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Erschöpfung – Zeichen unserer Zeit auch bei Kindern und Jugendlichen?

von Prof. Dr. med Michael Schulte-Markwort

Erschöpfung ist DAS Zeichen unserer Zeit. Im Erwachsenenalter schon lange anerkannt, ist Burnout als Diagnose weit verbreitet. Burnout ist eine ernst zu nehmende Krankheit unserer Zeit. Jetzt ist sie auch bei unseren Kindern angekommen. Die Burnout-Kids sind nicht mehr zu übersehen.

„Ich kann nicht mehr!“, „Ich weiß nicht, wie ich das schaffen soll.“, „Ich bin erschöpft, traurig und mein Leben ist sinnlos geworden“ – das sind die Sätze, die ich von Kindern und Jugendlichen in meiner Ambulanz höre. Sie befinden sich in einer verzweifelten Lage und wissen keinen Ausweg – und ihre Eltern auch nicht. Noch ist es keine große Gruppe von Patienten, aber wir sind gefordert, zu verhindern, dass es immer mehr werden.

Alle Anzeichen sprechen dafür, dass Burnout sich deutlich in das Kindes- und Jugendalter vorschiebt. Und die Verantwortung dafür tragen wir Erwachsene.

Ursachensuche
Es gibt keine einzelne Ursache dafür. Wir müssen zurückblicken in unsere jüngere Vergangenheit, die immer noch ihren Ursprung hat in den Folgen des Zweiten Weltkriegs und den gesellschaftlichen Strukturen des Aufbaus. Diese Zeit, die durch die (Ur-) Großeltern repräsentiert wird, ist gekennzeichnet durch Schuld und Verleugnung. Schuld durch die nationalsozialistische Zerstörung von Ländern und der Ermordung von Millionen von Menschen und Verleugnung im Wiederaufbau und in der Anhäufung von Schulden, die der jetzigen und den nächsten Generationen noch auf den Schultern liegen. Die Schuld und die Verleugnung sind nicht nur kollektive Phänomene, sondern sie finden ihren Niederschlag in Familiendynamiken. Dann vermitteln sich Schuld und Verleugnung über die Elterngeneration als ein Gefühl der Anstrengung und des Getrieben-Seins an die Enkel, die plötzlich scheinbar ohne Grund gestresst sind und ausbrennen bis zur Erschöpfungsdepression. Burnout wird zum Familienerbe und sich transgenerational fortsetzen von Generation zu Generation. Die Großeltern sind in der Regel nicht behandelt worden – und haben ihr Erbe unbewusst weitergereicht.

Die historischen Gründe werden flankiert von einer Fülle von Ursachen in unserer Gegenwart, und darauf haben wir Einfluss, hier gilt es, etwas zu ändern. Unsere Gegenwart ist gekennzeichnet von einer durchökonomisierten Welt, in der es um die Maximierung von Konsum und monetären Werten geht. Familien geraten in eine Ökonomiefalle, in der es immer um „Mehr“ geht und nicht um Qualität und Sinn. Egal, ob Hartz-IV oder Prachtstraße: Die Ökonomie bestimmt alles. Und wir wundern uns dann, wenn die Kids den Äußerlichkeiten, etwa der Designerjeans, hinterherrennen. Die Jagd nach den „Werten“ in Form der neuesten Mode wird zur Hetze, zum Marathonlauf, der kein Endziel hat. Und die jugendliche Shoppingqueen wird zum erschöpften Model auf dem täglichen digital begleiteten Catwalk – vergeblich auf der Suche nach Sinn und Wert, bis auch sie erschöpft und depressiv nicht mehr weiter kann. Die Ursache liegt nicht im Angebot, sondern in der Nachfrage der Kids, denen wir nicht vorleben, wie andere Werte entstehen können. Stattdessen lehnen wir uns innerlich zurück und schauen tatenlos zu, wie sie irgendwann ein Burnout haben. Das sollten wir ändern!

Familien
Familien sind wie Unternehmen, in denen alles klappen muss. Maximale Organisation ist die Devise, und wenn jemand ausfällt, ist die Katastrophe da. Eltern sind angestrengt und maximal darum bemüht, ihren Kindern beste Bedingungen zu liefern. Der Verzicht, den Kinder natürlicherweise mit sich bringen, wird kompensiert durch hohe Ansprüche an sich selbst – und an die Kinder. Eine Flut an Ratgeberliteratur macht nicht kompetenter, sondern angesichts der Fülle an widersprüchlichen Hinweisen vergrößert sich die Ratlosigkeit – unmittelbar den Kinder durch Eltern und Medien weitervermittelt. Ratlosigkeit ist jedoch kein guter Begleiter, wenn man weniger anfällig gegen Stress sein möchte.

Schöne neue Welt
Wir präsentieren unseren Kindern eine zersplitterte Welt: Auf der einen Seite unsere maximalen Bemühungen um das Wohl unserer Kids, um Demokratie und Frieden – und auf der anderen Seite religionsbasierte, in unseren Augen unglaubliche Destruktion, und dazu ein Wiederaufflammen des Kalten Krieges. Es scheint, als wollten wir den endgültigen Beweis dafür liefern, dass wir nicht friedensfähig sind. Das aber hat Auswirkungen auf unserer Kinder, die wir weltweit damit ängstigen, traumatisieren und denen wir im Aufwachsen vermitteln, dass die ganze Anstrengung vermutlich sinnlos sein wird.

Anstrengung aber ist eine Grundlage für Burnout, genauso wie Frust und das Gefühl, nichts ausrichten zu können.

In unserem Umfeld, auf das wir direkten Einfluss zu haben scheinen (zumindest sagen wir das den Kindern gerne), sind es die Mütter, die sich anstrengen, alles miteinander zu vereinbaren: die eigene Karriere, den Beruf, den Zuverdienst, dazu die Anforderungen an Frühförderung, die maximale Ausschöpfung der kindlichen Fähigkeiten und Talente. Diese Mama-Logistik findet ihren Niederschlag u.a. im Mama-Shuttle und der unersetzlichen Mama-Nachhilfe. Ohne diese unglaubliche Leistung der Mütter, die von unserer Gesellschaft nicht angemessen honoriert wird (auch dieser Frust der Mütter teilt sich den Kindern mit), würde „in Sachen Kinder“ nichts laufen. Und die Mütter sind mit der Abwehr des eigenen Burnout beschäftigt: Es bleibt ihnen gar nichts anderes übrig, als ihren Kindern ein Modell des erschöpften Ausgebranntseins vorzuleben. Das andauernde schlechte Gewissen dieser Mütter verstärkt den Kreislauf, der das Hamsterrad in den Köpfen der Kinder antreibt.

Digitale Welten
Um Eltern und Kids herum hat sich die digitale Welt etabliert, die mit ihren extrem narzisstischen Zuordnungen dafür sorgt, dass unserer Kids atemlos und gehetzt vor den Smartphones und Tablets sitzen, um keine Nachricht zu verpassen und mit Milliarden von Selfies zu dokumentieren , dass sie da sind, dass sie wichtig und hübsch sind. Digitale Medien sorgen weder für Dummheit noch für Vereinsamung. Doch wir Erwachsenen haben ein Umfeld geschaffen, in dem die Digitalisierung zum Leben unserer Kids dazu gehört, und wir können diese Medien nicht einfach wieder abschaffen, zumal wir sie selber intensiv nutzen. Wir sind allerdings gefordert, einen guten Umgang mit den digitalen Medien vorzuleben, ohne den einfachsten Weg zu gehen und versuchen, durch Verbote zu regulieren, was wir bei uns selbst nicht eindämmen können.

Trotz allen Wenn und Abers bleibt die Familie auch in unserer Zeit ein Ort der Sicherheit, der Fürsorglichkeit und der gegenseitigen Liebe. Wie eine Festung mutet sie an gegen die weltweite Destruktion und Traumatisierungsgefahr. Doch diese Sicherheit ist brüchig, weil immer mehr Eltern ausbrennen und erschöpft sind – und sie dies an ihre Kinder weitergeben.

Schule als Quelle von Erschöpfung
Kindheit ist ohne Schule nicht denkbar. Schule sollte ein Ort des motivierten, neugierigen und zufriedenen Lernens sein: Wir sind so weit davon entfernt, dass der Lernzustand (nicht: der Wissenszustand) unserer Kinder einer Bankrotterklärung des Schulsystems gleichkommt. Enttäuschte, demotivierte und pessimistische Kinder berichten mir täglich von Lehrern, die insbesondere am Gymnasium alle Verantwortung für den Lernerfolg auf die Kinder abwälzen, statt sich selbst zu hinterfragen. Dann sind die Kids aber spätestens mit dem Eintritt in die Oberstufe davon überzeugt, dass ein Abitur jenseits von 1,5 ein schlechtes Abitur ist. Der Druck steigt immens, und niemand – außer Mama – hilft auch nur ansatzweise bei der Bewältigung. Vor fünf Jahren waren das die ersten Burnout-Kids, die in meiner Ambulanz auftauchten: die erschöpft-depressiven Jugendlichen, die mit einer Fünfzig-Stunden-Woche versuchten, ein gutes Abitur zu erreichen. Heute werden die Patienten immer jünger, und ich habe Kinder vor mir, die schon am Ende der Grundschule in Stress geraten, weil sie unbedingt den Übergang auf das Gymnasium schaffen „wollen“. Ein Übergang, der nicht gut begleitet ist und zu einem Lernschock führt. Die Kids lernen eines dabei: ein Gefühl des Ausgeliefertseins, eine Einsamkeit im Ringen um die von uns, der Gesellschaft, gewollte Perfektion. Und von Seiten der Lehrer gibt es auch bei größter Anstrengung selten Lob, es fehlt an Wertschätzung, an Anerkennung für diese enorme Leistung. Spätestens von diesem Moment an werden die Kids von der Wahrnehmung begleitet, nie zu genügen, egal, wie sehr sie sich anstrengen. Unsere – und ich wähle bewusst das Wort „unsere“, weil wir als Erwachsenengesellschaft tatenlos zusehen – Pädagogik ist eine Pädagogik der Demotivation, der Enttäuschung und der Destruktion von Selbstbewusstsein, die entscheidend dazu beiträgt, dass Kinder ausbrennen.

Was tun?
Auch, wenn die gesellschaftlichen Bedingungen nicht ohne weiteres zu verändern sind: Analysieren Sie Ihre eigene Situation für sich, Ihre Familie und Ihre Kinder. Stellen Sie fest, in welcher Situation sich die Familie befindet. Welche Werte vermitteln Sie wirklich? Wer braucht in der Familie was? Stellen Sie die Möglichkeit zu authentischer, liebevoller Begegnung her und lassen Sie diese zum bestimmenden Faktor werden. Pflegen Sie innerfamiliäre Dialoge, sie sind hilfreich für Ihre Kinder wie für Sie. Sorgen Sie für Entspannung, für Eu-Stress, guten Stress, und für Spaß am Lernen. Kämpfen Sie für Ihre Kinder in der Schule. Suchen Sie den konstruktiven Dialog mit den Lehrern. Fordern Sie ein, was Ihnen wertvoll ist.

Scheuen Sie sich aber auch nicht, rechtzeitig bei Ihrem Kind Anzeichen von Burnout anzuerkennen. Vertrauen Sie darauf, dass Sie als Eltern die Experten für Ihr Kind sind. Suchen Sie rechtzeitig nach professioneller Hilfe, sei sie fachärztlich kinder- und jugendpsychiatrisch oder psychotherapeutisch. Wenn es notwendig wird: Enthalten Sie Ihrem Kind keine Medikamente vor.

Unterstützen Sie Ihr Kind dabei herauszufinden, welche Anforderungsprofile tatsächlich hilfreich sind, was im Kalender vorkommen muss – was aber auch nicht. Schaffen Sie Inseln der Gemeinsamkeit. Seien Sie fürsorglich – ohne sich selbst und die übrige Familie dabei zu vergessen. Verhindern Sie die Burnout-Kids.

Unsere Kinder sind wunderbar. Sie haben sich in den letzten dreißig Jahren mehrheitlich zu selbstbewussten, reflektierten, unglaublich liebenswerten Kindern und Jugendlichen entwickelt, die in zutiefst anrührender Weise um ihren Weg in das Leben ringen und sich maximal anstrengen. Sie wollen uns Geschenke machen, indem sie gut sind in der Schule – einer Schule, die mit dazu beiträgt, dass sie ausbrennen und erschöpft in den Ambulanzen auftauchen und behandelt werden müssen. Wir alle sind verantwortlich dafür, dass wir unsere Kids in die Mühlen werfen, denen wir selber entkommen möchten. Mühlen, die Seelen zermahlen, und blasse, angestrengte, und am Ende ausgebrannte Kinder ausspucken.

Wir müssen streiten. Streiten für unsere Kinder. Dazu brauchen wir dringend eine Wertediskussion: Welche Werte wollen wir vermitteln? Was für Lehrer mit welcher Pädagogik brauchen unsere Kids? Wollen wir das Prinzip Leistung in der Form, in der wir es derzeit unseren Kindern – und uns – zumuten? Wie wachsen zufriedene, lernbegierige Kinder heran? Wie können wir auch als Gesellschaft die Burnout-Kids verhindern?

Ausblick
Unsere Kinder sollen fürsorglich begleitet werden, stressresistent sein und rechtzeitig signalisieren, wenn etwas zu viel für sie wird. Kinder, die fraglos allen Leistungsanforderungen nachkommen, werden keine kritischen Gestalter der Welt. Unsere Kinder sollten gerne lernen und gerne zur Schule gehen. In einer Welt, die nicht atemlos fragwürdigen Werten hinterherjagt und die Kinder von einer Hürde zu nächsten hetzt.

Es ist unsere Aufgabe, die Entstehung von Burnout-Kids zu verhindern. Sie sind das Thermometer, das uns anzeigt, dass wir ein zu hohes Tempo gehen, dass das Fieber zu hoch ist. Wir müssen das Fieber senken. Wadenwickel helfen nicht mehr.

Der Befund, dass Burnout bei unseren Kindern angekommen ist, sollte uns alle aufrütteln, ob wir selbst Eltern sind oder nicht. Es sind nicht etwa überempfindliche Kinder, die am Anspruch unserer Wirklichkeit scheitern, sondern die von uns zu verantwortenden Lebens- und Lernbedingungen.

Lassen wir einen Dialog der Kindheit entstehen. Einen Dialog, der die Diskussion und den konstruktiven Streit nicht scheut. Und der vielleicht dafür sorgt, dass Burnout-Kids gepflegt und geheilt werden. Es gibt viele Expertenmeinungen. Sie alle pochen darauf, recht zu haben. Doch viel wichtiger als Rechthaberei ist es, dass wir als Gesellschaft uns infrage stellen. Damit ein Burnout seltener wird. Lassen Sie uns gemeinsam streiten für die Zukunft unserer Kinder.


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