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Wandel der Väterrolle

von Thomas Weiß, BA MA M.Ed.

Die Industrialisierung hat die Väter gleichsam aus der Familie gelockt oder sie vertrieben. Lange Zeit hieß Vatersein, sich außerhalb der Familie für sie zu engagieren, vor allem für das Einkommen zu sorgen. Der Vater war für die Familie da, weil er weg war. Heute wirkt das Vatersein nicht mehr indirekt, sondern direkt. Die Rückkehr der Väter in die Familie ist wohl das Wichtigste am Wandel des Vaterseins. Mit dieser Rückkehr verbunden ist auch eine neue Entdeckung der Qualitäten der Väter und ihrer Wichtigkeit. Denn längere Zeit schien es so und wurde es ideologisch vermittelt, als seien Väter tatsächlich weitgehend entbehrlich.
Die traditionellen Funktionen des Vaters – als Erzeuger, Versorger, Ernährer, Patriarch, Familienpolizist oder Richter – lösen sich auf. Vatersein heute ist kein Status, kein Orden an der Brust. Dadurch ist Vatersein nicht (mehr) statisch gefragt, sondern Vatersein ist Tun: es wird erst im Handeln hergestellt. Die neuere Väterforschung belegt eindrücklich, dass die Väter für die Entwicklung der Kinder sehr wichtig sind. Väter werden heute viel mehr durch ihren emotionalen Beitrag als bedeutend fürs Kind gesehen: Je einfühlsamer ein kleines Kind vom Vater behandelt wird, desto sicherer gehen ein älteres Kind, ein Jugendlicher oder eine Jugendliche als junge Erwachsene mit emotionalen Bindungen um. Väter werden von den Kindern auch fürs Spielen gebraucht. Sie sind vor allem für das entdeckende Spiel sehr wichtig.
Die Mutter-Kind-Beziehung ist in einem anderen Zusammenhang zu sehen, sie ist gewissermaßen durch die körperliche Verbindung selbstverständlicher. Der Vater ist der erste Erwachsene, der das Kind annimmt und liebt, der ihm das Aufgehoben sein bietet, welches mitentscheidend ist für das Vertrauen der Kinder in die Welt ist. Wenn nun der Vater für Kinder so wichtig ist, heißt das für die Väter, viel stärker die Verantwortung fürs Vatersein zu übernehmen und aktiv zu managen. Denn auch für Väter selbst bietet das aktive Vatersein dabei Entwicklungspotenziale. Sie lernen z.B. viele Jobs gleichzeitig zu managen, entwickeln ihre männlich-fürsorgliche Seite, wachsen in neue Verantwortungsbereiche hinein, erfahren und anerkennen die Bedeutung von Zuverlässigkeit und Selbstsorge.

Vatersein als Problem der Modernisierung

In der heutigen Zeit entstehen als Folgen der Modernisierung immer häufiger Schwierigkeiten. Väter, die sich entziehen, die einfach verschwinden, oft nicht einmal Unterhalt bezahlen; solche, die den Kontakt mit den Kindern abbrechen aus Scham darüber, ihnen aus der Distanz nicht mehr bieten zu können; Väter, die aus der Familie gedrängt oder dafür gestraft werden, dass sie die Beziehung zur Mutter beenden wollten; und es gibt viele Väter, die sehr gerne mit ihren Kindern zusammenleben, die jeder auf seine Art versuchen, ein guter Vater zu sein.
Von den Normen her ist das Vatersein gut besetzt und bedient. Was ein guter Vater für das Kind, was er für die Frau bedeutet, wird öffentlich oder privat häufig angesprochen. Diese Erwartungen von verschiedenen Seiten, müssen Männer auf die Reihe bringen und ausbalancieren. Sie sind in den letzten Jahrzehnten immer größer geworden. Fast scheint es, als würden die Ansprüche an Väter im gleichen Maß gesteigert, wie die Anforderungen der Arbeitswelt an sie. Vielen Vätern wird ihr Vatersein durch die Zwänge der Berufsarbeit schwer gemacht. Die beruflichen Anforderungen sind in den meisten Branchen seit 30 Jahren enorm gestiegen: Stress muss ausgehalten werden, Weiterbildungen sichern die künftige Arbeit ab, kollegiale und fachliche Netze machen Arbeit verbindlicher und den Arbeitsplatz zumindest scheinbar sicherer, all dies erfordert Zeit, die in der Familie fehlt. Drohende Arbeitslosigkeit zwingt viele Väter zu verstärkter Normalität und offensiver Unauffälligkeit. Kreatives Vatersein wird oft nicht als Wert, sondern als Risiko bezeichnet; aktive Väter gelten bisweilen als unzuverlässiger und nicht so belastbar. Viele Arbeitgeber verhalten sich mit dieser Haltung offen oder latent väterfeindlich und erkennen nicht Nutzen und Chancen, die für sie im Vatersein der Mitarbeiter stecken.
Hier, im Beruflichen, gibt es einen entscheidenden Unterschied zwischen Frauen und Männern. Während sich bei Mädchen und Frauen das Drei-Phasen-Modell stabil durchgesetzt hat (Beruf, Familie, Beruf), sind männliche Leitbilder im Zusammenhang mit Berufsbiografien nach wie vor linear ausgelegt (Beruf, Beruf, Beruf). Gekoppelt mit der Norm, durch die Arbeit eine ganze Familie ernähren zu können, erhält Berufsarbeit eine fast schon magische Bedeutung. Weil es sich dabei um Normen, um strukturelle Bedingungen handelt, und weil deshalb die Vorstellungs- und Gestaltungsspielräume vieler Väter relativ eng sind, sollten vor allem moralisch angereicherte Veränderungserwartungen nicht auf den einzelnen Vater abgewälzt werden. Es geht um die Veränderung von Strukturen und ohne eine Veränderung der Arbeitswelt geht nur sehr wenig.

Vatersein als Versuch sich in der Moderne zu behaupten

Auf der persönlichen Seite kommt hinzu, dass jeder Vater zuerst einmal Sohn ist. Viele Männer, die Väter sind oder werden, haben keine Vorstellung davon, wie gutes Vatersein geht. Manche tragen nur die Überzeugung mit sich, nicht so, wie mein Vater, und am besten natürlich, besser als mein Vater. Dazu gesellt sich im Lauf der Zeit noch eine Reihe von idealisierten Bildern aus der Werbung oder aus den Medien (Familienserien; moralisches Konstrukt der "neuen Väter"). Dieses Material reicht fürs aktive oder gute Vatersein absolut nicht aus. Das Schielen aufs Traditionelle, wie es früher war, liegt hier nahe. Traditionelles Vatersein passt aber weder in die Moderne, noch zu den Partnerinnen, ohne die das Vatersein schon überhaupt nicht geht.
Viele Väter wollen sich deshalb nicht auf negative Abgrenzungen beschränken oder im Traditionellen stecken bleiben, aber auch nicht auf kommerzielle oder ideologische Hohlformeln ausweichen. Weil es weder klare Regeln und Richtlinien noch stabile Vorbilder gibt, an denen das Vatersein jeweils aktuell abgeschaut werden kann, muss das Vatersein quasi immer wieder neu erfunden werden. Wir können das Vatersein somit, als einen ständigen Versuch begreifen. Die Versuchsanordnungen unterscheiden sich, das Vatersein darf vom Vater gestaltet, es muss aber auch von ihm bewältigt werden. In diesem Dilemma der Moderne hilft die permanent nörgelnde Kritik an Vätern von allen Seiten wenig. Väter brauchen vor allem Anregungen und Vorstellungen davon, wie das Vatersein gelingen kann, dass es für alle Beteiligten einigermaßen akzeptabel und zufriedenstellend ist.
Dieser Bedarf ist nicht einfach zu decken. Denn jeder Vater ist anders, jeder lebt in einer anderen Situation, hat eine andere Biografie, bringt andere Kompetenzen und Potenziale mit. Und selbst das,  was scheinbar immer gleich ist, das familiäre Dreieck (Vater – Mutter – Kind) unterscheidet sich bei näherem Hinsehen enorm. Das Vatersein ist zwar überall "irgendwie" zwischen dem Kind, der Mutter und der eigenen Person positioniert und in allen Dimensionen dieses Dreiecks kommt es auf jeweils eigenes Gewichten an. In einer traditionell-ländlichen Familiensituation stellt sich das Vatersein aber völlig anders dar als in einer getrennten Familiensituation, das Stiefvater-Sein ist wieder etwas ganz anderes, als es das Vatersein in einer gebundenen Familie ist, und ist es nicht eine andere Situation fürs Vatersein, ob das Kind ein Mädchen oder ein Junge ist, es ein oder viele Geschwister hat, es gesund oder behindert ist. Hat der Vater einen guten Beruf oder ist er arbeitslos, angestellt, selbständig oder freiberuflich, ist er gesund, körperlich oder gar psychisch krank ist? Allein hier öffnen sich die Welten des Vaterseins so breit, dass alles Eindimensionale fragwürdig wird. Im Normalfall bastelt sich jeder Vater sein eigenes "Vater-Modell". Diese Gestaltungsleistung kann ihm niemand abnehmen, aber dafür darf der Vater auf seine Art des Vaterseins besonders stolz sein.


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