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Trotz, Wut und andere große Gefühle

von Mag. Katharina Ratheiser

Trotz ist ein Gefühlsausdruck, der im Kleinkindalter normal und sogar notwendig ist. Ihnen als Eltern kann es helfen, sich ins Kind hineinzuversetzen und zu überlegen, was die heftige Gemütsbewegung ausgelöst hat.

Es braucht nicht viel: Papa drückt den Aufzugknopf, Mama schneidet das Brot in Vierecke statt Dreiecke, die Legosteine lassen sich nicht zu einem runden Haus zusammenstecken: Schon springt Leni wild herum wie Rumpelstilzchen und lässt sich dann, schreiend und nicht ansprechbar, auf den Boden fallen. Die Eltern wissen inzwischen, es ist am besten, wenn sie schweigend in der Nähe bleiben und die etwa fünf Minuten abwarten, die es eben dauert. Leni hingegen versteht gar nicht, was mit ihr los ist. Aus ihrer Sicht „trotzen“ die Erwachsenen oder die Legosteine und tun ihr etwas zu Fleiß. Wie eine Welle überrollt sie dann dieses riesige Gefühl der Ohnmacht. Von Zeit und Ort hat sie keine Ahnung mehr, sie taucht unter, sieht und hört schlecht. Langsam rollt die Welle weiter und lässt Leni wieder an die Oberfläche.

Das Gefühlsleben in der Trotzphase
Gefühle tauchen nicht einfach aus dem Nichts auf. Sie werden ausgelöst durch etwas, das wir wahrnehmen und deuten, z.B. als richtig (dann freuen wir uns) oder als falsch (dann ärgern wir uns). Der Ärger bzw. die Wut ermöglicht uns, das zu ändern, was wir falsch finden. Manchmal wird es trotz Kraftanstrengung nicht möglich sein, das Falsche zu ändern. Dann brauchen wir ein weiteres Gefühl, die Trauer, um das Unabänderliche zu akzeptieren. Daran wird sichtbar: Alle Gefühle sind wichtig und haben ihre Berechtigung. Kinder in bester Absicht vor ihnen zu bewahren, macht sie nicht lebenstüchtig.
Trotz ist kein Gefühl, sondern der alterstypische und sehr direkte Ausdruck eines Gefühls. Dahinter kann Wut stecken, oder Angst, Frustration, Eifersucht, Enttäuschung. Schritt für Schritt lernt Ihr Kind mit Ihrer Hilfe, diese Gefühle zu unterscheiden. Trotz ist ein Meilenstein in der kindlichen Entwicklung, denn er zeigt, dass die Selbstwahrnehmung eingesetzt hat. Bei den meisten Kindern passiert das um die Mitte des zweiten Lebensjahres.

Warum Trotz?
Die Trotzphase beschäftigt nicht nur die Eltern, sondern auch die Wissenschaft. Die Gehirnforschung sagt, im Gehirn ist weder der Bereich ausgereift, der für das Planen einer angemessenen Reaktion zuständig ist, noch jener, der Gefühle kontrollierbar macht. Deshalb haben kleine Kinder keine Gefühle, sie sind die Gefühle.
Die Psychologie legt dar, dass ein Trotzanfall der einzige Ausweg für einen kleinen Menschen ist, der spürt, dass etwas nicht in Ordnung ist, aber noch nicht ruhig darüber reden, Alternativen suchen oder die Situation verlassen kann.

Die Evolutionsbiologie deutet Trotz als Kampf um die Elternliebe und den lebenswichtigen Körperkontakt – schließlich fällt die Trotzphase mit dem Zeitpunkt zusammen, zu dem man in der Menschheitsgeschichte am wahrscheinlichsten ein Geschwisterl bekommen hat.
Die Trotzphase hat auch eine ähnliche Funktion wie die Pubertät. Denn nach der engen Beziehung im Säuglingsalter brauchen Eltern ein kräftiges Signal, dass sie dem Kind nun nicht mehr alles abnehmen müssen. Wäre da keine Gegenwehr, würden viele Eltern aus Gewohnheit wohl auch noch ihrem Schulkind den Zippverschluss zumachen. Trotz verteidigt die Autonomie. Er ist ein Beweis gesunder Entwicklung und niemals ein Erziehungsfehler.

Braucht ein Trotzkind Grenzen?
Keine zusätzlichen. Der Trotz wird ja gerade durch Grenzen – natürliche oder von anderen gesetzte – ausgelöst. Abgesehen davon kann ein trotzendes Kind momentan gar nichts wahrnehmen, also prallen Drohungen und Strafen ebenso wie Trostversuche und Beschwichtigungen erst einmal ab. Und wenn der Trotzanfall vorbei ist, dann ist es wichtig, zur Tagesordnung überzugehen und zu signalisieren: Es ist in Ordnung, diese Gefühle zu haben. Jeder einzelne bewältigte Trotzanfall, nach dem Ihr Kind feststellt, dass die Welt noch ok ist und Sie es immer noch liebhaben, hilft ihm ein Stück weiter auf dem Weg zur eigenständigen Gefühlsregulation.

Ist das auch Trotz?
Je nach Temperament zeigen Kinder unterschiedliche Trotzreaktionen. Manche schreien bis ihnen die Luft wegbleibt, manche treten, schlagen um sich oder werfen sich auf den Boden. Manche schlagen mit dem Kopf gegen die Wand. Andere Kinder sind stur, zurückgezogen und bockig.

Ein Trotzanfall kann sich zu einem Affekt- oder Weinkrampf steigern. Das Kind schreit, läuft blau an und zuckt mit Armen und Beinen. Dann wird es plötzlich schlaff und atmet flach und oberflächlich. Ein solcher Anfall ist erschreckend, aber harmlos und nach einigen Minuten vorbei. Der Unterschied zu einem epileptischen Anfall ist, dass ein Affektkrampf immer die Folge einer Enttäuschung ist. Ihr Kind will etwas, kann oder bekommt es aber nicht. Hat Ihr Kind einen Weinkrampf, bleiben Sie ruhig und lassen Sie es nicht allein.

Ein anderes Phänomen ist der Nachtschreck. Er tritt in der ersten Nachthälfte auf. Das Kind beginnt plötzlich zu schreien, wirkt verwirrt, hat die Augen weit offen, schwitzt und atmet heftig. Es erkennt die Eltern nicht und lässt sich nicht beruhigen. Nach etwa zehn (in Einzelfällen bis zu 30) Minuten schläft das Kind friedlich ein. Nachtschreck ist ein normales Schlafphänomen, das gehäuft im Trotzalter vorkommt, aber nichts mit Trotz oder Temperament zu tun hat. Am nächsten Morgen hat Ihr Kind keine Erinnerung an den Nachtschreck, das ist der Unterschied zu Albträumen.

Wann hört es auf?
Mit vier Jahren ist der Höhepunkt der Trotzphase meist vorüber. Bis zum Vorschulalter sind vereinzelte Trotzanfälle normal. Eine allgemeingültige Altersgrenze gibt es weder nach unten noch nach oben, weil die individuelle Reife und das Temperament eine wichtige Rolle spielen. Sollten die Anfälle so häufig oder intensiv sein, dass sie das Familienleben belasten, können Sie sich bei einer Familienberatungsstelle Unterstützung holen.

Was können Eltern tun? – Empathie und Verständnis
Um zu dem Beispiel vom Anfang zurückzukommen: Aus Ihrer Sicht ist es nur ein Aufzugknopf. „Leni muss lernen, dass sie nicht immer bekommen kann, was sie will“, denken Sie. Aus Erwachsenensicht ist das völlig ok. Aber wie sieht es fürs Kind aus? Leni hatte ein Ritual im Kopf abgespeichert – noch dazu ein besonders wichtiges Ritual, an dessen Ende eine Trennung, der Abschied von Papa im Kindergarten steht. Nun ist dieses Ritual völlig durcheinander geraten. Das schafft Unsicherheit: Ist heute alles anders? Kommt Papa am Ende diesmal nicht mehr zurück?

Hat man erst einmal verstanden, welches Gefühl oder Bedürfnis den Trotzanfall ausgelöst hat, tut man sich leichter mit der Reaktion. Wäre es möglich, zurückzugehen und Leni den Aufzug noch einmal holen zu lassen? Das ist nicht Nachgiebigkeit, sondern Verständnis. Beim Lego, das nicht rund werden will, ist es anders – Verständnis zeigt sich hier durch den Satz „Das ist wirklich sehr ärgerlich. Du willst unbedingt, dass das Haus rund wird, aber es geht einfach nicht.“

Ihre Aufgabe als Eltern ist nicht, Ihr Kind ständig glücklich zu machen. Sondern vielmehr, ihm über Rückschläge und Unglück hinwegzuhelfen. Wenn das gelingt, machen Trotzreaktionen mit der Zeit einem abgestufteren Umgang mit Gefühlen Platz.


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