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Mehrsprachigkeit, Alter und Fremdsprachenlernen in der Schule

von Prof. Dr. habil. Simone E. Pfenninger

In der Diskussion um das fremd- oder mehrsprachige Schulcurriculum Europa gibt es grundsätzlich drei Volksweisheiten (und dementsprechend auch drei große Forschungslinien), welche interessante Gegensätze aufweisen:

  • Erstens, dass man in der „Erstsprache“ gefestigt sein muss, um in einer Fremdsprache gute Kenntnisse aufbauen zu können (v.a. was Lese- und Schreibfähigkeiten angeht);
  • zweitens, dass frühkindliches Lernen im schulischen Bereich ein langfristig besseres Niveau garantiert, bzw. der „je früher, desto bester“-Gedanke als Hoffnungsträger für individuelle Mehrsprachigkeit – und Mehrsprachigkeit als Vorteil auf kognitiver Ebene (z.B. vielfältigere, facettenreichere Formen der Handhabung von Wissen), aber auch auf einer sozialen und strategischen Ebene (z.B. Strategien der Problemlösung und Entscheidungsfindung); und
  • drittens, dass mehrsprachige Schülerinnen und Schüler – v.a. solche aus dem Migrationsbereich – mit dem gleichzeitigen Lernen verschiedener Sprachen überfordert sind, insbesondere in einer Sprachsituation wie derjenigen in der Deutschschweiz und Teilen Österreichs, wo faktisch die gesprochenen alemannischen Dialekte (z.B. ‚Schweizerdeutsch’), die Standardsprache (die auch Schriftsprache und Schulsprache ist) und die unterrichtete/n Fremdsprache/n parallel gelernt werden müssen.

Interessant sind diese Gegensätze nicht nur in Hinblick auf die Einstellung von Dialektsprechern zur Standardsprache, sondern vor allem in Bezug auf die Konsequenzen für den muttersprachlichen wie für den Fremd- bzw. Zweitsprache-Unterricht. Diese Themen sind insofern auch von großer Relevanz, weil es seit den 1990er Jahren in Europa den bildungspolitischen Trend gibt, mit dem Fremdsprachenunterricht bereits in der Volksschule zu beginnen.

Je früher desto besser? Und für wen?
In der empirischen Langzeitstudie „Beyond Age Effects“ (2008-2017) mit über 800 Gymnasiast/-innen gingen wir der Frage des idealen Alters nach, in welchem in der Schule mit dem Erlernen der Standardsprache als Zweit- oder Drittsprache und Englisch als Dritt- (vor Französisch) oder Viertsprache (nach Französisch) in der Deutschschweiz begonnen werden soll. Die Resultate der 2008 in Zürich gestarteten und 2017 in Salzburg abgeschlossenen Studie zeigen, dass die Situation im schulischen Kontext anders ist als beim natürlichen Zweitsprachenerwerb (z.B. in der Zielkultur oder zu Hause). So wie der Fremdsprachenunterricht momentan in Europa durchgeführt wird, haben Früh-Lernende in der Schule keine besseren Voraussetzungen ein weit fortgeschrittenes zweitsprachliches Niveau zu erreichen, weder in Bezug auf die Lerngeschwindigkeit noch auf das Niveau am Ende der obligatorischen Schulzeit. Nur eine der vier getesteten Lerngruppen (1. einsprachige Deutschschweizer Kinder, 2. von Geburt an bilingual, 3. bilingual und biliteral/also mit Lese- und Schreibfähigkeiten in beiden Muttersprachen, 4. sukzessiv zweisprachig, d.h. Kinder mit Migrationshintergrund) konnte langfristig vom frühen Fremdsprachenunterricht profitieren: Kinder, die zweisprachig (Dialekt plus eine zusätzliche Sprache) aufwuchsen und in Wort UND Schrift in der Standardsprache sowie der Minoritätssprache – also die zu Hause gesprochene Minderheitssprache – vom familiären Umfeld substantiell unterstützt wurden. Das Alter zu Lernbeginn einer Fremdsprache ist offenkundig ein relativ schwacher Prädiktor des Lernerfolgs. Andere Faktoren wie die Art und Intensität des Unterrichts, die Lernmotivation, die Unterstützung der Eltern, der Klassenverband, der Einfluss der Mitschüler oder die außerschulische Expositionsdauer fielen stärker ins Gewicht. Konzentrierte Unterrichtsdispositive, also bilingualer Sach-Fachunterricht, haben sich z.B. als äußerst erfolgreich und vielversprechend erwiesen.

Fremdsprachenlernen zwischen Dialekt, Standard und Minderheitssprachen
Darüber hinaus fanden wir einen starken Zusammenhang zwischen schriftlichen Deutsch- und Englischkenntnissen: Wer gut im Deutsch oder einer anderen Erstprache war, konnte diesen Vorteil auf die Fremdsprache übertragen, völlig unabhängig vom Alter bei Lernbeginn der Fremdsprache oder vom biologischen Alter. Daneben konnten auch positive Formen (positiver Transfer) vom Einfluss des Dialekts auf Englisch bei schweizerdeutschen Schülerinnen und Schüler nachgewiesen werden (im Vergleich zu deutschen Schulkindern ohne Dialektkenntnisse).

Solche Resultate rücken den Stellenwert des Dialekts im Unterricht, die Bedeutung der Schriftsprache (auch wenn es sich dabei nicht um die Muttervarietät handelt), sowie die Notwendigkeit von sinnvollen Vorschlägen für die langfristige Förderung von literalen Fähigkeiten (z.B. Schreibförderung) in Minderheitssprachen ins Blickfeld. Ein weiteres Fazit der Studie ist, dass langfristig keine problematischen Konsequenzen eines frühen Fremdsprachenunterrichts für Schülerinnen und Schüler aus dem Migrationsbereich befürchtet werden müssen – mehrsprachige Kinder sind aber auch nicht automatisch bessere Fremdsprachenlernende! Angesichts der facettenreichen Erfahrungen von Mehrsprachigen und unterschiedlichen Bedingungen, unter denen Spracherwerb und –gebrauch stattfinden, muss man vorsichtig mit der These sein, dass Mehrsprachigkeit per se einen geistigen Vorsprung verschafft.

 


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