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Wie süchtig machen Computerspiele?

von Mag. Karina Kaiser-Fallent

Ein Phänomen, mit dem man sehr häufig konfrontiert wird, wenn man sich mit digitalen Spielen beschäftigt, ist die von Vielen geäußerte Sorge nach dem Suchtpotential von Spielen. Viele Eltern diagnostizieren bei ihren Kindern sehr schnell, dass sie süchtig wären, weil sie jede freie Minute vor irgendeinem „Kastl“ verbringen. Das Familienleben kann unter diesem dauernden Streitthema sehr leiden und die Kommunikationsbasis zwischen Eltern und Kindern droht immer weiter verloren zu gehen.
In diesem Zusammenhang stellen sich viele Fragen: Wie süchtig machen Computerspiele wirklich? Wie viele junge Menschen sind von diesem Problem betroffen? Woran erkenne ich, ob jemand süchtig ist und vor allem: Wie kann ich dieser Person helfen?

Ist Computerspielsucht wirklich eine Sucht?

Vorweg, die Frage ob Computerspielsucht eine wirkliche Sucht ist oder nicht, ist bei Experten stark umstritten. Noch 2007 lehnte beispielsweise die American Psychiatric Association die Aufnahme in die Liste von Verhaltens- und Impulsstörungen ab. In der Zwischenzeit hat sich das zwar geändert, aber man sieht, dass die Diskussion darüber noch im Gange ist.
Süchte lassen sich in zwei große Kategorien unterteilen, einerseits die substanzgebunden Abhängigkeiten wie bei Alkoholismus, Rauchen oder Drogenkonsum und andererseits Impulskontrollstörungen, Zwangsstörungen oder Verhaltenssüchte. In die letztere Kategorie fällt die Computerspielsucht, wenn man sie als solche bezeichnen will. Fachleute raten aber eher dazu, von exzessivem Spielverhalten anstatt von Sucht zu sprechen.
Ein anderes Phänomen ist, dass das Wort „Sucht“ in sehr unterschiedlichen Zusammenhängen und mit unterschiedlichen Wertigkeiten verwendet wird. Während es wissenschaftlich einige relativ klare Bezeichnungen bzw. Definitionen für pathologisches Suchtverhalten gibt, drücken in der Alltagssprache viele Menschen persönliche Vorlieben für gewisse Dinge oder Verhaltensweisen mit der Aussage, „danach süchtig zu sein“ aus. Dass damit natürlich zwei ganz verschiedene Sachverhalte gemeint sind, ist uns zwar durchaus klar, es schadet aber nicht, das hier nochmals zu betonen.

Problematische Diagnose-Kriterien

Dazu kommen noch einige Unschärfen in den Diagnosekriterien, bei denen nicht ganz klar ist, ob die Wurzel dafür nicht viel mehr in der Pubertät bzw. einer ganz normalen Entwicklung eines jungen Menschen liegen, anstatt im Spielverhalten. Es gibt Fragebögen, die versuchen, das Vorhandensein von exzessivem Spielverhalten festzustellen, sie gehen aber leider meist nicht auf die Lebensrealitäten junger Menschen ein. Wie oft kann es denn auch ohne das Zutun von Computerspielen dazu kommen, dass ein/e Jugendliche/r zeitliche Vorgaben missachtet oder beispielsweise alles andere lieber tut, als dabei zu helfen, den Familienmittagstisch aufzudecken oder den Müll wegzubringen. Wie häufig kommt es auch so vor, dass sich junge Menschen in ihre Zimmer zurückziehen und lieber alleine sein wollen, anstatt Zeit mit der Familie zu verbringen. Auch dass alles andere lieber gemacht wird, als für die Schule zu lernen oder Hausübungen zu machen, kann sicher nicht Computerspielen in die Schuhe geschoben werden.
Auch wenn es für Außenstehende nicht immer klar ersichtlich ist, Computerspiele sind sehr multidimensional und der Eindruck, dass der/die Spielende immer nur das gleiche tut, täuscht sehr stark. Erstens werden in den meisten Fällen viele verschiedene sehr unterschiedliche Spiele gespielt und zweitens gehören Planung, Vorbereitung, Kommunikation mit anderen Spielenden, taktisches Denken und auch Nachbereitung genauso dazu.
Ab wann sprechen nun Experten/innen von einem pathologischem (sprich krankhaftem) Suchtverhalten? Die reine Nutzungszeit ist dabei nicht entscheidend, viel relevanter ist der Faktor der psychischen Abhängigkeit. Das Institut für Suchtprävention schlägt beispielsweise folgende Diagnosekriterien vor:

  • Häufiges unüberwindliches Verlangen zu spielen
  • Kontrollverluste (längeres Spielen als beabsichtigt) verbunden mit diesbezüglichen Schuldgefühlen
  • Sozial störende Auffälligkeiten im engsten Kreis der Bezugspersonen (Partner, Familie, Freunde)
  • Nachlassen der Arbeitsfähigkeit
  • Verheimlichung oder Bagatellisierung der Gebrauchsgewohnheiten
  • Psychische Reizbarkeit bei Hinderung am Spielen (kann sich in Form von Nervosität, Reizbarkeit und Depression auswirken)
  • mehrfach fehlgeschlagene Versuche der Einschränkung

Anders als bei vielen anderen Verhaltenssüchten ist exzessives Computerspiel fast immer auf eine bestimmte Lebensphase beschränkt, es gibt so gut wie keine erwachsenen „Computerspielsüchtigen“. Auch eine Rückfallgefahr wird von den meisten Experten als nicht gegeben angesehen.

Eigendiagnose Spielsucht

Wir sehen, dass diese Kriterien nicht immer ganz eindeutig und messbar sind, es wundert daher nicht, dass viele besorgte Eltern schnell mit der Eigendiagnose zur Hand sind, der eigene Nachwuchs wäre spielsüchtig. Sehr häufig meint man damit aber nichts anderes, als die von Eltern oder Erziehern benutzte Umschreibung des Tatbestandes, dass ein Kind oder Jugendlicher aus der Sicht Erwachsener zu viel spielt und der Erwachsene selbst nicht versteht, weshalb dies der Fall ist.
Diese Beschreibung erfolgt fast immer aus der Außensicht, also von Personen, die selbst wenig bis gar nicht spielen und daher auch die Faszination einzelner Spielewelten nicht nachvollziehen können. Noch viel häufiger trifft man auf eine komplette Ablehnung digitaler Spielwelten. Die eigene Haltung zum Thema Computerspiel spielt dabei eine sehr große Rolle. Ein einfaches Rezept, um das zu überprüfen ist die Fragestellung: „Wäre ich genauso besorgt, wenn mein Kind die gleiche Zeit mit Schach oder Handball verbringen würde? Würde ich dann sagen, das Kind ist schachsüchtig?“
Computerspiele können Zeit und Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen, ohne damit auch gleich süchtig zu machen. Sie sind Teil normaler jugendlicher Lebenswelten und haben dabei auch viel positives Förderpotential.
Die Frage nach der Einordnung von exzessivem Spielverhalten ist in der Praxis aber spätestens dann zweitrangig, wenn sich Symptome zeigen, die denen von echten Süchten sehr ähnlich sind und sich Auswirkungen auf das Leben in der physischen Welt zeigen.

Warum spielen Jugendliche?

Was suchen nun exzessiv Spielende aber auch „normale Spieler/innen“ in Computerspielen? Welche Bedürfnisse haben sie, die in ihren physischen Lebenswelten nicht gestillt werden und die sie in virtuellen Spielwelten finden? Hier einige Erklärungsversuche:

Spielspaß statt Langeweile.

Wenn man mit Jugendlichen spricht und sie nach dem Grund fragt, warum sie so viel spielen, ist Langeweile einer der am häufigsten genannten Gründe für das Spielen. Jungen Menschen fällt es oft sehr schwer, sich selbst zu beschäftigen, an adäquaten Alternativen seitens der Eltern oder der Familie mangelt es recht häufig.

Erfolg statt Versagen

Jugendliche sind in ihrem Alltag sehr häufig mit dem Gefühl des Versagens konfrontiert ¬– Lob gibt es dagegen nur selten. In der labilen pubertären Entwicklungsphase eines jungen Menschen kann hier sehr schnell das Gefühl entstehen ein „Loser“ zu sein, etwas was kein Mensch gerne ist. Computerspiele sind so gestaltet, dass Erfolg mit sofortiger Belohnung verbunden ist. Im Spiel bin ich Sieger und kein Versager. Das Spiel ist quasi eine Bestätigung der eigenen Leistungsfähigkeit.

Anforderung statt Überforderung

Die Anforderungen an heranwachsende Menschen steigen konstant, sei es in der Schule oder in der Ausbildung. Der/die Jugendliche wird immer älter und wir als Familie oder Gesellschaft verlangen dementsprechend auch immer mehr von ihm oder ihr. Bei vielen Jugendlichen kann hier sehr oft ein Gefühl der Überforderung entstehen. Was Computerspiele dagegen hervorragend können, ist eine Balance zwischen Anforderung und Können zu schaffen. Computerspiele geben das Gefühl, den Herausforderungen Schritt für Schritt gewachsen zu sein.

Macht statt Ohnmacht

Das Gefühl von Ohnmacht und Ausgeliefertsein, nicht selbst bestimmen zu können, was man tut oder wohin man gehen möchte, ist ein ganz normaler Teil der Jugend. Man ist noch nicht erwachsen genug, um über sein Leben selbst bestimmen zu können, aber auch nicht mehr Kind genug, um dauernd anderen Menschen die Kontrolle und Entscheidung zu überlassen. Dazu kommt die Frage, wieviel man selbst überhaupt bewegen und bewirken kann, Fachleute sprechen von sogenannten „Selbstwirksamkeitserfahrungen“. Im Spiel dagegen erleben Jugendliche ein Gefühl der Kontrolle und Macht. Sie bestimmen, was passiert, es gibt zu jeder Herausforderung eine oder mehrere Lösungsmöglichkeit.

Fairness statt Ungerechtigkeit

Wie oft hört man aus dem Mund eines jungen Menschen den Satz: „Das ist ur unfair!“ Gerechtigkeit und das Gefühl, selbst nicht gerecht behandelt zu werden sind häufige und normale Erscheinungen in der Pubertät. Gleichzeitig steigt das Verlangen nach einer fairen und gerechten Welt. Im Gegensatz zum Leben, das allerdings oft ungerecht ist, sind Computerspiele dagegen immer fair. Das Spiel unterscheidet nicht, von wem es gespielt wird, jede/r hat die gleichen Chancen und Möglichkeiten.

Entspannung statt Frust

Ähnlich wie fesselnde Romane, Bücher oder Filme, können Computerspiele Zufluchtsorte darstellen, um abzuschalten, wenn der Alltag als unangenehm und frustrierend erlebt wird. Spiele bieten die Chance zur Erholung oder als Ausstieg für eine gewisse Zeit. Man kann beim Spielen die Sorgen des Alltags für eine gewisse Zeit vergessen und so auch neue Energien tanken.

Up to date statt nicht mitreden können

Klar ist, dass Spiele in jugendlichen Lebenswelten eine große Rolle spielen. Um dazuzugehören und nicht zum Außenseiter/in zu werden, muss man daher auch mitreden können. Neu erscheinende Spiele müssen etwa schnell gespielt werden, um mit anderen in der peer-group darüber reden zu können.

Aggressionsabbau

Aggressionen – die sprichwörtliche Wut im Bauch – können sehr schnell auftauchen und die unterschiedlichsten Gründe haben. Als erwachsene Menschen wissen wir meist recht gut damit umzugehen und dass es nicht sinnvoll ist, diese an anderen auszulassen, genauso wenig, wie sie runterzuschlucken. Wir haben Mechanismen gefunden, um sie auf andere Art und Weise abzubauen, beispielsweise durch Sport. Für Jugendliche (durchaus aber auch für Erwachsene) können Computerspiele hier durchaus ein probates Ventil darstellen, um aufgestaute Aggressionen abzubauen.

Kommunikation statt Einsamkeit

Viele Spiele werden heutzutage nicht nur alleine auf dem eigenen Computer oder der eigenen Konsole gespielt, sondern gemeinsam mit Tausenden anderen Spieler/innen. Hier findet naturgemäß auch viel soziale Interaktion und Kommunikation statt, das Spiel ist daher auch nur der Anlass, um sich mit Anderen online zu treffen und Kontakt mit der Peer-Group zu haben. Für junge Menschen ganz wichtig ist, herauszufinden, wie sie in der Gruppe wirken. Auch als Außenseiter abgestempelte Personen können zu Ansehen und Anerkennen gelangen.

Spielwelten nehmen viel Zeit in Anspruch

Viele Spiele erfordern viel Zeit, um in ihnen erfolgreich sein zu können. Die Spiele laufen auch dann weiter, wenn man sie gerade nicht spielt und oft müssen Aufgaben zu ganz bestimmten Zeitpunkten stattfinden. Auch das Zusammenspielen mit anderen Menschen, die in anderen Teilen dieser Erde leben, kann dazu führen, dass man spätnächtens in den Kampf gegen feindliche Monster ziehen muss, wenn der Rest des Clans nur dann Zeit hat.

Auswege aus der Spirale

All diese Bedürfnisse von jungen Menschen können Computerspiele in hervorragender Art und Weise erfüllen. Problematisch wird es vor allem dann, wenn dies im physischen Leben nicht mehr passiert und junge Menschen nur mehr Zuflucht in digitalen Räumen finden. Eines ist aber klar, der Grund für exzessives Spielverhalten liegt nicht in Computerspielen, sondern in der Persönlichkeitsstruktur eines Menschen und in dessen konkreter Lebenssituation. Dem exzessiven Spielen liegt ein Bedürfnis zugrunde, das im Alltag nur unzureichend erfüllt wird – eben dieses Bedürfnis ist aber auch der Schlüssel zur Rückkehr in den Alltag.
Was kann man nun tun, wenn man das Gefühl hat, ein Kind spielt mehr als es gut ist? Einer der wichtigsten Schritte gleich zu Beginn ist, nicht von "Sucht" zu sprechen. Der Begriff stigmatisiert und verurteilt und hilft nicht bei der Lösung. Den/die Spieler/in dauernd mit Vorwürfen zu konfrontieren, bringt niemandem etwas und zerstört nur die Gesprächsbasis. Durch Druck, Erwartungen und Vorwürfe macht man das Spiel unter Umständen noch viel interessanter.
Ein verständnisvoller und aufgeklärter Umgang und ehrliches Interesse an dem, was gespielt wird, sind viel bessere Zugänge und helfen dabei herauszufinden, welches Bedürfnis im Alltag nicht gestillt wird. Miteinander reden und besprechen, wie man andere, zusätzliche Möglichkeiten findet, ist hier sicher der vernünftigere Ansatz. Nur so kann man die Ursachen herausfinden und auch bekämpfen. Statt auf die durch das Computerspiel entstehenden Defizite sollte man viel mehr auf die vielen anderen Chancen und Möglichkeiten hinweisen.
Es geht darum, Teufelskreise zu durchbrechen und neue Handlungsräume zugänglich zu machen. Ein Problembewusstsein und Umdenken ist notwendig, aber weniger auf Seiten des Spielenden, als vielmehr auf Seiten des Umfeldes, für die wahren Beweggründe, die zu exzessivem Spielverhalten führen. Es geht darum, den Jugendlichen Anerkennung für ihre Leistungen zu zollen, sowohl in der physischen als auch in den digitalen Welten. Eigenverantwortlichkeit muss gestärkt, eingefordert aber vor allem auch zugelassen werden – damit auch Selbstwirksamkeitserfahrungen ermöglicht werden. Der von den Eltern losgelöste Kontakt mit anderen Jugendlichen darf nicht eingeschränkt, sondern soll gefördert werden.
Das Ziel hinter all diesen Maßnahmen muss es allerdings nicht sein, dass Jugendliche aus äußerem Zwang mit dem digitalen Spiel aufhören, sondern dass sie wieder einen vernünftigen Umgang damit entwickeln und es keine negativen Auswirkungen auf das restliche Leben mehr gibt.

Professionelle Hilfe

Spätestens dann, wenn die Situation zu entgleiten droht oder wenn es keine gemeinsame Gesprächsbasis mehr gibt, dann sollte man lieber zu früh als zu spät professionelle Hilfe in Anspruch nehmen.  Erste Anlaufstelle können dafür wie in vielen anderen Fällen auch Rat auf Draht (www.rataufdraht.at) oder die Familienberatungsstellen (www.familienberatung.gv.at) sein. Außerdem stehen eigene psychotherapeutische Ambulanzen zur Verfügung, die sich auf Mediensucht spezialisiert haben, etwa in der Sigmund Freud Privatuniversität Wien.


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