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Abenteuer „Sauber werden“

von Christine Kügerl

Was ist „sauber werden“?

Bei Babys erfolgt der Ausscheidungsvorgang automatisch. Wenn die Harnblase einen gewissen Füllungszustand erreicht hat, öffnet sich der Schließmuskel der Harnröhre und der Harn kann abfließen. Ebenso automatisch erfolgt die Stuhlausscheidung. Wenn Kleinkinder „sauber werden“, müssen sie diese automatischen Körperfunktionen bewusst wahrnehmen und kontrollieren lernen. Das ist gar nicht so einfach.
Zwischen 18 und 30 Monaten sind die Nerven und Muskeln des Beckenbodens so weit entwickelt, dass ein Kind Schritt für Schritt die Ausscheidungsfunktion spüren und schließlich selbst steuern lernen kann. Kinder mit einem raschen Entwicklungstempo werden ca. ein Jahr früher „sauber“ als Kinder mit einem langsameren Entwicklungstempo. Dieses individuelle Entwicklungstempo ist angeboren und bei vielen Entwicklungsbereichen zu beobachten. Es hat daher keinen  Sinn, Kinder zu vergleichen.
Die meisten Kinder werden zwischen 2 ½  und 3 ½  Jahren am Tag sauber. In der Nacht werden Kinder meist erst ein Jahr später „trocken“. Erst wenn Kinder nach dem vierten Geburtstag noch fast ständig  am Tag einnässen, sollten Eltern dies mit ihrem Kinderarzt besprechen.
Meist spüren Kinder zuerst, dass „da etwas raus will“. Meist fließt bei dieser Wahrnehmung auch schon der Harn in die Windel oder in die Hose. Manche Kinder melden dies mit Worten wie: “Lulu!“, andere halten nur kurz inne oder zupfen an der Windel oder Hose oder machen sich durch andere Bewegungen bemerkbar. Wenn Eltern diese Zeichen verstehen und das Kind bestärken, z.B. durch: „ich hole schnell das Topferl“, unterstützen sie diese Entwicklung.  Auch  wenn die Hose gleichzeitig nass wird, können sie durch ein: „du merkst schon gut, dass dein Lulu da raus will“, die Wahrnehmungsfähigkeit des Kindes fördern. Mit Gelassenheit sollte das Kind dann gewickelt oder umgezogen werden.
Mit dem „Sauber werden“ hat das Kind eine schwierige Aufgabe zu bewältigen. Es muss etwas, was automatisch abgelaufen ist, stoppen und das Gegenteil machen. Wenn es den Harndrang spürt, muss es den Schließmuskel geschlossen lassen, sich melden, sich ausziehen und sich auf den Topf oder das WC setzten. Erst nach diesen vielen Tätigkeiten kann es den Schließmuskel wieder öffnen, um den Harn abfließen zu lassen. Wenn sich Erwachsene dies bewusst machen, verstehen sie besser, welche Leistung die Kinder eigentlich erbringen. In den ersten 1 ½ bis 3 Jahren hat das Kind ja täglich mehrmals erlebt, dass es folgend abläuft: Harndrang – automatische Öffnung des Schließmuskels – Abfließen des Harns und Schließen des Schließmuskels. Durch die Beschaffenheit der Windeln spürte das Kind auch kaum, dass es nach der Ausscheidung nass ist, und auch die Windel wurde meist unabhängig vom Ausscheidungsvorgang gewechselt.
Manchen Kindern hilft es, den Schließmuskel geschlossen zu halten, wenn  Mama oder Papa nach dem Ausruf des Kindes: „Lulu!!“ sagen: „fest zuhalten“, und mit dem Kind zum WC gehen oder es auf den Topf setzten. Dann kann ein: „jetzt kannst du wieder aufmachen“ bei der Entspannung des Beckenbodens nützlich sein.
Wenn das „Abenteuer“ gelungen ist, freuen sich Kinder über ihr Produkt, ihre Leistung. Sie empfinden in diesem Alter Harn und Stuhl als Teil ihres Körpers. Sie geben also einen Teil von sich her. Harn und Stuhl dort abzusetzen, wo die Eltern es wollen, also im Topf oder im WC, ist somit eine Art Geschenk des Kindes an die Eltern. Daher ist es für Kinder wichtig, dass sich die Eltern mitfreuen und loben.
Das entspannte Erleben des „Sauber werdens“ hat zusätzlich einen positiven Einfluss auf die Sexualentwicklung des Kindes. Der Ausscheidungsvorgang wird vom Kind lustvoll erlebt und es entwickelt eine differenzierte Wahrnehmung für seinen Beckenboden. In dieser Körperzone befinden sich die äußeren Geschlechtsorgane. Durch den natürlichen und entspannten Umgang der Eltern mit dem Kind beim WC-Besuch, beim Wickeln und Reinigen kann das Kind eine natürliche und lustvolle sowie selbstbestimmte Beziehung zu dieser Körperzone, zu seinen sexuellen Empfindungen und zu sich selbst entwickeln.

Den Schließmuskel unter Kontrolle bringen

Wenn Kinder den Druck in der Harnblase und im Enddarm spüren können und sich melden, dann benötigen sie Hilfe von ihren Eltern. Das Kind muss ja sein Spiel unterbrechen und mit der Bekleidung zurecht kommen. Bequeme Hosen, die sich rasch aus- und anziehen lassen, sind da sehr hilfreich. Aufmunterung durch ein: „Fein!! Dann komm` schnell mit zum WC“ und praktische Hilfe beim Ausziehen sowie Gelassenheit bei Missgeschicken sind wichtig.
Manchmal haben Kinder mit viel Mühe das „Zuhalten“ des Schließmuskels erlernt, aber nun klappt das „Öffnen“ am Topf oder WC nicht mehr. Das Kind ist „trocken“ am Topf oder WC gelandet und nun kommt „nichts raus“. Kinder sagen meist total treffend: „geht nicht.“ Auch wenn sie länger sitzen bleiben, kommt nichts raus. Erst wenn sie wieder gewickelt sind und die vertraute, warme Windel spüren, kann sich der Beckenboden entspannen und sie können „ihr Geschäft“ erledigen. In solchen Situationen braucht es einfach Geduld von den Eltern und immer wieder neue Versuche. Mit den Wiederholungen wird der Topf oder das WC für das Kind so vertraut, dass es sich auch dort entspannen kann.
Wenn der Topf bzw. die WC-Brille sich warm anfühlen, erleichtert dies dem Kind ebenfalls die Entspannung des Beckenbodens.
Kinder mit Problemen in der Körperwahrnehmung und Kinder mit Problemen in der Bewegungsentwicklung oder einer Entwicklungsverzögerung in diesem Bereich benötigen mehr Zeit, um die Muskeln des Beckenbodens kontrollieren und gezielt steuern zu können. Und auch die Eltern dieser Kinder benötigen mehr Geduld und Gelassenheit.
Wenn das Kind schließlich den gesamten Ablauf steuern kann, es sich meldet, Topf oder WC aufsucht und am „richtigen Platz“ Harn bzw. Stuhl absetzten kann, ist dies eine enorme Leistung. Dies gibt dem Kind Selbstvertrauen und macht es stolz. Daher strahlen Kinder nach einem „erfolgreichen Geschäft“ oft, wirken aufgeregt und wollen freudig „ihr Produkt“ Mama und Papa zeigen. Wenn sich die Eltern mitfreuen, ist dies die größte Belohnung.

Sauber werden und Selbstbestimmung

Das „Sauber werden“ fällt entwicklungspsychologisch in die Autonomiephase, die häufig als Trotzphase bezeichnet wird. So wie Kinder in dieser Zeit ihre Muskel immer besser kontrollieren lernen, wollen sie auch ihren Willen üben. Dabei haben Kinder Erfolgserlebnisse, wenn sie erreichen, was sie wollen, und wenn ihnen gelingt, was sie vorhaben. Und sie erleben Misserfolge bzw. Niederlagen, wenn es eben nicht nach ihrem Willen geht. Mit ihrem eigenen Körper geht es ihnen ebenso. Z.B. ist das Kind in ein Spiel vertieft und da meldet sich die Harnblase. Das Kind will noch weiterspielen, der Harndruck stört und dann ist die Hose auch schon nass. In solchen Situationen kann sich das Kind seinem eigenen Körper gegenüber ausgeliefert oder unterlegen fühlen. Es kann nicht bestimmen, wann Harn oder Stuhl „heraus wollen“. Es muss sich an seine Körperfunktionen anpassen. Das ist gar nicht so leicht.
Gleichzeitig erleben Kinder heute oft sehr viel Fremdbestimmung. Durch den beruflichen Alltag der Eltern, durch Kinderbetreuungszeiten und unseren vielfältigen Lebenswandel wird viel vorgegeben. Eltern und Kind müssen sich an Zeiten und Vorgaben halten. Dadurch können Kleinkinder vieles im Alltag nicht mehr mitbestimmen (z.B. Aufstehen, Essenszeiten, Abgeholt werden, freie Spielzeiten, Schlafen gehen, Wochenendprogramm,…).
Wenn der Alltag zu stark fremdbestimmt ist, wenn Freiräume für das eigene Tempo oder selbstbestimmtes Spiel sowie ausreichend entspannte Kuschelzeiten fehlen oder gar Stress überwiegt, dann können Kinder mit Harnverhalten oder Verstopfung reagieren. Beim Menschen sind Becken und die Muskulatur des Beckenbodens sehr stressempfindlich. Erwachsene kennen dies noch von Prüfungen. Vor Prüfungen muss man meist öfter aufs  WC und im Urlaub gibt es zu Beginn durch die neue Umgebung zeitweise Verstopfung. Bei Kindern ist dies ebenso. Bei Stress kann es vorkommen, dass sie wieder vermehrt einnässen oder Stuhl oder Harn zurück halten. Auch bei einer zu strengen Erziehung bleibt Kindern nur mehr das „Zumachen“ der Schließmuskel als Selbstkontrolle übrig. Wenn Eltern diese Symptome beobachten, braucht es Entspannung, Gelassenheit und Stressreduktion.
Auch zusätzliche Belastungen wie Übersiedlung, Geburt eines Geschwisterkindes oder Wiedereinstieg in den Beruf eines Elternteils, sowie andere Schicksalsschläge können Kinder so  belasten, dass beim „Sauberwerden“ eine Pause eingelegt werden muss. Erziehungs- oder Familienberatungsstellen unterstützen Eltern bei der Lösung solcher schwieriger Situationen.

Was brauchen Kinder beim „Sauber werden“?

Alle Kinder wollen „sauber werden“ und werden dies auch. Die eigenen Schließmuskeln kontrollieren zu können ist ein Entwicklungsthema jedes Kindes und nicht die Erziehungsleistung der Eltern.
Eltern können ihr Kind bei dieser Entwicklung jedoch hilfreich begleiten wenn sie folgendes berücksichtigen:

  • Warten Sie mit der Gewöhnung ans Töpfchen, bis ihr Kind von selbst Interesse daran zeigt.
  • Achten Sie auf Bewegungen oder Laute des Kindes, mit denen es zeigt, dass es den Ausscheidungsvorgang bemerkt.
  • Greifen Sie das Interesse des Kindes am WC und am WC-Besuch der Erwachsenen auf. Lassen Sie es dabei sein, wenn dies für Sie passt. Lassen Sie das Kind die Spülung betätigen.
  • Bringen Sie den Topf ins „Spiel“. Das Kind darf sich bekleidet darauf setzen oder mit seinem Lieblingstier „Topferlsitzen“ spielen.
  • Um sich mitteilen zu können, benötigt Ihr Kind leicht aussprechbare Namen für die Ausscheidungen. Sagen Sie z.B. deutlich: „da ist dein AA in der Windel.“  
  • Das Töpfchen darf für das Kind nicht unangenehm sein. Bieten Sie Ihrem Kind das Töpfchen oder die Toilette mit Kindersitz an, ohne Druck auszuüben. Nur wenn Ihr Kind von sich aus bereit ist, kann es selbstständig werden.
  • Loben Sie Ihr Kind, wenn etwas im Töpfchen ist.
  • Die Ausscheidungsvorgänge gehören zu den intimen Angelegenheiten von uns Menschen. Reden Sie daher nicht bei Besuchen oder am Telefon über die „Topfgeschichten“ des Kindes. Nun wenn das Kind es selbst will, kann es z.B. Oma und Opa von diesen „Neuigkeiten“ berichten.
  • Belohnungen, Versprechen von Geschenken oder gar Bestrafung bei Missgeschicken haben keinen Sinn und können das „Sauber werden“ sowie die Eltern-Kind-Beziehung belasten.
  • Zeigen Sie bei misslungenen Versuchen keine Enttäuschung. Ist das Kind selbst enttäuscht, dann trösten Sie es und machen Sie ihm Mut.
  • Achten Sie auf bequeme Kleidung, die vom Kind leicht aus- und angezogen werden kann.
  • Denken Sie daran, dass Ihr Kind mit dem „Sauber werden“ sehr beschäftigt ist und gestalten Sie den Familienalltag möglichst regelmäßig.
  • Stellen Sie in der Zeit des „Sauber werdens“ keine zusätzlichen Anforderungen an das Kind, wie etwa Änderung der Schlafgewohnheiten oder Schnullerentwöhnung,….
  • Planen Sie bei Unternehmungen außer Haus häufige WC-Besuche ein und denken Sie daran, dass jedes fremde WC eine neue Herausforderung für Ihr Kind ist.
  • Wenn es mit dem Töpfchen am Anfang der Sauberkeitserziehung nicht gleich klappt, sollten Eltern geduldig abwarten, das Töpfchen für einige Wochen wegräumen und es später erneut versuchen.
  • Versuchen Sie nicht, Ihr Kind mit dem Töpfchen vertraut zu machen, wenn es gerade eine einschneidende Veränderung seiner Umwelt erlebt hat, z.B. einen Umzug, ein neues Geschwisterchen oder einen Krankenhausaufenthalt.
  • Reagieren Sie gelassen bei Rückfällen. Selbst wenn Ihr Kind schon eine Zeitlang zuverlässig sauber und trocken war, kann es in bestimmten Situationen zu Rückfällen kommen. Machen Sie kein Drama daraus. Trösten Sie Ihr Kind, und seien Sie verständnisvoll, dann sind solche „Pannen“ bald überwunden.
  • Wenn Ihr Kind nach dem vierten Geburtstag am Tag noch fast ständig einnässt, oder wenn es bereits sauber war und nun ständig wieder nass ist, sollten Sie dies mit Ihrem Kinderarzt besprechen.

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