse),  das individuelle Verhältnis der Eltern zu den einzelnen Kindern (Beziehung, Sympathie, Erwartungen usw.), die Geschwistersituation der Eltern selber und ihre Folgen (hat die Mutter beispielsweise als Jüngste gelitten und darum besondere Sympathie zum jüngsten Kind?), außerfamiliäre Bezugspersonen wie Großeltern oder Lehrpersonen (diese können bei benachteiligten oder abgelehnten Kindern zu besonders wichtigen Bezugspersonen werden!), besondere Merkmale der Geschwister (z.B. schwere oder chronische Krankheiten, Behinderungen usw.), die Zeit und Aufmerksamkeit der Eltern binden. Blanz et al. (2006) weisen aus klinischer Erfahrung bezüglich der Eifersucht auf eine mögliche Chronifizierung der Geschwisterrivalität hin. Gemäß ihren Erkenntnissen berichten immerhin 14 % der 8-Jährigen, 10 % der 13-Jährigen sowie 2 % der 18-Jährigen selbst über eine erhebliche Geschwisterrivalität.

Und schließlich prägt das spätere Leben im Erwachsenenalter (Beruf, Partner, Schicksalsschläge usw.) die weitere Geschwisterbeziehung – in die eine oder andere Richtung.

Anschrift des Verfassers

Prof. Dr. Jürg Frick, Rietlirain 44, CH-8713 Uerikon, juerg.frick@phzh.ch, www.juergfrick.ch

Ausgewählte Literatur

Bank, S.; Kahn, M. (1998). Geschwister-Bindung. München: Dtv

Blanz, B. et al. (2006). Psychische Störungen im Kindes- und Jugendalter. Stuttgart: Schattauer

Dunn, J.; Plomin, R. (1996). Warum Geschwister so verschieden sind. Stuttgart: Klett-Cotta

Ferring, D. et al. (2002). Soziale Vergleiche zwischen Geschwistern im frühen Erwachsenenalter. Zeitschrift für Entwicklungspsychologie und pädagogische Psychologie, 3, S. 174-183

Frick, J. (2015). Ich mag dich – du nervst mich! Geschwister und ihre Bedeutung für das Leben. 4. Auflage. Bern: Huber

Kreuzer, Tilmann F. (2016). Geschwister als Erzieher?! Bedingungsgefüge, Beziehung und erzieherisches Feld. Paderborn: Ferdinand Schöningh

Klagsbrun, Francine (2001). Der Geschwisterkomplex. Liebe und Hass, Rivalität und Zusammenhalt – ein Leben lang? München: Heyne

Rohrer, J.M. et al. (2015): Examing the effects of birth order on personality. PNAS vol. 112, number 46, p. 14224-14229. www.pnas.org/cgi/doi/10.1073/pnas.1506451112

Suitor, J.J.; Sechrist, J. et al. (2008): Within-family differences in parent-child relations across the life course. Current Directions in Psychological Science, 17 (5), 2008, 334-338

Wallerstein, J.; Lewis, J.M. (2007): Sibling outcomes ad disparate parenting and stepparenting after divorce. Report from a 10-year longitudinal study. Psychoanalytic Psychology, 24 (3), 445-458

Korrespondenzadresse:

Prof. Dr. Jürg Frick, emeritiert. Pädagogische Hochschule Zürich. Rietlirain 44, CH-8713 Uerikon. E-Mail: juerg.frick@bluewin.ch


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