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Verantwortung ermöglichen – von der Bewahrungs- zur Bewährungspädagogik

von Dipl. Sozialpäd. (FH) Jürgen Einwanger

 Kinder und Jugendliche müssen als eine der zentralen Lebenskompetenzen lernen dürfen, für sich selbst und ihr Umfeld gute Entscheidung zu treffen – dieser wichtige Lernprozess wird bereits bei kleinen Kindern grundgelegt. Für die dafür notwendige Verantwortungsübernahme braucht es aber Erwachsene, die bereit sind, Verantwortung zu übergeben. Die wichtigsten Lernbegleiter/innen sind und bleiben die Eltern. Die Alpenvereinsjugend bietet ergänzende Möglichkeiten für (fast) alle Altersstufen.

Entwicklung braucht Freiraum
Das Thema ist so alt wie die Menschheit: Entwicklung braucht Risiko! Wir würden wohl noch in Höhlen wohnen, hätten sicher keine Ahnung, dass die Welt rund ist, dass es mehrere Kontinente gibt, hätten kein Licht, … (die Aufzählung wäre im wahrsten Sinne des Wortes unendlich), wenn nicht irgendjemand neugierig geworden wäre, Fragen gestellt hätte und das Risiko eingegangen wäre, es auszukundschaften. Ohne diesen Drang zur Exploration wären „Fort-Schritte“, das Weitergehen auf einem Entwicklungsweg, die Evolution nicht möglich gewesen.

Entwicklung will gelernt sein
Wie im Großen, so braucht es auch für jede Alltagshandlung den Mut, explorativ zu sein – und Kinder haben diesen von Natur aus. Sie wollen sich entwickeln, dabei begleitet, anerkannt und geachtet werden. Zunehmend problematisch allerdings, dass, wie Eager und Little unter dem Titel „Risk deficit disorder“ ausführen, diese Entwicklungsfähigkeit teils gar nicht mehr gelernt wird. Vor allem, weil Eltern und Pädagog(inn)en nicht mehr bereit oder fähig sind, ihre eigenen Komfortzonen als Entwicklungsbegleiter zu verlassen – ihre Ängste stehen dem Drang von Kindern, sich auszuprobieren, im Weg.

Entwicklung ist riskant
Dass die Auseinandersetzung mit dem Thema nicht neu ist, zeigt der Blick 100 Jahre zurück. Bereits 1919 hat der polnische Kinderarzt und Pädagoge Janus Korczak das „Recht des Kindes auf den eigenen Tod“ als eines der drei Grundrechte formuliert. Das Buch, in dem diese Grundrechte ausgeführt werden, hieß „Wie man ein Kind lieben soll“, das Kapitel „Wie liebt man Kinder“. Er hat also die Liebe zum Kind als Motivation gesehen, den Freiraum zu gewähren, den es für Entwicklung braucht. Er hat damit aber auch deutlich gemacht, dass, in letzter Konsequenz, und damit provoziert er ja bewusst schon beim Titel, die Inanspruchnahme dieses Rechts auch dramatisch enden kann. Wobei er nicht den leichtfertigen Umgang mit dem Tot postulierte, sondern in erster Linie schon damals eine andere Fehlerkultur einforderte: „Gemeint ist die radikale Forderung nach der Selbstständigkeit und Selbstbestimmung des Kindes und die Anerkennung, Fehler machen zu dürfen.“ (Korczakschule Wien). Und wie wir aus tausendfacher Erfahrung wissen, führen diese Fehler in den seltensten Fällen zum Tod, in fast allen Fälle aber zu wichtigen Lernerfahrungen. Neben dem Erfolg ist das Scheitern einer der zentralen Faktoren des Lernens. Für das eine wie das andere braucht es aber die Möglichkeit des Versuches.

Entwicklung braucht mutige Begleiter/innen
Korczak kritisiert also bereits vor 100 Jahren eine Erziehung, die durch Überversorgung und Dauerbehütung das Kind davon zurückhält, selbstständige Erfahrungen zu machen: „Du musst eben den Mut aufbringen, ein bisschen Angst um sein Leben auf dich zu nehmen“ (Janusz Korczak S.270). Dabei verbindet er zwei verknüpfte Forderungen: Die Erwachsenen müssen sich vor unnötiger Bevormundung, Drohungspraktiken und Misstrauen fernhalten und dem Kind Handlungsfähigkeit zugestehen, indem das Kind Entscheidungswille und Verantwortung übernehmen kann (Friedhelm Beiner S.28). Es scheint aber eine der schwierigsten Anforderungen an Eltern und andere Begleiter von Kindern und Jugendliche zu sein, diese Freiräume zuzulassen.

Entwicklung und Fehlentwicklungen
Der Mensch lernt durch Ausprobieren. Ein Beispiel, das gut verstanden und breit akzeptiert wird, ist das „Gehen-Lernen“. Gehen kann kein Kleinkind ab dem ersten Versuch. Gehen wird u.a. über Stürzen, also den Misserfolg und den erneuten Versuch, erlernt. Dabei ist ein Kind nicht allein – es gibt z.B. Eltern, die die Rahmenbedingungen des Lernens gestalten.

Auch hier gab es vor einigen Jahren Fehlentwicklungen, als einer Generation Eltern glaubhaft der Sinn von Lauflernwägen als Unterstützung des Lernprozesses „Gehen“ vermittelt wurde. Kinder lernten dabei zwar ebenfalls „Gehen“, aber sie lernten nicht mit „Fallen“ als mögliche Folge ihrer Handlung umzugehen. Resultat war, dass die Verletzungsmuster sich dramatisch veränderten, weil Abfangen und Abrollen nicht geübt werden konnten. Ein Indiz dafür, dass zu einem vollständigen Lernprozess auch die Möglichkeit des „Scheiterns“ und der damit verbundenen Entwicklung individueller Risikoabschätzung dazugehört.

Oder um es frei nach den Worten des Kabarettisten Dieter Nuhr zu sagen: Statt „Lauf nicht, sonst fällst du hin!“ muss es heißen „Lauf, sonst fällst du nicht!“

Welche Risiken sind wichtig?
In den letzten Jahren wurde z.B. vielfach das Verhalten auf Spielplätzen untersucht. Die Studie „Sichere Spielplätze hemmen Entwicklung“ beschreibt als ein Resultat „sechs Risiken, die ein Spielplatz erfüllen sollte“ und betont deren Wichtigkeit. Diese sind: Das Erforschen von Höhe, das Erleben von hoher Geschwindigkeit, der Umgang mit gefährlichen Gegenständen, die Nähe von gefährlichen Ereignissen (Feuer, Wasser), wildes Spielen (raufen) und das selbstständige Weggehen von einer erwachsenen Aufsichtsperson.

Je nach Umgebung und Lebensbedingungen sind auch andere Themen entscheidend. Im urbanen Umfeld sollte die Einschätzung komplexer Verkehrssituationen gelernt werden, in der Wildnis der Umgang mit Natur-Risiken.

Ab welchem Alter?
Nach heutigem Erkenntnisstand ist es das Beste, die Kinder schon früh an Herausforderungen heranzuführen. Kinder wenden bei ihrem Spielverhalten die Methode der „Schrittweisen Annäherung“ an, indem sie sich immer gefährlicheren Situationen aussetzen und so ihre Grenze erkennen. Das Fehlen dieser Erfahrungen, z.B. durch die Angst der Eltern vor harmlosen Verletzungen, führt oft zu ängstlicheren Kindern mit höherer Neigung zu schweren physischen Verletzungen und psychischen Erkrankungen.

Im Standardinterview vom 3.7.2018 zitiert Lilly Shananhan aus der von ihr mitbetreuten Studie Helicopter Parenting May Negatively Affect Children’s Emotional Well-Being, Behavior: „Unsere Studie zeigte, dass schon Eltern von Zweijährigen ihren Kindern einen gewissen Grad an Unabhängigkeit erlauben sollten, wenn es darum geht, altersgerechte Probleme zu lösen, etwa wie man mit einem neuen Spielzeug spielt oder wie man nach dem Spielen aufräumt. Es ist wichtig, dass Kinder die Möglichkeit haben, den Umgang mit neuen Herausforderungen und auch Frustrationen zu erlernen, wobei die Eltern durchaus helfen können, wenn die Herausforderungen für ein zweijähriges Kind zu schwierig oder zu komplex werden.“

Ein Leben ohne Risiko?
Zu ähnlichen Ergebnissen kam auch die Studie „Safe outdoor play for young children“. Wenn Kinder nicht mehr die Möglichkeit zu aufregendem und selbstgesteuertem Spielverhalten haben, hat das nicht nur negative Auswirkungen auf ihre körperliche Fitness, sondern auch auf ihre soziale, emotionale und intellektuelle Entwicklung. Das größte Risiko ist es also offenbar, wenn es kein Risiko mehr beim Spielen gibt. Oder anders gesagt „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“, denn dieses Erfahrungsdefizit wirkt sich in Biografien von Jugendlichen und Erwachsenen weiter aus.

„Unterforderung erzeugt Langeweile – Überforderung erzeug Frust“. Gelingt es, für unsere Kinder eine Balance innerhalb dieses Spektrums herzustellen ist das ein erster Schritt von der Bewahrungs- zur Bewährungspädagogik. Eltern wie Pädagog(inn)en müssen wieder mehr „Mut zum Risiko“ entwickeln, um Kinder und Jugendliche beim Betreten von für sie neuen und damit mit Unwägbarkeiten verbundenen Risikoräumen zu begleiten. Diese zuzulassen heißt Entwicklung zuzulassen – diese aus eigenen Ängsten zu verhindern heißt Entwicklung zu hemmen!

Wie viel Freiheit gibt es noch?
Viele werden sich auch in dem Beispiel von Andreas Weber wiederfinden. Er beschreibt eine vielen von uns bekannte Entwicklung am Beispiel einer Familie im britischen Sheffield. „Der Urgroßvater war in den 1920er Jahren im Alter von acht Jahren zehn Kilometer zu seiner Lieblingsangelstelle marschiert. Sein Schwiegersohn durfte nach dem Krieg, gleichermaßen achtjährig, durch den anderthalb Kilometer entfernten Wald streifen. Auch zur Schule ging er allein. Dessen Tochter stand es in den 1970er Jahren immerhin frei, mit dem Rad durch die Nachbarschaft zum Schwimmen zu fahren. Ihr eigener Sohn jedoch, ebenfalls acht, darf sich allein nur bis ans Ende der Straße bewegen – und wird mit dem Auto zur Schule kutschiert.“ Die emotional geführten Diskussionen über „Fahrverbote vor Schulen“ in Salzburg im September 2017 weist auf die Aktualität des Themas hin – viele Eltern haben Angst um ihr Kind, wenn dies zu Fuß den Schulweg bestreiten soll.

Welche Wahl haben Kinder noch?
Es ist ja durchaus nachvollziehbar, dass sich die Bedeutung von Kindern für die Biografie der Eltern völlig verändert hat und damit auch deren Ängste und Besorgtheit steigt. Die „Unversehrtheit des (oft einzigen) Kindes“ steht im vollen Aufmerksamkeitsfokus der Familie. Das Kind ist Mittelpunkt des Lebens für die beiden Eltern, eventuell für vier Großeltern und vielleicht auch noch für einige kinderlose Onkels und Tanten… Dieser Gedankengang wird inzwischen oft verwendet und kann als ein möglicher Aspekt für die stetig steigende Überbehütung gelten. Selbstverständlich gibt es noch eine ganze Reihe anderer Gründe für diese Veränderungen. Kinder und Jugendliche haben scheinbar keine große Wahl mehr. Eigenverantwortliche Bewegungs-Spiel-Räume sind eher eine Seltenheit geworden. Damit Kinder lernen können, die für sich richtige Entscheidung zu treffen und damit das Ausmaß der Herausforderung zu wählen, muss es aber auch etwas zu entscheiden geben, braucht es fordernde Situationen.

Lernen, mit Unsicherheit zu leben
Eine Gesellschaft hat die Aufgabe, die kommende Generation auf ihr Leben vorzubereiten. In Zeiten zunehmender Verunsicherung ist dies ein immer komplexer werdendes Anliegen. Ein Begriff, der hier immer öfter auftaucht, ist die Ambiguitätstoleranz. Eine Fähigkeit, die die differenzierte Betrachtung von Widersprüchen und Irritationen ermöglicht und konstruktive Handlungsfähigkeit auch bei Verunsicherung erhält. Das frühe Erlernen, mit Unsicherheit umzugehen, hat einen enormen Einfluss auf die Ausprägung dieser Fähigkeit. Wer lernt, sich Herausforderungen und Risiken zu stellen, Lösungen zu suchen und flexibel immer wieder neue Situationen zu meistern, der kann diese Fähigkeiten aufbauen.

Um also unsere Kinder auf die Herausforderungen ihres Lebens vorzubereiten, müssen auch wir wieder lernen, mit offenen Situationen umzugehen und Abschied von der „Sicherheit“ nehmen, die es ohnehin nicht gibt.

Verantwortung übernehmen – ein Arbeitsschwerpunkt der Alpenvereinsjugend
„Verantwortung übernehmen“ ist das Thema des aktuellen Arbeitsschwerpunkts der Jugend des Österreichischen Alpenvereins. Auch für den Alpenverein gilt – das Thema ist nicht neu und um nicht allzu weit zurück zu gehen, lässt sich zumindest das 1998 verfasste „Risikomanifest“ als ein Grundstein für das dort postulierte „Recht auf Risiko“ und damit den oben erwähnten Abschied von der Sicherheit verstehen.

Kinder und Jugendliche in die Selbständigkeit zu begleiten ist Ziel aller Eltern. Das Angebot der Alpenvereinsjugend bietet dafür zusätzliche wichtige Lern- und Erfahrungswelten. Grundlage für die angestrebte Selbstermächtigung sind dafür notwendige pädagogische Haltungen. Einige kurze grundlegende und für die Arbeit der Alpenvereinsjugend leitende Gedanken dazu:

Beziehung und Ermutigung
Jeder weiß, wie Lernen funktioniert, hat schon positive Erfahrungen gemacht und gelungenes Lernen erlebt. In erster Linie braucht es Neugierde und den Freiraum, selbst zu entdecken, Neues auszuprobieren. Schon als kleines Kind unterstützen uns dabei authentische Begleiter/innen, positive Beziehungen und Bestätigung. Lob und Anerkennung sind zentrale Lernmotivatoren. Aber auch die Möglichkeit, aus dem Scheitern lernen zu dürfen und die hilfreiche Fürsorge für weiteres Ausprobieren zu bekommen, fördert Kindern dabei, es selbst zu tun und damit Eigenständigkeit zu entwickeln.

Fragen sind klüger als Antworten
Nicht alles vorzugeben, Raum und Zeit für eigene Erfahrung zu lassen, das sind für uns Erwachsene oft große Herausforderungen. Es dauert länger – und wir haben doch keine Zeit! Das Ergebnis ist nicht so optimal – und wir wünschen uns Perfektion! Fragen zu beantworten ist aufwendig und nervig – und wir sind doch ohnehin schon im Stress! Ja, Handlungen sind schneller ausgeführt als erprobt, Fragen schneller beantwortet als erkundet – aber das Erleben von sich entwickelnden Kompetenzen und die Suche nach eigenen Lösungen und eigenen Antworten verankert die Lernerfahrung gänzlich anders als die oft zu rasch gegebene Hilfestellung und Antwort.

Zwischen Wurzeln und Flügeln
Khalil Gibran sagt: „Solange deine Kinder klein sind, gib ihnen Wurzeln, wenn sie größer werden, schenk‘ ihnen Flügel.“ Die Suche dieses fließenden Übergangs und der guten Balance zwischen diesen Polen, das ist das große Abenteuer von Erziehung. Immer braucht es beides, nur je nach Thema, Alter und Entwicklungsphase in unterschiedlicher Mixtur. Kindern und Jugendlichen auch „das Fliegen“ zuzutrauen, ohne ihnen „die Wurzeln“ zu entziehen, sie zu behüten und gleichzeitig über ihre Selbstwerdung zu staunen, verlangt ein gutes Gespür für Bindung und auch die Fähigkeit loszulassen.

Das Kribbeln im Bauch
Selbständig Neues zu versuchen, dabei einen Schritt weiter zu gehen als beim letzten Mal, die Spannung aufbauen, sie aushalten, es zu tun und dann die wohltuende Entspannung zu erleben, wenn es funktioniert hat … Dieses Kribbeln im Bauch spüren heißt, sich auf die anstehende Aufgabe fokussieren und sich mental wie körperlich auf die Herausforderung vorbereiten. Die Bewältigung macht Mut für weiteren Aufbruch, sie erweitert die „Komfortzone“ und ermöglicht die Integration der erweiterten Fähigkeiten. Denn bekanntlich wachsen wir an den uns gestellten Aufgaben.

Wahrnehmen – beurteilen – entscheiden
Entwickelt von risk´n´fun sind diese drei Begriffe zum konzeptionellen Faden für viele andere Angebote geworden. Gemeint ist, mit Kindern und Jugendlichen daran zu arbeiten, dass sie alle die Situation beeinflussenden Faktoren bei sich, der Gruppe und im Umfeld „wahrnehmen“. Damit sie diese Wahrnehmungen nutzen können, wird an der entsprechenden „Beurteilungskompetenz“ gefeilt. Wenn alle Faktoren in der Bedeutung für das eigene Handeln gut beurteilt werden können, und auch die Einflussfaktoren auf den Entscheidungsprozess Beachtung finden, sollte das Resultat „eine für sich und das Umfeld gute Entscheidung“ sein.

Break – look at your friend – reflect
Diesen Moment der Entscheidung nennt das (von der Alpenvereinsjugend mitentwickelte) Konzept „risflecting®“ als eine der drei Kulturtechniken den „break“. Als zweite meint „Look at your friends“ vor allem „Schau, wer deine Freunde sind – und schaut aufeinander, wenn ihr gemeinsam unterwegs seid“ während „reflect“ den Austausch über und die Integration von Erfahrungen in das alltägliche Leben meint.

Themenschwerpunkt – Praxisbeispiele
Beziehung, Ermutigung, Fragen stellen, Flügel geben, Kribbeln ermöglichen, wahrnehmen, break und vieles mehr. All das sind Zutaten, die in einigen Angeboten der Familien- und Jugendarbeit des Alpenvereins ganz besonders Beachtung finden. Um die Angebote zusätzlich auszubauen, setzt die Alpenvereinsjugend für 2017 bis 2019 einen thematischen Schwerpunkt unter dem Motto „Verantwortung ermöglichen“. Einiges gibt es bereits seit vielen Jahren, anderes wird neu entwickelt. Hier ein kurzer Überblick mit einzelnen Praxistipps:

Angebote für Familien: Familiencamps
Seit 2017 führt die Alpenvereinsjugend Sommercamps unter dem Motto „Mut zum Risiko – Kinder brauchen Abenteuer und Eltern, die sie dabei begleiten“ durch. Hier geht es vor allem um den gemeinsamen Entwicklungsraum und die individuelle Annäherung an den Umgang mit Risiken, denn Nichts geschieht ohne Risiko, aber ohne Risiko geschieht auch nichts!“ (Walter Scheel) www.freunde-treffen.at

TIPP: Eigenständiges Erkunden: Kinder sind Entdecker – so eignen sie sich ihre Umwelt an. Bei den Kindern ab 6 Jahren funktioniert es beispielsweise hervorragend, den für sie neuen Platz in kleinen Gruppen (ohne Erwachsene) zu erkunden, um dann auf einer selbst gezeichneten „Landkarte“ den Erwachsenen zu erklären, was wo ist, welche Orte riskant oder gar gefährlich sind und was an diesen Orten zu beachten ist – sie stellen „Regeln und Vereinbarungen“ für den Umgang mit diesen Orten auf: z.B. „Wenn wir gemeinsam auf den hohen Felsen klettern, passen wir gut aufeinander auf und schubsen nicht.“

Angebote für Schulen: Schulprogramme
Soziales Lernen ist inzwischen in vielen Schulstufen zum fixen Inhalt geworden. So vielfältig das Thema, so speziell die Angebote. Ob zu den Themen Übergänge, Gesundheitscoaching oder der Suche nach Risikobalance – die von Experten begleiteten Schulprogramme bieten hier sehr differenzierte Zugänge. www.alpenvereinsjugend.at/schulprogramme

TIPP: Je nach Alter Übungen und Aufgaben anbieten, bei denen eigene Verhaltensstrategien wahrgenommen und in ihrer Sinnhaftigkeit zunächst positiv und wertschätzend betrachtet werden. Gemeinsam mit einem „Coach“ (das kann auch ein/e Mitschüler/in sein) werden Alternativen überlegt, was ggf. an Veränderung ansteht und was es dafür braucht. Wenn möglich, wird der neue Umgang auch gleich erprobt.

Angebote für Kinder und Jugendliche: risk´n´fun kids
Das Risiko (das es für Entwicklung braucht) mit Spaß (der Lust, die jede intrinsische Motivation begleitet) zu verbinden steckt bereits im Titel dieser Angebote. Risk´n´fun für über 16jährige gibt es seit dem Jahr 2000. Seit 2016 gibt es zusätzlich „bike&climb“ Camps, die 12 -15jährige nach dem Motto „wahrnehmen – beurteilen – entscheiden“ beim Finden guter Entscheidungsstrategien unterstützen. www.risk-fun.com

TIPP: buddy – System: In dieser Altersspanne geht es vor allem auch darum, die Verantwortung in die Peergruppe zu legen, das meint z.B., dass nicht mehr Erwachsene, sondern buddys den „letzten Blick“ auf den Sicherungsknoten werfen, dass „zwei und zwei“ im Sinne von „look at your friend“ Verantwortung für einander übernehmen und diese Autonomie auch von den Erwachsenen ernst genommen wird, indem die „kids“ in Zweiergruppen alleine durch den bike-park fahren oder sich gemeinsam (ohne Erwachsene) darum kümmern, dass es allen gut geht – z.B. beim Frühstück machen.

Angebote für Jugendliche und junge Erwachsene: Junge Alpinisten
Erfahrene Mentor(inn)en begleiten junge Menschen! Dieser Lernansatz wird bei den jungen Alpinisten konsequent gelebt. Für motivierte Bergfexe zwischen 14 und 20 gibt’s die YOUNGSTERS – Kurse; für ambitionierte Alpinisten zwischen 18 – 22 Jahren steht das TEAM offen. Außerdem können entsprechende Sektionsunternehmungen gefördert werden. www.junge-alpinisten.at.

TIPP: Tourenplanung – Tourenführung: Unterstützt durch die Mentor(inn)en werden z.B. alpine Kletterrouten geplant. Die Planung wird in Teams (z.B. Seilschaft) ausgearbeitet und dokumentiert. Bei der Ausführung sind die Mentor(inn)en zwar in der Nähe, aber die Tour wird nach der vorangegangen intensiven Vorbereitung von den Jungen Alpininste alleine bewältigt – was gut gepasst hat und was es noch zu verbessern gilt wird besprochen und die gemachte Erfahrung für die nächste Tour genutzt.

Das Thema vertiefen
In dem Seminar „Verantwortung ermöglichen“ können Interessierte diskutieren und sich ihren Zugang zum Thema erarbeiten. Wer sich intensiver damit beschäftigen will, kann den risflecting© Studienweg nutzen, www.alpenverein-akademie.at (unter Führen & Leiten). Einen guten Einstieg in das Thema bietet auch der Schwerpunkt „Kinder & Familie“ im Rahmen des Lehrgangs Alpinpädagogik, www.alpinpaedagogik.at , bei dessen Kursen es darum geht, gemeinsam mit den Kindern an der Entschleunigung und dem „Gestalten“ von Freiräumen zu arbeiten.

Vielfach hilft es uns Eltern, mit einem Schmunzeln im Gesicht über uns nachzudenken – nichts ist besser geeignet als die Sprache von Cartoons. Darum haben wir G.Sojer gebeten, in seiner Art dem Thema Ausdruck zu verleihen. Poster und Plakate sind realisiert und können bestellt werden. Mehr Information zum Schwerpunkt unter www.alpenvereinsjugend.at/verantwortung

Plakatserie Alpenvereinsjugend – G.Sojer

Literatur

  • Beiner, F. (2008): Die Grundrechte des Kindes als Basis der Pädagogik der Achtung. Gütersloher Verlagshaus,
  • Einwanger, J., Einwanger, J. (Hrsg.) (2007). Mut zum Risiko. München: Reinhardt Verlag.
  • Korczak, J. (1987): Wie man ein Kind lieben soll. Hrsg.: Elisabeth Heimpel, Hans Roos. Vandenhoeck & Ruprecht
  • Nuber U. (2012). Weil es oft anders kommt: Die Kunst, mit Unsicherheit zu leben Psychologie heute. Heft Nr.12/12 S.20-26
  • Weber, A. (2010). Kinder raus in die Natur! GEO Magazin, Nr. 8/10 S. 90 -110
  • www.news.ORF.at / Thema: „Studie: Sichere Spielplätze hemmen Entwicklung“ / Story: „Sichere Spielplätze hemmen Entwicklung“ (publiziert am 19.07.2011)
  • www.standard.at / STANDARD Zurück zur Natur / Malte Roeper „Bewegung im Freien ist ein Grundbedürfnis“ (publiziert 08. Juli 2011)
  • www.journalofplay.org / Pressetext, Redaktion Johannes Pernsteiner „Ausrottung des freien Spiels schadet Kindern – Psychologen warnen vor vollen Stundenplänen und zu viel Vorsicht“ (publiziert am 30.8.2011)
  • www.academia.edu/1479806/Risk_deficit_disorder David Eager and Helen Little
  • www.youtube.com/watch?v=x4ec-gnXVOc, Dieter Nuhr im Kabarettgipfel des ORF zum Thema Angst (19.2.2018)
  • https://korczakinfo.jimdo.com/korczak-schule-wien/kinderrechte/) (2.8.2018)
  • www.derstandard.at/2000082531036/Warum-Helikopter-Eltern-ihren-Kindern-schaden Interview mit Lilly Shanahan (3.7.2018)

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