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Mit Eifer suchen – „Wo ist mein Platz?“

von Beate Reiß

Die Ankunft eines Geschwisterchens bringt Veränderungen in eine vertraute Familiensituation – ein neues Wesen vergrößert die Familie. Systemisch gesehen hat das zur Folge, dass alle Mitglieder ihren Platz neu finden und gestalten müssen. Er geht zwar nicht verloren, es muss aber nachjustiert werden. Kleine Kinder, die bislang die alleinige Aufmerksamkeit und Zuwendung der Eltern erfahren haben, können diese Zeit mit großer Verunsicherung erleben. Alles ist anders! Wie Ihr Kind in dieser Zeit reagiert, hängt sehr stark von seiner Persönlichkeit, seinem Temperament ab und auch davon, wie das neue Kind ist und was es für Bedürfnisse hat.
Ein Geschwisterkind kann sehr stolz auf das jüngste Familienmitglied reagieren, es lieben und umsorgen und in der Betreuung mithelfen wollen.
Da sich jedes Kind nach exklusiver Nähe zu den Eltern sehnt, kann das Leben mit einem Geschwisterchen aber auch zu Verunsicherung führen. Denn nun ist jemand da mit dem die Aufmerksamkeit der Eltern geteilt werden muss.
Die kindlichen Reaktionen sind für viele Eltern herausfordernd, sind aber in den meisten Fällen ganz natürlich und nicht besorgniserregend. So ist diese Lebensphase auch mit Entwicklungs- und Lernschritten verbunden. Das ältere Kind erfährt vielfältige Impulse selbstständiger zu werden und darf immer wieder erfahren, dass Liebe nicht weniger wird, auch wenn sie geteilt wird.
Das ältere Geschwisterkind zeigt seine Irritation auf vielfältige Art und Weise, nicht nur nach der Geburt eines Geschwisterls sondern immer wieder im Laufe der Zeit – wenn es sich  benachteiligt fühlt oder weil das Geschwisterchen (z.B aufgrund einer Krankheit) besondere Fürsorge bedarf oder auch einen Lernschritt macht, neue Fähigkeiten entwickelt und so dem größeren neu oder anders in die Quere kommt.
Mit unterschiedlichem Verhalten fragt es, wo denn nun der eigene Platz ist und ob Mama und Papa es wohl noch genauso lieb haben wie zuvor.

Besonders angepasstes Verhalten

Manche Kinder (häufig Mädchen) verhalten sich besonders angepasst. Sie bemühen sich ganz lieb zu sein, kümmern sich fürsorglich um das Geschwisterchen und fühlen sich schuldig, wenn es nicht so gut gelingt.

  • Versuchen Sie, den Druck, der auf dem Kind liegt, zu lockern. Viel Zuwendung zeigt, dass es nicht nur geliebt wird, wenn es sich besonders brav verhält, sondern, weil es so ist wie es ist. Entsprechend dem Kinderlied „Wie schön, dass Du geboren bist, wir hätten Dich sonst sehr vermisst“

Regression

Vielleicht zeigt ihr Kind auch wieder Verhaltensweisen und Benehmen, welche Eltern schon überwunden glaubten. Es braucht wieder einen Schnuller oder die Windel, spricht in der Babysprache, oder fragt ob es auch ´mal an der Brust trinken darf. Dabei vergewissert sich ihr Kind ob es auch umsorgt wird, sucht nach ihrer Aufmerksamkeit oder probiert einfach nochmals aus, wie es denn nun ist Baby zu sein. Ebenso ist Daumenlutschen oder kurzzeitiges Bettnässen eine Form der Regression.

  • Lassen sie dieses Verhalten ihres Kindes zu – und bald schon wird es gerne wieder groß sein.
  • Sprachlich helfen Sie Ihrem Kind weiter, wenn Sie selber nicht in die Babysprache verfallen, sondern weiter altersgemäß mit ihm kommunizieren.

Aggression

Kinder leben auch offene oder versteckte Aggressionen aus. Eltern erleben sie dann als „schlimm“. Sie gehorchen nicht, machen Spielsachen kaputt oder richten Ihre Aggression auf das Geschwisterkind, die Eltern oder andere Kinder. Damit lässt es Dampf ab oder sucht verzweifelt die Aufmerksamkeit der Eltern.

  • Schauen sie, was dahinter steckt, beobachten sie und setzen gegebenenfalls Grenzen: Niemand darf ernsthaft verletzt werden. Ihr Kind möchte ihre Zuwendung, deshalb hilft keinesfalls Schimpfen, sondern Berücksichtigung der kindlichen Bedürfnisse und Sichtweisen im Tageslauf.
  • Bei auffälligem Verhalten in Kindergarten oder Schule suchen Sie am besten das Gespräch mit den KindergartenpädagogInnen oder LehrerInnen.
  • Wenn die Gefühle Ihr Kind überfordern, helfen Sie ihm das das eigene Erleben in Worte zu fassen „Kann es sein, dass Du wütend/traurig … bist?“ „Ja, ich bin auch manchmal genervt“. Es gibt ihrem Kind Sicherheit, wenn es über die Gefühle reden darf. Die Gefühle sind schon in Ordnung, es braucht halt konstruktive Wege diese auch auszudrücken.

Autoaggression

Manche Kinder zeigen ihren inneren Spannungszustand auch indem sie sich selber verletzen. Die Aggression wird auf die eigene Person gelenkt. So zum Beispiel Nägelbeißen.

  • Schenken Sie Ihrem Kind immer wieder bewusst Aufmerksamkeit. Zurechtweisungen erlebt es eher als demütigend und haben kontraproduktive Auswirkung. Ihre liebevolle Zuwendung entlastet Ihr Kind und stärkt sein Selbstwertgefühl.

Verhaltensänderung wie Trotz, Anklammern und Rückzug zeigen ebenfalls die Verunsicherung des Kindes.

  • Wenn Ihr Kind erleben darf, dass Sie verständnsivoll hinhorchen – und verstehen, dass ein Geschwisterl auch sehr anstrengend sein kann, wird es sich angenommen fühlen.
  • Je nach Alter kann trotziges Verhalten ihres Kindes auch unabhängig von einem Geschwisterl ein Zeichen eines aktuellen Entwicklungsschrittes sein. Denken Sie daran, „es übt mit seiner Willenskraft umzugehen“.

Psychosomatische Beschwerden

Ständige Erkältungen, Schlafstörungen, Bauchweh oder Kopfschmerzen könnten Warnhinweise sein, dass die Seele mit Gefühlen nicht mehr klarkommt. Denn Kinder drücken psychische Not oft mit Schmerzen aus – und zeigen, da stimmt etwas nicht.

  • Kümmern Sie sich verstärkt um Ihr Kind und geben ihm individuelle Zuwendung und Aufmerksamkeit. Zeigen Sie, dass Sie für es da sind.

Kinder brauchen in der Familie die Erfahrung ich komme nicht zu kurz und habe unabhängig vom Geschwisterchen meinen Platz. Denn egal, wie ein Kind mit dem Geschwisterkind zurechtkommt, es verdient Ihre uneingeschränkte Wertschätzung.


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